|
Samar - oder die Geschichte der
ScherbenEngel aus Bethlehem
 |
entnommen aus:
Mitri
Raheb
Bethlehem
hinter
Mauern
Geschichten der
Hoffnung aus einer
belagerten Stadt
1.
Aufl. 2005
185 S. mit zahlr.
sw-Fotos Geb.
ISBN 3-579-06853-9
Erschienen: Mai 2005
Dieses Buch
ein ergreifender Appell, Mauern und Stacheldrähte endlich
einzureißen und neue Wege zu gehen.
mehr >>>
mit Schutzumschlag
EUR 16,95 |
Samar ist eine 38-jährige christliche
Palästinenserin, die nie einen Schulabschluss erworben hat. Sie verlor
ihren Vater, als sie 13 war, fand aber glücklicherweise ihren Ehemann
George, einen jungen lutherischen Christen aus demselben Ort. Samar
und George sind mit zwei wundervollen Kindern gesegnet. Die vier
hatten nie ein leichtes Leben, doch immerhin können sie den Kampf des
Alltags gemeinsam besser bestehen als alleine. Ihre tägliche Sorge
bestand meist darin, ob sie am Monatsende ihre Miete bezahlen können,
wie sie die Wasser- und Stromrechnung begleichen sollten, und wie sie
schließlich für die Kinder und sich selbst ausreichend Essen und
Kleidung besorgen könnten.
Im September 2000 war ihre Lage
einigermaßen stabil. Samar arbeitete in einem neu eröffneten
christlichen Gästehaus, und George verdiente sein Geld in einer
Textilfabrik in einem benachbarten Dorf George begann, von einer
besseren Zukunft zu träumen. Er wandte sich an mich, um mich um ein
kleines Darlehen zu bitten. Damit wollte er sich ein paar Nähmaschinen
kaufen, so dass er sich als Schneider selbstständig machen könne -
besonders da die Löhne in seiner Branche sehr gering waren. Obwohl er
acht Stunden am Tag und sechs Tage in der Woche arbeitete, betrug sein
Monatsgehalt nicht mehr als 400 Dollar, und selbst die wurden nur
selten pünktlich ausgezahlt. Ich ermutigte ihn also, seine Idee von
einem eigenen kleinen Betrieb zu Hause weiterzuverfolgen. Er sollte
einen Wirtschaftsplan er arbeiten und ihn mir zur weiteren Diskussion
vorlegen. Einerseits kamen Samar und George gerade so über die Runden,
wollten sich nun aber für eine bessere Zukunft einsetzen, zumindest
für ihre Kinder. Andererseits aber wollte ich nicht, dass er einen
Kredit aufnehme, ohne sich die Risiken eines solchen Schrittes gut zu
überlegen. In den folgenden Wochen zeigte sich, wie unvorhersehbar die
Situation war.
Als die Intifada begann, antwortete Israel
mit kollektiven Strafmaßnahmen. Die Militärschläge und Invasionen
trafen auch Unschuldige. Auch für Samar und George wurde die Situation
immer härter. Das Gästehaus, in dem Samar arbeitete, musste seine
Pforten schließen. Die Touristen wollten angesichts dieser Umstände
nicht mehr nach Bethlehem kommen - ja, nicht einmal mehr nach Israel.
Die Textilfabrik, in der George beschäftigt war, konnte ebenfalls
nicht weiterarbeiten. Die palästinensischen Textilfabriken versorgten
als Subunternehmen größere israelische Firmen, weil die Gehälter in
der Westbank deutlich geringer sind als in Israel. Nach der Intifada
hatten die israelischen Firmen kein Interesse mehr an der
Zusammenarbeit mit palästinensischen Subunternehmern. Sie hatten
außerdem entdeckt, dass die Gehälter in der Westbank sogar noch
unterboten werden von denen in Jordanien. Mit amerikanischen
Subventionen wurde die Textilindustrie nach Jordanien verlagert. Nach
über fünfzehn Jahren Arbeit für dieselbe Firma verlor George seine
Arbeitsstelle. Der Eigentümer der Firma versammelte alle Angestellten,
erklärte ihnen die Lage, teilte ihnen mit, dass er bankrott sei und
dass sie nur einen Teil ihrer Abfindung erhalten würden, und selbst
das nur mit gewisser Verspätung. Schließlich erhielt George vier
Schecks über insgesamt etwa 1000 Dollar - seine Abfindung für über 15
Jahre harter Arbeit.
Für
Samar und George bedeutete die Intifada das Ende ihrer Träume. Nun
waren beide arbeitslos, ohne jegliches Einkommen. Während der ersten
Monate konnten sie von der Abfindung leben, die George von seiner
Firma erhalten hatte. Sie hofften, dass sich die Lage normalisiere, so
dass sie bald wieder arbeiten könnten. Womit sie nicht rechneten, war,
dass dieser Zustand nicht nur Wochen und Monate dauern würde, sondern
Jahre.
Weil Samar und George Mitglieder der
lutherischen Weihnachtskirche sind, wurden sie auf die
Unterstützungsliste der Gemeinde gesetzt. Sie wurden abhängig von den
Nahrungsmittelspenden, die auch andere soziale Einrichtungen der
Region Bethlehem gaben. Das war natürlich keine Regelung, die den
beiden gefiel oder die die Gemeinde langfristig hätte aufrechterhalten
können. Wir mussten einen Ausweg finden, damit Samar und George wieder
»im Schweiße ihres Angesichts ihr Brot essen« konnten (Genesis 3,19).
Unsere Philosophie lautet, Leuten in Not keinen Fisch zu geben,
sondern sie zu lehren, selbst Fische zu fangen, damit sie in Würde
leben können. Nur wie sollten sie sich ihren Lebensunterhalt in einer
Stadt verdienen, deren Arbeitslosenquote bei fast 75 % liegt? Tausende
von Palästinensern, die besser ausgebildet waren, mehr Qualifikationen
hatten und über gute Kontakte verfügten, waren ebenfalls auf
Arbeitssuche.
Samar hatte schon immer eine kreative
Ader. Sie war eine der ersten Teilnehmerinnen an unserem Zentrum für
Kunst und Handwerk. 1998 besuchte sie den ersten Kurs, den das Zentrum
für kreative Arbeit mit Buntglas anbot. Dort lernte sie bei Corinne
Whitlach, Direktorin der Aktion »Churches for Middle East Peace«
(»Kirchen für den Frieden im Nahen Osten«), die in Washington, DC,
USA, ansässig ist. Corinne hatte die Idee, aus zerbrochenen Flaschen
und Glasstücken ein Stück Kunsthandwerk zu schaffen. Diese Methode
verfeinerte sie mit ihren Schülerinnen und Schülern, und sie legte
großen Wert darauf, dass man für diese Arbeit nicht neues Glas kaufen,
sondern altes verwenden solle, gewissermaßen als Recycling. Samar war
eine von Corinnes besten Schülerinnen.
Seit Samar diesen Kurs besucht hatte,
waren schon einige Jahre ins Land gezogen. Als ich mich 2001 mit ihr
traf, war sie kaum zu motivieren, auf das Kunsthandwerk zu setzen.
Ihre Haltung konnte ich nur zu gut nachvollziehen: Wie könnte sie sich
in diesen Zeiten mit Kunsthandwerk beschäftigen? Welcher Palästinenser
könnte es sich leisten, ihre Kunstwerke zu kaufen, wo die Leute sich
doch hauptsächlich Sorgen machen mussten um ihr tägliches Brot? Die
erste Zielgruppe für solche Produkte wären also Touristen, doch Samar
hatte ja ihre Arbeit verloren, weil gerade die nicht mehr in die
Region kamen.
Trotzdem ermutigte ich Samar, an einem
Kurs teilzunehmen, den wir während der Intifada anboten. Mit der
Technik, um die es dort ging, werden verschiedene Glasschichten
miteinander verschmolzen. Die unterste Schicht ist die Basis, während
die anderen Schichten eine interessante Struktur und Farbe abgeben. So
kann man wunderbar Tiere, Blumen und andere Motive, ja ganze Szenen
schaffen, die sich hervorragend als Fenster- und Wandschmuck eignen.
Der Kurs wurde von NORAD veranstaltet, dem Norwegischen Ministerium
für Entwicklung und Zusammenarbeit. Schließlich meldete sich Samar für
den Kurs an und hatte bald zumindest eine Aktivität am Tag, auf die
sie sich freuen konnte.
Als Teil des Projektes entwickelten wir
eine Website (www.bethlehemchristmasmarket.org), die den Künstlern
dazu dient, ihre Werke zu verkaufen. Zumindest würden sie auf diese
Weise ein gewisses Einkommen haben. Wir dachten uns: Wenn die
Touristen nicht nach Palästina kommen können, dann müssen wir zu ihnen
kommen. Schließlich erhielten die Teilnehmer des Kurses einige
Bestellungen über das Internet, und unser Zentrum konnte 2001 einen
schönen Weihnachtsbasar veranstalten. Die Kunsthandwerker freuten sich
nun auf einen neuen Kurs, in dem sie eine dritte Technik erlernen
wollten, die Arbeit mit Glasperlen.
Im Jahr 2002 wurden diese
Kunsthandwerks-Kurse wichtiger, als wir je erwartet hatten. Während
der israelischen Invasionen, des Beschusses durch Panzer und der
Luftangriffe gegen Bethlehem gingen Hunderte von Fensterscheiben zu
Bruch. Glasscherben wurden geradezu zu dem Symbol der Zerstörung
unserer Stadt. Wichtiger noch war an dem Symbol der Scherben, dass sie
die zerstörten Hoffnungen und die zerbrochenen Träume von so vielen
Menschen versinnbildlichten. Nun sehen wir eine Aufgabe unseres
Zentrums darin, mit neuen künstlerischen Symbolen dazu zu ermutigen,
sich auf eine neue Wirklichkeit einzulassen. Die zerstörten
Glasscheiben auf schöpferische Weise weiterzuverwenden bot daher eine
seltene Gelegenheit zu sinnvoller Arbeit. Das Kunsthandwerk diente nun
dazu, kreativ aus Symbolen der Zerstörung Symbole der Hoffnung und des
Friedens zu machen.
Samar hatte schon damit begonnen, kleine
Engel aus Buntglas zu fertigen. Da bestellte der Christliche Rat der
Kirchen in Norwegen im Herbst 2002 eine große Menge solcher
Buntglas-Engel. Die Bestellung war so groß, dass Samar sie allein
nicht bewältigen konnte. So überraschte sie uns eines Tages, als sie
kurzerhand George zu unserem Kurs mitbrachte. Sie wies ihn an, sich
hinzusetzen, ihr zuzusehen und sich abzugucken, wie sie die Engel
herstellte. Sie unter richtet ihn, als er seine ersten Exemplare
herstellte. Samars Mann wurde ihr Schüler und sie seine Lehrerin. Was
für eine Revolution in der Gesellschaft des Nahen Ostens!
Zum
Weihnachtsfest 2002 wurden diese Engel in unserem Gemeindebrief mit
diesem Text vorgestellt:
Liebe Brüder und Schwestern, in diesem
Advent wurden in norwegischen Gemeinden Hunderte von Engeln gesichtet.
Es wird berichtet, dass diese Gestalten Kopf, Beine und zwei Flügel
besäßen. Sie ließen sich sogar berühren. Denn sie sind aus Glas - aus
Scherben zerbrochener Flaschen oder von Fensterscheiben, die während
der israelischen Invasion zerstört wurden. Menschenhände haben diese
Scherben aus dem Müll aufgelesen. Dann wurden die Fragmente von den
Ärmsten der Armen der Region in unseren Kunsthandwerkskursen
zusammengefügt. Der Christliche Rat der Kirchen in Norwegen hatte sie
für Hunderte von Gemeinden bestellt, und nun berichten diese Engel
allen über die »Sorgen und Ängste all jener Jahre«, die wir in
Bethlehem jetzt erfahren. Die Glasscherben sind ein Bild für die
Zerbrochenheit unserer Welt. Damit stehen sie für den Grund, weshalb
Gott Mensch geworden ist. Mit seiner Menschwerdung wurden Gott und
Mensch wieder zusammengebracht. Gott hat das aufgelesen, was wertlos
und hoffnungslos schien, und hat es in eine schöne, ganze neue
Schöpfung verwandelt. Diese Tat Gottes hat vor 2000 Jahren hier in
Bethlehem stattgefunden. Sie ist es, die uns die Kraft gibt,
zerbrochenes Leben und zerstörte Hoffnungen zu suchen und sie auf
künstlerische Art in Engel umzuformen - Boten der Gerechtigkeit, des
Friedens und der Würde. Wir danken Ihnen, dass Sie unsere Partner sind
in dieser »Mission Impossible«, in dieser scheinbar unmöglichen
Mission. Mit Gottes Geist und Ihrer Unterstützung und Ihrem Engagement
haben Sie diese Mission möglich gemacht."
Diese
Engel haben mein Weihnachten 2002 zu einem fröhlichen Fest gemacht.
Als wir am 25. Dezember das Abendmahl hielten, sah ich, wie Samar und
George zum Abendmahlstisch kamen. Samar trug ein prächtiges neues
Kleid, und George hatte seinen brandneuen Anzug an. Als ich ihnen das
Brot reichte, spürte ich, wie stolz sie waren - zum ersten Mal in über
zwei Jahren waren sie nicht mehr auf der Unterstützungsliste der
Gemeinde. Zum ersten Mal seit Beginn der Intifada hatten sie Arbeit.
Sie waren stolz darauf, sich von ihrem selbst verdienten Geld eigene
Kleidung kaufen zu können. Ich spürte förmlich die Würde, die sie
empfanden, weil sie sich nun selbst versorgen konnten.
Als sie schließlich vor mir standen, um
das Brot zu empfangen, hatte ich Tränen in den Augen. Ich war so stolz
auf die beiden. Sie hatten es nicht nur finanziell geschafft. Sie sind
darüber hinaus sogar zu Botschaftern für Palästina geworden. Die
Engel, die sie hergestellt haben, erzählen die Geschichte der
Hoffnung, die zerbrochen war und wiederhergestellt wurde, von
zerstörten und verwandelten Träumen, von zerbrochenem Leben, das
erneuert wurde - die Geschichte von einem einzigartigen,
künstlerischen und ganzen Leben.
Samars
Geschichte ist eine Geschichten der Hoffnung, ausgerechnet
aufgeschrieben in einer Stadt - Bethlehem -, wo es seit fünf Jahren
fast nichts zu hoffen gibt.
Pfr. Mitri Raheb hat 18 Geschichten der
Hoffnung aufgeschrieben, die in den vergangeneren Jahren der Besetzung
Bethlehems durch die israelische Armee selbst erlebt hat.
Angesichts des täglichen Leids und der Not,
angesichts von Depression und Resignation, kämpft Pfr. Raheb seit
Jahren unermüdlich im Internationalen Begegnungszentrum Bethlehem und
in seiner Pfarrgemeinde darum, solche Funken der Hoffnung am Glimmen
zu erhalten und die Hoffnung auf den Frieden im Heiligen Land nicht
erlöschen zu lassen. Mitri Raheb's neues Buch ist daher ein
selbstsprechendes Zeugnis und eine wichtige Lektüre für alle, die die
Situation im Heiligen Land mit Anteilnahme verfolgen. P. Rainer
»Dies ist ein ergreifender Bericht darüber,
was die einfachen Menschen durchmachen, während israelische Soldaten
Bethlehem belagern. ... Dieser Bericht sollte uns aufrütteln, unsere
Komplizenschaft mit dem Unrecht aufzugeben, das die einfachen Leute
erleiden. Ich hoffe, so wird es vielen Lesern im Westen ergehen ...,
die vielleicht zu schnell das Stereotyp des gewalttätigen
Palästinensers übernommen haben. Frieden ist unmöglich, wenn er nicht
Gerechtigkeit für die Palästinenser einschließt.«
Desmond Tutu, ehem. Erzbischof von Kapstadt,
Südafrika
"Mit freundlicher Genehmigung des Verlages"
|