Das Schluchzen
der Kinder im
Allerheiligsten
Bethlehem kennt die Leere, wenn der Tod wieder ein Kind weggeholt
hat. Am Dienstag, den 25. März 2003 wurde die zwölfjährige
Christine Sa'adeh von einer israelischen Sondereinheit getötet,
während sie mit ihrer Familie im Wagen fuhr. Die Militäreinheit
hatte offensichtlich auf einen speziellen Wagen gewartet. Hinter
einer Mauer versteckt sahen die Soldaten einen Wagen kommen, der
genau zu dem Gesuchten passte, eröffneten das Feuer und verletzten
so Christines Vater und Schwester. Eine einzige Kugel traf
Christine in den Hinterkopf und nahm ihr das Leben. Ein Nachbar
eilte herbei, um zu helfen, schrie auf Hebräisch, die Soldaten
möchten doch mit Schießen aufhören. Er rief noch nach einem
Ambulanzwagen und nahm Christine auf seine Arme. Dann kam ein
anderer Wagen und wieder eröffneten die Soldaten das Feuer. Sie
töteten drei Männer. Als die Schießerei zu Ende war, sagte der
Nachbar zu den Soldaten, dass nun ein Ambulanzwagen nicht mehr
nötig wäre. Christine war schon tot. Der Rest der Familie wurde
zum Checkpoint und zum Hadassah-Krankenhaus in Jerusalem gebracht.
Die Soldaten nahmen die Leichen von zwei Männern aus dem Wagen und
ließen den dritten von palästinensischen Sanitätern in ein
örtliches Krankenhaus bringen.
Zwei Tage später füllten Hunderte von Menschen den Krippenplatz.
Sie warteten auf den Trauerzug, der Christines Leichnam zum
Trauergottesdienst in die Geburtskirche bringen sollte. Vorne weg
kamen die Pfadfinder. Ihre bunten Fahnen hielten sie knapp
zusammen. Nur die palästinensische Fahne wehte offen im Wind. Dann
kam der langsame Schlag der Trommler. Ihnen folgten Hunderte von
Kindern mit Blumen, Postern und Photos. Viele weinten. Dann kam
der kleine Sarg, der von männlichen Verwandten hoch über den
Köpfen der Trauernden getragen wurde. Die Menschen drängten sich
für den Trauergottesdienst in die Kirche. Im Allerheiligsten hörte
man das Schluchzen der Kinder. Während wir an der traditionellen
Stätte von Jesu Geburt
standen, hatten diese Tränen besonderes Gewicht. Es
waren nicht nur Tränen um Christines Tod, sondern um den Tod all
der unschuldigen Jugendlichen, Männer und Frauen, die in diesem
Konflikt getötet worden waren. Hier, wo wir die Geburt des
Friedensfürsten feiern, verabschieden wir uns von einem weiteren
Opfer des Unfriedens.
Als wir uns am Sonntagabend zur Vigil noch einmal versammelten,
dachten wir noch einmal an Christine. Sie war eine glänzende
Schülerin, ein liebenswürdiges Kind. Sie hatte einen tiefen
Glauben und eine besondere Gabe des Schreibens. Ihre Familie
ließuns in dieser Vigil eines ihrer Gedichte hören, eine wahrhaft
ernste Bitte um Frieden. Was hätten ihre Worte für ihr Volk, für
die Welt bedeuten können, wenn sie hätte älter werden können?!
Ihre Zeit mit uns ist schon vorbei, weggenommen aus ihrer Familie,
ihrer Gemeinde, ihrer Kirche, ihrem Land durch eine mörderische
Kugel.
Pfarrerin Sandra Olewine
- (übersetzt von Ellen Rohlfs)
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