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Israelische + Jüdische Stimmen


Texte von Gideon Levy


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Der Preis der Unwissenheit
 
Gideon Levy, Haaretz 28.12.03

 Der Selbstmordattentäter an der Geha-Kreuzung, Shehad Hanani, kam aus Beit Furik, einem der Dörfer in den besetzten Gebieten, die am schlimmsten und von allen Seiten von Erdwällen umzingelt und abgesperrt sind. Es ist ein Ort, aus dem Frauen in Wehen und Kranke nur unter großem Risiko über Felder gehen müssen, um ins Krankenhaus des nahen Nablus zu gelangen. Mindestens eine Frau in Wehen, Rula Ashatiya, musste am Checkpoint gebären, wo das Kind starb. Nur wenige Israelis können sich vorstellen, wie das Leben in Beit Furik aussieht: fast vollständige Arbeitslosigkeit, Armut, endlose Belagerung und Demütigungen wie in einem Gefängnis. Ein junger Mann wie Hanani, 21, hat morgens keinen anderen Grund aufzustehen, als sich noch einem Tag ohne Arbeit - aber voller Demütigungen - gegenüber zu sehen.

Die Israelis jedoch haben wenig Interesse, die Geschichte des Landes zu erfahren, aus dem der Terror kommt. Die israelischen Medien haben fast nichts über das Leben in Beit Furik zu sagen. Aus demselben Grund hörten auch nur wenig Israelis von dem Mord an dem Verwandten des Selbstmordattentäters, Fadi Hanani vor 10 Tagen in Nablus. Genau so, hatten sie auch nichts von den Morden an Palästinensern in den letzten Monaten gehört. Das Leben in Beit Furik und der Mord in Nablus rechtfertigen nicht das Selbstmordattentat an der Bushaltestelle – aber wer immer gegen Terror kämpft, sollte zuerst das Leben in Beit Furik verbessern.

 

Israel zählte „81Tage Ruhe“ – ohne Terrorakte. Aber es gibt keine größere Lüge als dies. Die Ruhe war nur hier. Während dieser Ruhe wurden Dutzende von Palästinenser getötet und kaum einer bemühte sich darum, dies zu berichten. So ist es möglich, über Ruhe zu sprechen und dann zu behaupten, dass die Palästinenser sie zerstört hätten. Die Tatsache, dass die Medien nicht über die palästinensischen Toten sprechen, heißt nicht, dass es sie nicht gibt. Z.B. die acht Palästinenser, die letzte Woche in Rafah an einem Tag getötet wurden, ein Morden vom Ausmaß eines mittelgroßen Terroraktes zusammen mit Zerstörung, dessen Ausmaß in Israel unbekannt ist, war nicht genug, um letzte Woche irgendein Interesse zu wecken. Es war kaum einer Erwähnung wert. Die internationale Gemeinschaft befasst sich hervorragend mit diesem erschreckenden Töten. Und der UN-Beauftragte sandte ein spezielles Statement, um dies zu verurteilen. Es gab nur einen Ort, wo dieses ganze Geschehen völlig ignoriert wurde: das Land, dessen Soldaten das Morden begangen haben. Die Bilder der riesigen Bulldozer und Panzer, die immer mehr Häuser zerstören und die Szenen mit den Toten und 42 Verwundeten, unter ihnen Frauen und Kinder, die man in Krankenhäuser in Rafah gebracht hatte, wurden in Israel kaum gezeigt.

 

Das Massenblatt Yedioth Ahronoth z.B. erwähnte das Töten in Rafah als 2. Zeile unter einer Überschrift eines sehr kleinen Artikels innerhalb des Blattes, der sich mit den leichten Verletzungen eines Siedlerpaares in der Gaza-Siedlung Nisanit befasste, auf Grund eines Qassem-Raketenbeschusses. So ist die Nationalagenda bestimmt. Solch schändliche Berichterstattung über eine todbringende Operation der IDF mag an andere Regime erinnern, in denen der Öffentlichkeit nur gezeigt wird, was die Behörden zulassen.

 

Dies hat nichts mit Medienkritik zu tun – es geht um unser Image. Eine Gesellschaft, die den Verlust menschlichen Lebens missachtet, der durch die eigenen Soldaten verursacht wird, ist eine verdorbene Gesellschaft. Eine Gesellschaft, die vor ihren Bürgern vitale Informationen dieser Art verbirgt, untergräbt ihr Gefühl für Gerechtigkeit. Die Situation ist noch schwieriger: wenn man beobachtet, wie sich die israelische Gesellschaft gegenüber den eigenen Opfern verhält. Es gibt nicht viele Gesellschaften, die sich derart intensiv in Trauer verliert. Wir haben also eine Doppelmoral: wir zählen nur unsere eigenen Toten – die anderen existieren nicht.

 

Informationen zu verbergen, hat noch eine andere Auswirkung. Wenn wir nichts wissen, können wir auch nichts hinterfragen. Die acht Palästinenser wurden in Rafah während einer Zerstörung von Tunnels getötet, ohne dass die Frage gestellt wurde, ob diese Mission mit allen ( zur Verfügung stehenden )Mitteln durchgeführt werden sollte und um jeden Preis gerechtfertigt war.

 

Es ist ein wohl überlegtes Ziel. Es erlaubt, die Palästinenser als die einzig schuldige Partei hinzustellen – und dies fällt auf fruchtbaren Boden. Die Mehrheit der Öffentlichkeit will nicht wissen, was die IDF in den besetzten Gebieten wirklich tut. Deshalb sind die Medien ein ernster Teil ihrer Aufgaben. Beide Seiten – diejenigen, die die Besatzung unterstützen und diejenigen, die gegen sie sind - haben Anspruch darauf, die ganze Information über den Preis zu erfahren, den sie kostet.

Die Darstellung des Mordens nur als Randerscheinung vermittelt den israelischen Soldaten eine gefährliche Botschaft: es ist nichts Schreckliches/ Aufregendes (mehr ) am Töten von immer mehr Palästinensern.

Am Donnerstag wurden 15 Passanten beim gezielten Töten des islamischen Jihad-Aktivisten Makled Hamid in Gaza verwundet. Letzte Woche wurden drei Kinder, eines von ihnen 5 Jahre alt, im Flüchtlingslager Balata bei Nablus getötet. In der Woche davor wurden drei Kinder an einem Samstag in Jenin und nahe bei Burkin getötet. Zwei Palästinenser wurden kürzlich am Zaun von Gaza getötet, als sie versuchten, nach Israel zu gelangen, um Arbeit zu finden. Sechs Palästinenser wurden in Rafah bei der vorhergehenden Tunnelaktion Mitte des Monats getötet. Eine wachsende Zahl von Kindern werden in der Nähe des Flüchtlingslagers erschossen. Alle diese Fälle finden in unseren Medien kaum Erwähnung. Aber hinter jedem palästinensischen Opfer steht eine Familie und Freunde – und aus ihren Gräbern erhebt sich Hass.

Ibrahim Abd el Kadr aus Qalandiyah, der vor ein paar Monaten seinen ältesten Sohn Fares verloren hat, als der Vierzehnjährige von Soldaten in den Kopf geschossen wurde, schwor er Rache. Ist es so schwierig, ihn zu verstehen?

Deshalb wird Israel bei so vielen verborgenen palästinensischen Toten einen Preis zahlen müssen. Sie sind der Antrieb/ die Quelle für den Terrorismus. Der Ausschluss aus unserer Agenda heißt nicht , dass auch die Folgen ihres Mordens verschwinden. Hätte Hanani seine Mordaktion an der Geha-Kreuzung ausgeführt, wenn er unter menschlichen Bedingungen aufgewachsen und wenn sein Cousin nicht ermordet worden wäre? Diese Frage sollte uns aufrütteln.

Doch vorläufig steht diese Frage nicht einmal auf unserer Agenda.

 

(Aus dem Englischen: Ellen Rohlfs)

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