Ich lebte während des britischen Mandats,
unter jordanischer Herrschaft aber heutzutage – ich kann es einfach
nicht beschreiben
PNN – Palestine
News Network
Sa’ed Al
Shoukhi, Hebron, 31.08.2005
Die Altstadt
liegt im Zentrum Hebrons und wird als schlagendes Herz und Rückgrat
der Stadt angesehen. Sie ist schon deshalb ein historischer und
heiliger Ort, weil die Ibrahim-Sharif-Moschee hier liegt. Die
Geschichte der Altstadt, des „ancient Hebron“,
geht auf mehr als 400 Jahre, der Bau der Ibrahim-Sharif-Moschee auf
einige Jahrtausende zurück.
Die Altstadt
von Hebron sieht sich ihren härtesten Tagen gegenüber. Israelische
Besatzungskräfte verschärfen die Abriegelung der Hauptzufahrten und
der heiligen Stätten der Stadt. Aus der Ibrahim-Sharif-Moschee wurde
anstelle einer religiösen Begegnungsstätte ein
Militärstützpunkt. Die elektronischen Tore erwürgen die Moschee,
abgesehen von den Dutzenden Absperrungen und
Überwachungseinrichtungen auf den Dächern der umliegenden Häuser.
Abed Al Hadi
Hantash, Fachmann für die Bebauung und den Stadtplan Hebrons,
erklärte, dass mehr als 520 jüdische Siedler im Herzen der Altstadt
leben – verstreut in vier Siedlungsteile, nämlich Ramat Yashay, Bet
Romanio, Bet Hadasa, Abraham Avenue. 3.000 israelische Soldaten
besetzen das Gebiet, d.h. sechs Soldaten kommen auf jeden Siedler.
Er führte aus, dass sich diese Siedler von anderen durch ihren
Radikalismus und politischen Rassismus unterschieden. Gerade dies
mache sie zu einer Zeitbombe inmitten der Hebroner Altstadt, in
welcher 15.000 Palästinenser leben.
Seit dem
Massaker in der Ibrahim-Sharif-Moschee im Jahre 1994 versuchten
viele Regierungs- und Nichtregierungsorganisationen, die Geschichte
der Altstadt zu bewahren, indem sie hier Filialen eröffneten. Die
palästinensische Nationalbehörde gründete ein Komitee für
Rekonstruktion und Sanierung der Altstadt, das darauf abzielt, die
Häuser in Stand zu setzen, so dass deren Bewohner nicht ausziehen
müssen.
Die
israelische Besatzungsregierung gab der Stadt keine Chance, Atem zu
holen. Sie unternahm jedwede Schritte, die Bewohner und
Ladenbesitzer unter Druck zu setzen, damit sie sich außerhalb der
Altstadt niederließen. Und genau dies geschah. 70 % der Bewohner und
Ladenbesitzer entflohen der Altstadt aufgrund der Abriegelungen,
Ausgangssperren, Verhaftungen und täglicher Schikanen.
Taawon - eine Organisation für
Konfliktlösungen ist eine junge, ehrenamtliche
Nichtregierungsorganisation mit Sitz in Ramallah. Diese Organisation
ruft eine Kampagne unter dem Motto „Brecht die
Besatzungsdirektiven in der Hebroner Altstadt“ ins Leben.
Zweihundert freiwillige Universitätsstudenten nehmen daran teil.
Die Idee
entstand, als eine Delegation der Organisation die Altstadt besuchte
und die Abriegelungen, Militärabsperrungen und die zum großen Teil
seit zwölf Jahren geschlossenen Geschäfte sahen. Es gibt mehr als
3.300 Läden in der Altstadt. Die Kampagne mit dem Auftrag, das
Problem zu fokussieren und das Leben in die Altstadt
zurückzubringen, startete am 28. August. Kinder durften ihre
Gesichter bemalen; es gab Mittagessen, Sport und kulturelle
Aktivitäten, Besuche in Wohnungen und in der Moschee.
Kampagnenkoordinator Mahmoud Shibli drückte seine Dankbarkeit dafür
aus, dass sich die Altstadtbewohner aktiv an der Kampagne
beteiligten und begrüßte den Besuch der Aktivisten. Shibli bekundete
jedoch sein Befremden, dass einige Offizielle aus Hebron nicht
teilgenommen hätten und rief die Amtspersonen Palästinas dazu auf,
ihr Land und dessen Bewohner wichtiger zu nehmen. Hani Smeirat,
Leiter der jugendlichen Freiwilligen innerhalb der
Taawon-Organisation, ermutigte die Ladenbesitzer, ihre Geschäfte in
der Altstadt zu öffnen. Die Siedler sowie die Soldaten sollten ihr
Ziel, die Stadt zugrunde zu richten, nicht erreichen.
Der
75-jährige Eigentümer eines Stickereiladens in der Altstadt, Haj
Zuheir, meinte, dass er niemals in seinem ganzen Leben eine
vergleichbare Situation durchlebt hätte. „Ich lebte während des
britischen Mandats und unter jordanischer Herrschaft. Ich kann diese
Tage nicht beschreiben – auf der einen Seite hindern uns Soldaten
mit Hilfe von Absperrungen und Metalltoren am Betreten unserer
Läden, andererseits greifen uns jüdische Siedler an und bestehlen
unsere Geschäfte vor unseren Augen, wobei wir nichts tun können, um
sie davon abzuhalten.“
15.000
Palästinenser sind in der Hebroner Altstadt gefangen – ihrem
ehemaligen Zuhause, das jetzt von Soldaten und Siedlern besetzt ist,
das von militärischen Absperrungen, Überwachungseinrichtungen und
Kameras auf den Dächern, Metalltoren sowie von Soldaten an jeder
Ecke umgeben ist.
In der
Altstadt wurden 2.200 palästinensische Läden geschlossen, weil deren
Besitzer sie nicht erreichen können. 800 Geschäfte wurden per
Militärbefehl aufgegeben.
02.09.2005, Übers. v. Gabriele Al Dahouk