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IWPS-Info, 24. Mai
2004
Aus der Nähe: Israelis entdecken das besetzte Palästina.
Zwölf erschöpfte Frauen und Männer schleppen sich die Stufen
des kleinen Hauses hinauf, lassen Rucksäcke und Regenkleidung fallen und
sinken auf die für sie bereitgelegten Matratzen. Etwas misstrauisch
beäugen sie die an losen Drähten hängenden die Glühbirnen und die
halbfertigen Steckdosen. Immerhin funktioniert der Heizstrahler zum Wärmen
der Hände. Dieses Haus ist ganz anders als die vertraute Umgebung in
Jerusalem oder Tel Aviv. Aber hier werden sie in den nächsten paar Tagen
zuhause sein: Mitten in der Westbank. Obwohl die Anreise nur gut eine
Stunde gedauert hat,. haben sie einen langen Weg hinter sich: Sie sind
jetzt in einem anderen, in einem besetzten Land.
Der erste Tag im „Mikarov“-Projekt ist für die Gruppe besonders
anstrengend, „Mikarov“ ist Hebräisch und bedeutet „aus der Nähe“ oder
„verwandt“ – das Projekt zeigt Israelis das Leben von Palästinensern in
der nördlichen Westbank. Zwei Teilnehmerinnen, Rachel und Claire, haben
Söhne, die als Soldaten in de Westbank stationiert sind. „Mikarov“ ist
eine Gemeinschaftsprojekt vom Internationalen Frauen- Friedensdienst (IWPS),
dem Israeli Committee Against House Demolitions (ICAHD), Checkpoint Watch
und dem Alternative Information Center. Das Projekt wurde federführend von
IWPS mit dem ehrgeizigen Ziel entworfen, die gängige Form der
Solidaritätsarbeit von Israelis in der Westbank zu verbessern.
Die teilnehmenden Israelis kommen aus nächster Umgebung in die besetzten
palästinensischen Gebiete. Trotzdem unterscheidet sich die
Lebenswirklichkeit der Menschen hier vollkommen von ihrer eigenen.
Üblicherweise kennen die Israelis das Leben aus der Westbank höchstens aus
den Kommentaren des israelischen Kolumnisten Gideon Levy. Levy schreibt
für die liberale israelische Tageszeitung Haaretz. Die Teilnehmer
des Mikarov Projekts kommen der ihnen nur vage bekannten Realität sehr
viel näher.
Wir Internationale
sind es gewohnt, von Palästinensern zu hören: „Das Wichtigste
ist, dass ihr in eure Länder zurückgeht und den Leuten dort erzählt, was
hier passiert.“ Als internationalen Aktivisten genießen wir ein hohes
Maß an Unterstützung von unseren Freunden und Familien. Wenn wir in unsere
Heimat zurückkehren, will jeder hören, was wir sahen, wen wir trafen und
was wir gelernt haben. Wir zeigen Bilder und Filme. Wir bekommen Feedback
und Spenden für unser Projekt.
Bei den israelischen Aktivisten ist das sehr viel anders. Wenn sie an
Solidaritätsaktionen teilnehmen, etwa mit den „Rabbinern für
Menschenrechte“ Oliven pflücken oder mit der ICAHD11
Israeli Committee Against House Demolitions
zerstörte Häuser aufbauen, können sie oft niemandem erzählen, wo sie waren
und was sie dort gemacht haben. Viele haben keinen Platz, über ihre
Erlebnisse zu sprechen. Selbst nahe Freunde könnten sie als Verräter
betrachten, oder ihnen vorwerfen, dass sie nur Probleme suchen. Weil die
Fahrt in die Westbank relativ wenig Zeit braucht, fällt das Verschweigen
des eigenen Engagements oft leicht. Die Schizophrenie des Konflikts bringt
selbst die Friedensbewegung dazu, eine gewisse Distanz zu wahren.
Das Projekt Mikarov durchbricht Distanz. Es hilft Israelis, die Besatzung
„aus der Nähe“ zu erleben – und in der israelischen Gesellschaft von
diesem Erlebnis zu berichten.
Der erste zehntägige Mikarov-Workshop fand zwischen 26. Dezember 2003 und
24 Januar 2004 statt und führte neun Frauen und zwei Männer im Alter von
18 bis 56 Jahren in die Westbank. Darunter Psychotherapeuten,
professionelle oder noch lernende Künstler, PhotografInnen, Kameraleute
und SchauspielerInnen.
Der Workshop begann mit einem Einführungstag in Ostjerusalem. Für über die
Hälfte der Gruppe war es der erste Besuch in Ostjerusalem. Naama von ICAHD
holte die TeilnehmerInnen in der Nähe des Jaffatores ab und begleitete sie
in einem 15 minütigen Spaziergang „auf die andere Seite“. Der
Palästinenser Mohammad Jode aus Qalqilya, die Israeli Shelly Nativ aus Tel
Aviv und die US-Amerikanerin Alisa Klein bildeten das Trainingsteam. Am
Einführungstag moderierten sie unterschiedliche Übungen wie zum Beispiel
zur Gruppenbildung; ein Sprecher der israelischen
Menschenrechtsorganisation B’tselem gab eine Einführung in
Menschenrechtsbeobachtung.
Das folgende Wochenende begann mit einer Führung im Umkreis Jerusalems.
Die Gruppe informierte sich über die Siedlungspolitik und die Annektierung
weiter Teile Jerusalems: Sie sahen zerstörte Häuser, trafen sich mit einer
Frau aus dem Flüchtlinglager und besuchten die acht Meter hohe Mauer in
Abu Dis, die Familien auseinander reißt und die Studenten von der dortigen
Universität trennt. Als die Grenzpolizei plötzlich Tränengas über die
Mauer warf, riefen einige Teilnehmer gleich bei ihren Freunden in Israel
an: „Du glaubst nicht, was hier passiert.“
Die Gruppe übernachtete im Dorf Anata. Das Haus der Gastfamilie
nebenan, zerstörten die israelischen Behörden vier mal. Viele Teilnehmer
übernachteten das erste Mal in einem palästinensischen Dorf.
Zwischen dem ersten und dem nächsten Wochenende hatten die Teilnehmer die
Aufgabe, mindestens einer Person von ihrem ersten Wochenende zu erzählen -
und zwar einer Person, mit der sie zuvor noch nie über die israelische
Besatzung der Westbank diskutiert hatten. Viele sagten danach, dass diese
Erfahrung beängstigender war, als mit Tränengas beschossen zu werden.
Die fünf Intensivtage begannen im IWPS-Büro in Hares. In diesen Tagen
wurden Dörfer und Familien besucht und Gespräche mit Aktivisten und
Vertretern verschiedener palästinensischer Organisationen geführt. Vor
allem erlebte und dokumentierte die Gruppe die Auswirkungen der Besatzung.
In kleineren Gruppen fuhren die „Mikarovs“ zur Apartheidmauer, die die
Palästinenser in Ghettos einsperrt. In Mas’ha und Jayyous sahen sie
Bauernfamilien in einer Schlange auf Soldaten warten, die das Tor zwischen
ihrem Dorf und ihrem Land aufsperren sollten. Sie hörten von den Bauern,
wie ihr Leben und ihre Familie durch die Mauer entzwei gerissen wird. In
Deir Ballut sprachen sie mit einer Mutter, die in der Vorwoche ihre
Zwillinge zur Welt brachte - am Checkpoint, weil ihr die Durchfahrt
verwehrt wurde. Die Zwillinge starben kurz nach der Geburt. Die Gruppe
übernachtete in Yanoun und sah unmittelbar die Auswirkungen der
Siedlergewalt auf ein kleines Dorf.
Die Israelis reisten während der ganzen Zeit wie Palästinenser.
Während Israelis normalerweise in Autos mit gelbem Nummernschild nutzen
und damit an den Checkpoints durchgewunken werden, musste die
Mikarow-Gruppe in Autos mit grün-weißem Nummernschildern der Palästinenser
oft stundenlang auf ihre Abfertigung warten. Am dritten Tag war eine
Demonstration in Budrus und danach ein Treffen in Anata geplant, aber die
Westbank war unter „Closure“ per Militätdikret geschlossen. Deshalb
hing die Gruppe den ganzen Tag an Checkpoints fest. Am ersten Checkpoint
bewarfen Soldaten ein Auto mit Steinen, weil der Fahrer nicht schnell
genug angehalten hatte. Danach sprachen sie mit einer Familie, die
versuchte ihr schwerkrankes Kind ins Krankenhaus zu bringen - und nicht
durch den Checkpoint gelassen wurde. Als die Gruppe dann schließlich
abends in Anata ankam, waren alle Tagespläne hinfällig geworden. Eine
bedrückende und neue Erfahrung für die Israelis – Alltag für den
palästinensischen Fahrer der Gruppe , der nicht mehr zu seiner Familie
zurückkehren und die Nacht ebenfalls in Anata verbringen musste.
Am letzten Wochenende beschäftigte sich die Gruppe mit der Frage, wie man
die Haltung der israelischen Öffentlichkeit zur Besatzung konkret
beeinflussen kann. Politische Künstler wie Ronen Eidelman und Tal Adler
stellten verschiedene künstlerische Projekte vor, die das öffentliche
Bewusstsein beeinflussen sollen. So haben Studenten von Ronen Eidelmann „politische
Tabletts“ für beliebte Bars entworfen. Die Tabletts haben in den
Bars große Diskussionen unter den Gästen ausgelöst. Befürworter des
Projekts informierten einen Journalisten. Als die Gegner der Aktion den
gleichen Journalisten kontaktierten, war die journalistische Story
komplett. Die Zeitung berichtete über die Auseinandersetzung, das Projekt
wurde in Israel sehr bekannt und gab Gelegenheit, die Besatzung in das
kollektive Bewusstsein zu heben.
Die Teilnehmer haben verbindlich zugesagt, an Aktionen zu arbeiten, um die
israelische Friedensbewegung zu erweitern und vertiefen. Rotem, ein
19jähriger Kriegsdienstverweigerer und Jugendleiter wird
Familienangehörigen von MikarovteilnehmerInnen das Dorf Yanoun zeigen.
Dafna, eine professionelle Fotografin, wird zusammen mit einer zweiten
Teilnehmerin an einem Info-Poster arbeiten, das in ganz Tel Aviv
plakatiert wird. Rachel, eine amerikanische Jüdin, die 1965 nach Israel
immigrierte, wird amerikanische Juden informieren.
Einige der MikarovteilnehmerInnen werden den nächsten Workshop
mitorganisieren. IWPS hat auch schon einige Nachfragen von potentiellen
Teilnehmern bekommen.
In der Evaluierung des Workshops sprachen alle Teilenehmer davon, dass das
Projekt ihr Leben verändert habe – jetzt geht es darum, die israelische
Gesellschaft insgesamt zu verändern.
Text: Kate, IWPS
Übersetzung: Karin, Edited by m.
Photos von Hilit – einer Mikarovteilnehmerin sehen sie mit dem
detailierten englischen Originalbericht unter www.womenspeacepalestine.org/iwpseurope(at)gmx.net
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