Verhaftet am
„humanitären Tor“ oder eine
verabscheuungswürdige Lüge
Amira Hass -
Ha'aretz
Jedes hier beschriebene Detail, jeder
Fetzen Realität sollte wie
ein Ganzes betrachtet werden
.... Detail: Hunderte von
Leuten versammeln sich jeden
Morgen vor drei
Stahl-Drehtüren und diese
Türen drehen sich nicht,
weil eine unsichtbare Person
sie mit einem Knopf
blockiert. Die Zahl der
dahinter zusammengepferchten
Leute wächst und wächst. Sie
warten eine Stunde lang. Die
Wut, wieder einen Tag zu
spät zur Arbeit oder zur
Schule zu kommen, steigert
sich und fügt sich den
früheren Spannungen hinzu,
die durch Zorn, Bitterkeit
und Hilflosigkeit zustande
kamen.
Es ist jedoch nicht die
Menschenmenge, das Warten
und die Wut, die den
Checkpoint und die
Straßensperren und in diesem
speziellen Fall den neuen
Qalandiya –Kontrollpunkt
definiert. Es ist auch nicht
sie Menschenmenge und die
angespannte Atmosphäre des
übrigen Kontrollweges, vor
den Metallmessgeräten und
den geschlossenen Räume, in
denen die Soldaten sitzen
und die Dokumente prüfen,
oder die anderen Drehtüren.
Oder die anderen „Details“:
die Kameras, die die
Soldaten sehend und
gleichzeitig unsichtbar
machen, die schnarrende
Stimme im Lautsprecher, die
Befehle auf Hebräisch gibt,
die erschreckende Betonmauer
über einem und um einen
herum und die Verwüstung,
die die israelischen
Bulldozeer und Planer
außerhalb des Käfigs, den
Israel einen Grenz-Terminal
nennt, hinterlassen . Und
das alles auf einem Stück
Land, das einmal ein
Wohnviertel war, sanfte
Hügelhänge und die
Jerusalem-Ramallah-Straße.
Es geht auch nicht um die 11
„Verhafteten“ am Ende des
Kontrollweges: neun
Teenagers, 18 Jahre und
jünger, ein Erwachsener und
ein 23 jähriger Student, die
alle am Montag ein schweres
Verbrechen begangen hatten.
Nachdem sie lange vergeblich
an der Stahldrehtür gewartet
hatten, durch die sie auf
den Kontrollweg kommen, um
schließlich in den
Unterricht und zur Arbeit zu
gelangen, entschieden sie
sich, über den Zaun zu
springen, in der Hoffnung
noch rechtzeitig zur
Englischprüfung zu kommen.
Der andere fürchtete,
gefeuert zu werden, wenn er
wieder zu spät zur Druckerei
kommt, bei der er arbeitet.
Aber sie wurden geschnappt.
Dem Studenten wurden die
Hände auf dem Rücken
gefesselt. Er musste sich
neben einen Wachposten
setzen - innerhalb des
militärischen Compound. Die
andern zehn mussten sich
außerhalb dieses Bereiches
in den Matsch setzen , der
mit jedem Tropfen Regen
dicker wurde. Und die
Soldaten befahlen, dass sie
sich hinsetzen sollen. Sie
konnten sich aber wegen des
Matsches nicht hinsetzen ;
sie gingen in eine kniende
Position. Nach einer halben
Stunde schmerzten die
gebeugten Knie immer mehr
und die Hosen sogen sich mit
Wasser voll und wurden über
den Knien eng. Die Hände
wurden kalt, aber die
Soldaten änderten den Ton
nicht: “Ich sagte euch:
setzt euch! Setzt euch!“
Aber auch der Regen und die
Kälte sind hier nicht
nennenswert oder der Soldat,
der seine Kantinenportion
isst und gleichgültig die
Verhafteten beobachtet oder
die Telephonate, die die
Schreiberin führte und die
schließlich den Verhafteten
nach zwei Stunden erlaubten,
aufzustehen- wie
mitleidsvoll! - auch nicht
ihre Freilassung,
einschließlich dem mit den
blau gefrorenen Händen und
den von Handschellen tief
eingeschnittenen roten
Rillen oder die Tatsache,
dass der 14 Jährige weitere
20 Minuten warten musste,
weil seine Dokumente nicht
gefunden wurden ... Die
Frage, ob die Verhaftung
noch länger gedauert hätte,
wenn die Schreiberin nicht
da gewesen wäre, ist auch
marginal.
Auch die Entscheidung, das
„humanitäre Tor“ zu öffnen,
ist von sekundärer
Bedeutung. (Es ist für den
Durchgang Behinderter mit
Rollstuhl, für Eltern mit
Kinderwagen und
palästinensisches
Reinigungspersonal, das von
einer Vertragsfirma
beschäftigt wird). Es ist
morgens für Frauen und
Männer von über 60. Noch ein
Detail, das von dem ablenkt,
was wirklich wichtig ist.
Wichtig ist nämlich, dass
die Armee und die
israelischen Bürger, die
sich alle diese Details der
Enteignung ausdenken – und
die Straßensperren sind ein
untrennbarer Teil dieser
Enteignung – den Terminus
„humanitär“ in eine
verabscheuungswürdige Lüge
verwandelt haben.
Durch die Kontrollpunkte,
Straßensperren, das
Bewegungsverbot und die
Verkehrsbeschränkungen,
durch die Betonmauer und
Stacheldrahtzäune, durch die
Landenteignungen ( nur aus
Sicherheitsgründen, wie der
Oberste Gerichtshof, der ja
ein Teil der israelischen
Bevölkerung ist, glauben
möchte), durch das
Abschneiden der Dörfer von
ihrem Land und einer
verbindenden Straße, durch
den Bau einer Mauer in einem
Wohngebiet und in den
Hinterhöfen von Häusern und
durch die Verwandlung der
Westbank ( im Militärjargon)
in einen Haufen
„territorialer Zellen“
zwischen den sich
ausdehnenden Siedlungen –
haben wir Israelis eine
wirtschaftliche, soziale,
emotionale, Arbeits- und
Umweltkrisis geschaffen und
schaffen sie weiter und zwar
in einem Ausmaß eines nicht
endenden Tsunamis.
Und wenn wir dann eine
kleine Drehtür in einem
Käfig anbieten, einen
Offizier, der einem alten
Mann Anweisungen geben darf,
eine Toilette und einen
Wasserkühler – dann wird
dies als „humanitär“
beschrieben. In andern
Worten: wir stoßen ein
ganzes Volk in unmögliche
Situationen, eklatant
unmenschliche Situationen,
um sein Land, seine Zeit und
Zukunft und Freiheit der
Wahl zu stehlen - und dann
erscheint der
Plantagenbesitzer und
lockert den eisernen Griff
ein bisschen und ist stolz
auf sein Gefühl von
Mitmenschlichkeit.
Doch eben diese wichtige
Sache – die humanitäre
Verachtung – ist nur ein
Detail in einem vollen
Sortiment von Details, in
dem kein einzelnes Detail
sich selbst vertritt.
Isolierte Bruchstücke der
Realität werden als
erträglich oder auch
verständlich (Sicherheit,
Sicherheit) aufgefasst oder
sie mögen einen auch für
einen Augenblick ärgerlich
machen und dann wieder
abflauen. Und zwischen all
den Details intensiviert
sich der Kolonialismus ohne
Unterbrechung oder
Nachlassen, indem er noch
mehr Methoden der Folter des
einzelnen oder der
Gemeinschaft erfindet; indem
er noch mehr Mittel und Wege
findet , das Völkerrecht zu
verletzen und Land hinter
rechtlicher Verschleierung
zu rauben und zur
Kollaboration wegen
Vernachlässigung oder
Apathie zu ermutigen.