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Israelische und Jüdische Stimmen

Texte von Amira Hass

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Was sind 20 Tonnen Sprengstoff?
Amira Hass, Haaretz, 18.10.06

 Hamas hat 20t Sprengstoff in den Gazastreifen geschmuggelt und außerdem Flugabwehr-  und Panzerabwehrraketen. Genau damit haben die ISD gerechnet. Diese erschreckende Information wird nun mit Sicherheit  im Laufe der nächsten Tage in den israelischen Medien verbreitet, um so das Gespenst der hisbollah-artigen Angriffe  heraufzubeschwören.

Trotz halbherziger Leugnungen von Seiten der Hamas sind diese Zahlen glaubwürdig. Die israelische Information über Waffenschmuggel wird  vom stark vereinfachten Denken  palästinensischer Gruppen und ihrem Wunsch der Hisbollah nachzueifern, unterstützt: Sie hat Israel besiegt, also wollen wir  uns wie die Hisbollah bewaffnen. Bewaffneter Widerstand hat sich im Libanon bewährt, denken sie - das wird sich bei uns auch bewähren. Kleinere Streitfragen wie die völlig andere geographische Ausdehnung, die Bevölkerungsdichte und die Isolierung des Streifens vom Rest der Welt, berührt die Ansichten der Nachahmer nicht.

Auch eine komplexere Analyse zeigt nicht, dass die Hisbollah sich in ihren politisch-militärischen Berechnungen geirrt hat. Sie erwartete keine solch zerstörerische israelische Antwort. Die Nachahmer  machen sich eher mit folgenden Fragen  Sorgen : Wie vielen streikenden Lehrern könnte mit dem Geld für die Waffenschmuggler und Tunnelbauer das Gehalt gezahlt  werden? Und ist es nicht  während  der letzen 6 Jahre bewiesen worden, dass das Leid, das israelischen Bürgern  innerhalb der Staatsgrenzen ( durch Qassams) zugefügt wurde, nur die Regierungspolitik  der Besatzung unterstützt? Die palästinensischen Waffennachahmer   finden sich auf derselben Seite der Barrikade, wie das israelische Sicherheitsestablishment: beide überschätzen die Bedeutung der palästinensischen Waffen.

 

Wann immer isr. Militäroffizielle über die Gefahren berichten, die uns von palästinensischer Seite erwarten, wird ihnen mit drei Phänomenen geholfen. 1. In Israel wird die Information aus militärischen Quellen über Palästinenser als neutral betrachtet (im Gegensatz zur Information über den kürzlichen Krieg im Libanon oder andere gewöhnliche Kriege). Sie wird nicht von irgendwelchen persönlichen oder Gruppeninteressen beeinflusst, sondern nur von rein patriotischen Motiven und besorgt um das Wohl der Nation.

2. ein großer Prozentsatz der Israelis vergisst einfach seine große militärische Erfahrung . Jeder – einschließlich der jetzigen und früheren Soldaten und ihrer Familien  - wird zu einem naiven Zivilisten, der von den TV-Bildern  in belagerten palästinensischer Städte herum rennender, vermummter Bewaffneter glaubt, die andere Seite bestünde aus  Kriegstreibern ( und wir die Friedenssucher) .

 

Schließlich – im Gegensatz zu den palästinensischen Waffen, die in ihrer Menge überschaubar sind – ist es unmöglich, die Menge der Explosivstoffe in Israels Händen ( die verschiedenen Typen von Granaten und Bomben und alles, was israelische Soldaten anwenden oder anwenden werden) zu messen . Das Büro des  IDF-Sprechers gibt darüber  freiwillig keine Informationen – aber auf jeden Fall sind sie enorm und werden ständig aufgestockt, entweder durch Importe oder durch die blühende israelische Rüstungsindustrie. Hat vor dem letzten Libanonkrieg irgendjemand damit gerechnet, wie viele Millionen Streubomben Israel in seinen Lagerhäusern hatte ( 1,2 Millionen seien während des Krieges  abgefeuert worden, wie Meron Rapoport in dieser Zeitung am 12. September berichtete) ?

 

Und deshalb gibt es im israelischen Bewusstsein   keine Millionen  Streubomben - gleich fliegende Minen – oder die zehn Millionen von Bomben, Granaten und tödliche Kugeln, die in unsern Waffenlagerhäusern, Geschützrohren und in den Bäuchen der Helikopter und Flugzeugen liegen. Obwohl  die Menge solcher Explosivstoffe sich  in Millionen Tonnen misst, sind es die 20 Tonnen Sprengstoff und die paar tausend Gewehre, die das israelische Bewusstsein ängstigen.

 

Israelis sind davon überzeugt, dass wir einer existenziellen Gefahr ausgesetzt sind.  Dass wir eine  militärische Supermacht sind und dass die Waffen, die der Staat hat – wie es die Natur der Waffen ist – tödlich und abschreckend sind, ist aus dem israelischen Bewusstsein gelöscht worden.

Natürlich kooperieren die israelischen Medien  mit der Verdrehung dieser Realität. Sie berichten von jedem  einzelnen Schuss, den Palästinenser abgeschossen haben und über jede   einzelne abgefeuerte Rakete, auch wenn sie keinen Schaden anrichtet. Aber Israels Kugeln und Granaten, die routinemäßig ( en masse) abgeschossen werden, existieren – wenn es keine Todesfälle gibt - in den Medien nicht, – und selbst diese Todesfälle sind schnell vergessen. 

 

 Israelis solche Furcht einzuflößen, bezweckt, sie für  weitere Unterstützung der IDF-Politik der ständigen Eskalation zu gewinnen. Das Sicherheits-Establishment ist nicht neutral. Seine Mitglieder wollen – wie Bürokraten in jedem anderen System – auch weiterhin die Grundlage ihrer Existenz, ihr Gehalt, bekommen. Sie benötigen deshalb öffentliches Stillhalten über die freie Verwendung der Waffen und Munition, die sie der IDF in die Hände gibt. Diese  serienmäßige Einschüchterung soll der IDF freie Hand geben, ihre Einsatzinfrastruktur auszudehnen – vielleicht bis zu dem Punkt, auch hier im Gazastreifen Tausende von Streubomben  anzuwenden.

 

Das militärische Establishment in Israel  hat das politische entscheidungstragende Establishment voll in der Hand, und indem es die Sicherheitsbedrohung  der Israelis ( mit Hilfe der Medien)   übertreibt und sich dabei völlig von der Realität der israelischen Besatzung löst, wird weiterhin der  Mythos unterstützt, es gäbe eine militärische „Lösung“ aber keine politische. Dies unterstützt  dann wieder das augenblickliche Besatzungs- und Enteignungsregime und  gewährt den  Israelis Privilegien.

 

(dt. Ellen Rohlfs)

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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