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Die Sicherheitsbehörden hatten es am Montag recht eilig, den Erfolg der
Eskalation gegen Gaza zu feiern: Seht her, es werden weniger Qassam-Raketen
abgeschossen. Wenn diese Zeilen veröffentlicht werden, haben die
Sicherheitsbehörden wahrscheinlich ein weiteres logisches Axiom fabriziert:
Nachdem wir einmal Diesel-Lieferungen zugelassen haben, schießen die
Palästinenser schon wieder Qassam-Raketen. Daraus folgt: Die Eskalation muss
weiter gehen. Eskalations-Logik ist die Hausnummer unseres heutigen
Verteidigungs-Ministers Ehud Barak, und sie wird von vielen Israelis so
übernommen.
Barak war Premierminister im September 2000, als die israelische Armee auf
Demonstrationen der Bevölkerung gegen den israelischen Besatzer und auf
Steine-werfen mit Eskalation reagierte: Scharfe Geschosse auf Zivilisten,
unter ihnen viele Kinder. Wenig überraschend, lernten die Palästinenser ihre
Lektion nicht, und wandten sich eigenen Eskalations-Taktiken zu. So sind wir
dahin gekommen, wo wir heute sind - hausgemachte Raketen aller Art, die
sogar weiterentwickelt werden, je mehr Israel seine Strafaktionen daraufhin
ausweitet.
Bücher, Artikel und ein oder zwei Filme hatten, wenn auch verspätet, die
Bosheit der Taktik der Eskalation zum Thema. Das ficht aber jene nicht an,
die es für richtig halten, anderthalb Millionen Menschen im Gazastreifen
mehr und mehr unter Druck zu setzen. Das zeigt, dass sie - wie ihr
Verteidigungsminister und der Rest der politischen Führung - unter vier
Gebrechen leiden: Amnesie, Kurzsichtigkeit, Orientierungslosigkeit und
Beeinträchtigung der Lernfähigkeit.
Amnesie gestattet es Befürwortern dieser Einstellung, tage- bis monatelang
die scheinbar willkommenen Ergebnisse der Eskalation zu bedenken. Dabei
vergessen sie Israels tödlichen Angriff vor dem letzten Beschuss mit
Qassam-Raketen. Und weil sie keine Verbindung sehen zwischen den
Qassam-Raketen heute und den Toten zu Anfang der Intifada, das heißt, zu den
eskalierenden Schritten der Armee vor sieben Jahren, sind sie nicht in der
Lage, sich vorzustellen, was sich morgen entwickeln könnte aus dem Stop der
Wasserversorgung, bedingt durch das Abschalten des Stroms, aus dem
Zusammenbruch des Abwassersystems, aus der Kränkung, die der Beschäftigung
nur mit Essen und Kälte innewohnt. Dieser Gedächtnisschwund bezüglich der
Vergangenheit führt zur israelischen Gedankenlosigkeit für die Zukunft: Man
denkt nicht an die palästinensischen, muslimischen, pan-arabischen
Sichtweisen, die in diesen Tagen entstehen, und am Ende jede temporäre
Beruhigung brechen.
Die Kurzsichtigkeit derer, die die Eskalation unterstützen, ermöglicht es
ihnen, Fernsehsendungen aus Gaza anzusehen - weinende Kinder, Sprecher, die
bitten oder wütend werden - und das Gefühl zu haben, die gegenwärtige
Eskalation zeige Wirkung. Über den Bildschirm hinaus sehen sie nichts. Sie
sehen nicht die Hilfe untereinander, den Einfallsreichtum und Humor, den die
Leute entwickeln, nicht die Dickköpfigkeit und nicht den politischen Druck
aus dem Volk auf den Nachbarn Ägypten.
Die Orientierungslosigkeit lässt die Unterstützer der Eskalierung denken,
der Gazastreifen sei tatsächlich ein geografisch wie demografisch
abgeschiedenes Gebiet, das nicht dazu gehört, das Schicksal seiner Einwohner
bedeute Palästinensern anderswo nichts. Orientierungslosigkeit lässt
Israelis die "green line" [Waffenstillstandslinie 1949] nur dann ernst
nehmen, wenn Palästinenser sie überschreiten und sie verletzen. Sie
vergessen, dass sie - das heißt wir, die Israelis - diese Grenze andauernd
überschreiten: mit Siedlungen, Gewehrfeuer, separaten Straßen, Bomben,
Granaten und Militärerlassen --und das schon lange bevor irgendein
Palästinenser gelernt hat, Qassam-Raketen zu bauen.
All das hat mit der Einschränkung der Lernfähigkeit zu tun. Das Eskalieren,
so sind seine Unterstützer überzeugt, wird dazu führen, dass das Volk die
Hamas-Regierung unter Druck setzt. Aber die Palästinenser vergessen nicht,
dass die verschiedenen Formen von Belagerung und Absperrung,
wirtschaftlicher Zermürbung, Landenteignung, Verzögern von Verhandlungen von
Israel vorgenommen wurden, als noch die Fatah-Regierung unerschüttert
schien. Für sie bezeugen die israelischen Angriffe das Versagen der
Autonomiebehörde unter Mahmoud Abbas, dem gewählten Präsidenten, viel eher
als ein Versagen der Hamas.
Den Befürwortern der Eskalierung entgeht vollkommen, dass eine hermetische
Schließung aller Übergänge nach Gaza die Welt an das erinnert, was sie gerne
vergessen wollte: Israel ist der Besatzer, der Aggressor. Lerngeschwächte
und Kurzsichtige entgehen nicht dem moralischen Bankrott - auch nicht dem
Bankrott der Sicherheit - dem Ergebnis der Politik der Eskalation. Da müssen
schon andere kommen und aktiv werden.
http://www.haaretz.co.il/hasite/spages/947420.html
(dt. Gudrun Weichenhan)
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