Das Recht auf Wut
Amira Hass, 27.12.07
Die Verhandlungen über die Zukunft
unseres Landes vom Meer zum Fluss und der beiden Völker, die darin leben,
gehen parallel in zwei Kanälen. So ist es seit Madrid und Oslo seit 17
Jahren. Der eine Kanal ist der zwischen Palästinensern und Israelis – wie
das Dienstagstreffen in Jerusalem zwischen dem palästinensischen
Hauptunterhändler Ahmed Qureira und der Außenministerin Zipi Livni. Der
andere Kanal ist der der Israelis mit sich selbst. Wird der einzig wirkliche
Berührungspunkt zwischen beiden Kanälen eine weitere Explosion des
Blutvergießens sein, so wie sie sich 1996 und 2000 ereignete?
Die Palästinenser haben erklärt,
dass sie sich nicht von den internationalen Resolutionen abbringen lassen
werden, wenn es um eine Lösung geht ( z.B. die Grenzen vom 4.Juni 1967) und
dass sie eine sofortige Beendigung des Siedlungsbaus erwarten. Die Israelis
erwarten, dass die Palästinenser den Terror bekämpfen. Das Gespräch geht
genau so wie vor 9 oder 12 Jahren - das macht die augenblicklichen
Verhandlungen also nur zu virtuellen.
Der wirkliche Fortschritt geschieht
im inner-israelischen Kanal. Bei diesen Verhandlungen ist über mehr als 10%
der Westbank schon entschieden worden: also das Gebiet westlich der
Trennungsmauer/ des Zaunes. In den letzten paar Wochen sind verschiedene
Evakuierungs-/Kompensations-Initiativen für die Siedler östlich der
Barriere vorgeschlagen worden. Dagegen gibt es eine große Opposition, und
die Wahrscheinlichkeit, dass sie ausgeführt wird, ist zweifelhaft. Aber die
Teilnahme der Meretz-Mitglieder bei diesen Initiativen stärkt die
öffentliche Unterstützung der Siedlungen westlich des Zaunes und die
Annexion des Landes, das Israel dort gestohlen hat.
Es wird oft gesagt, wie schwierig es
sei, die nicht autorisierten Außenposten zu evakuieren. Das
Sicherheitsestablishment sagt voraus, dass die Aktivisten vom rechten Flügel
Gewalt ohnegleichen anwenden werden, wenn die Posten aufgelöst werden. Die
Medienkonsumenten fragen sich: Wozu brauchen wir einen Bürgerkrieg? Wen
stören die Außenposten? Schließlich sucht sogar der Justizminister nach
Wegen, sie zu legalisieren. Der Vize-Premier Haim Ramon, der nach eigenen
Evakuierungskompensationsinitiativen sucht, hat der Likud schon
vorgeschlagen, dass durch einen Austausch Außenposten nicht evakuiert werden
sollen. Ein persönlicher Berater des Ministerpräsidenten Ehud Olmert ließ
Jerusalems Befürchtungen durchsickern, dass die USA den Druck auf Israel
verstärken werde, um die Außenposten zu evakuieren und den Siedlungsbau
einzufrieren. Mit einer solch pikanten Schlagzeile wird keiner bemerken,
dass dies schon seit 17 Jahren so geht. Also nichts Neues.
Bei den internen Verhandlungen sind
Israelis schon auch bereit, ein bisschen gegen die Siedlungen zu sein, weil
sie hauptsächlich auf „privatem Land“ gebaut seien. Demnach sind alle
anderen Siedlungen koscher, da sie auf nicht-privatem Land gebaut worden
sind. Und das Gebiet C – nach Oslo der Teil der Westbank unter
ausschließlich israelischer Sicherheits- und Verwaltungskontrolle – ist voll
mit solch nicht-privatem Land; warum nicht dort für Juden bauen? Es scheint
so, als ob bei den inner-israelischen Verhandlungen die Größe der Enklaven
des voraussichtlichen palästinensischen Staates sich mehr und mehr mit dem
Land überlappen wird, das von der Zivilen Verwaltung als privat registriert
ist.
Bei den inner-israelischen
Verhandlungen sind die Grenzen für Konzessionen über Jerusalem auch schon
gezogen worden: nachdem Israel den größten Teil des verfügbaren, nicht
besetzten Landes der palästinensischen Dörfer und Stadtteile nahm und so
verhinderte, dass diese sich auch ausdehnen und ihre eigenen Siedlungen oder
Vororte bauen, stimmte Israel darin überein, auf die Bewohner zu verzichten.
Das Land an uns – die Menschen ( auf ihm) zur palästinensischen Behörde! Und
die Welt wird Israel wegen seiner Kompromissbereitschaft rühmen, dass es
heilige Anteile wie Anata und Kafr A’qab von seinem Herzen reißt.
Trotz interner Opposition nehmen
die ewigen Vertreter der PLO und der palästinensischen Behörde - Mahmoud
Abbas, Ahmed Qureia und Saeb Erekat - weiter an diesen virtuellen
Verhandlungen teil. Am Dienstag nach dem Treffen mit Abbas warnte das
Fatahzentralkomitee, dass der weitere Siedlungsbau die Verhandlungen
wahrscheinlich zunichte machen wird. Die Warnung mag nur für den internen
Gebrauch gewesen sein, aber ähnliche Alarmglocken läuteten schon 1996 und
2000. Die Israelis wiesen sie im Glauben ab, dass die Teilnahme der
hochrangigen palästinensischen Beamten bei den virtuellen Verhandlungen
allein wichtig sei. Für die palästinensische Öffentlichkeit klingen die
Warnungen aber keinesfalls belanglos.
Es ist unmöglich voraus zu sagen,
wie die Palästinenser dieses Mal die Warnungen interpretieren, und ob sie
sie als Signal ansehen werden, das Recht zu haben, noch einmal aus Wut und
Zorn darüber zu explodieren, dass ihnen weiter ihr Land und ihre Zukunft
genommen wird.
(dt. Ellen Rohlfs)
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