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Israelische und Jüdische Stimmen

Texte von Amira Hass

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Es ist nicht nur eine interne Angelegenheit der Palästinenser
Amira Hass, Haaretz, 4.10.06

 

Das Experiment war ein Erfolg: Nun töten die Palästinenser sich  gegenseitig. Sie verhalten sich, wie  man am Ende eines langwierigen Experimentes erwartet hat. Das Experiment lautete: „Was geschieht, wenn man 1,3 Millionen Menschen wie Hühner in einer Legebatterie auf engstem Raum einsperrt?“

 

Dies sind die einzelnen Schritte des Experimentes: 1. Einsperrung ( seit 1991); 2. man nehme den Gefangenen die üblichen Mittel für den Lebensunterhalt; 3. fast hermetische Absperrung aller Zu- und Ausgänge von bzw. zur Außenwelt; 4. Zerstörung der noch bleibenden Mittel für den Lebensunterhalt, indem  Rohmaterialien, Waren und Produkten  der Zugang verwehrt wird; 5. die Lieferung von Medizin und Krankenhausnachschub wird verweigert;

6. wochenlang werden keine  frischen Nahrungsmittel geliefert; 7.jahrelange  wird der Zugang für Verwandte, Fachkräfte, Freunde und andere verweigert, lässt aber 8. zu, dass Tausende von Menschen - Kranke, Familienhäupter, Fachkräfte, Kinder - wochenlang vor  abgesperrten Toren des Gazastreifens stehen, dem einzigen Zu-und Ausgang des Gazastreifens und lässt sie warten,  hinein oder heraus gelassen  zu werden.

 

9.Diebstahl von Hundertmillionen Dollars (Zölle und Steuern, die von Israel eingenommen, aber den Palästinensern gehören), damit  das sowieso schon niedrige Gehalt der meisten Regierungsangestellten  monatelang nicht gezahlt werden kann; 10. man stelle das Abschießen von selbst gemachten Qassemraketen als strategische Bedrohung dar, die nur dadurch gestoppt werden kann, indem man Frauen, Kinder und Alte  angreift oder  11. in dicht bevölkerte Wohngebiete aus der Luft und vom Boden aus schießt;  12. Zerstörung der Obstgärten, Osthaine und Felder.

 

13. Man schickt Flugzeuge, die die Bevölkerung mit lauten Knallbomben  in Angst und Schrecken versetzt; 14. man zerstört das neue Elektrizitätswerk und zwingt die Bevölkerung  des abgesperrten Landstreifens, monatelang den größten Teil des Tages ohne Strom auszukommen. Dies wird wahrscheinlich ein ganzes Jahr dauern – in andern Worten: ein Jahr ohne Kühlschrank, ein Jahr ohne Ventilator, Fernsehen, Licht zum Lernen und Lesen; 15. man zwingt sie, ohne  regelmäßige Wasserversorgung auszukommen, die von den mit Strom betriebenen Wasserpumpen abhängt.

 

Es ist das altbekannte israelische Experiment: „steckt sie in den Dampfdrucktopf und seht, was passiert,“ und das ist einer der Gründe, warum dies keine interne palästinensische Angelegenheit ist.

 

Der Erfolg des Experimentes kann am Miasma der Verzweiflung gesehen werden, das über dem Gazastreifen hängt und an den Familienfehden, die jetzt fast täglich ausbrechen, noch mehr als an  den Schlachten zwischen der Fatah- und Hamasmiliz. Man kann sich eigentlich nur wundern, dass diese Fehden nicht noch häufiger  sind und dass es noch Bande interner Solidarität gibt, die die Menschen vor dem Verhungern bewahren.

 

Im Gegensatz zu den Clan-Fehden  waren die Schlachten in Gaza und die Kampagnen von Zerstörung und Einschüchterung, vor allem in den Westbankstädten nicht die Folge   von momentanem Kontrollverlust. Sie werden allgemein als Schlachten zwischen zwei militanten Gruppen gesehen,  von denen jede etwa die Hälfte der Bevölkerung vertritt, die aber von Gruppen innerhalb der Fatah initiiert werden, um noch ein paar Nägel in den Sarg  der gewählten Führung  zu schlagen.

Die Sicherheitskräfte der palästinensischen Behörde – in andern Worten der Fatah , oder in noch mal andern Worten, derjenigen, die Mahmoud Abbas beauftragt – verstecken sich hinter dem wirklichen  Leiden und  dem Protest der Angestellten, die  seit langem kein Gehalt erhalten haben. Und sie tun dies, obwohl jeder weiß, dass die Unterlassung, Gehälter zu zahlen, kein Versagen des Managements ist, sondern vor allem der israelischen Politik zuzuschreiben ist. Diese Kräfte wurden ausgeschickt, um organisierte Anarchie zu säen, wie in der Schule von Yasser Arafat gelehrt wurde.

 

Und warum ist dies auch eine israelische Angelegenheit?  Weil die, die diese Miliz ausschicken, gemeinsame Interessen mit Israel haben, um zu einer Situation zurückzukehren, in der die palästinensische Führung vorgeben kann, Friedensgespräche zu führen, während Israel mit seiner Besatzung fort fährt, und die internationale Gemeinschaft Beruhigungsgeld in Form von Gehältern für die palästinensischen Angestellten zahlt.

 

Und es gibt noch einen Grund, warum dies auch eine interne israelische Angelegenheit ist:

Egal wie das Ergebnis  sein wird, die palästinensischen Fehden  oder das Risiko eines Bürgerkrieges berühren direkt auch die über 20 % der israelischen Bürger, die Araber. Sie betreffen die Araber und auch die Teile der israelischen Öffentlichkeit, die nicht vergessen haben, dass Israel die Besatzungs- und herrschende Macht über die Palästinenser bleibt, so lange das Ziel, die Errichtung eines palästinensischen Staates in allen 1967  besetzten Gebieten, nicht realisiert wird.

 

(dt. Ellen Rohlfs)

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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