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Das lag nicht in
Nasrallahs Absicht
Amira Hass, 16.8.06,
Haaretz
Im letzten Monat
haben Nasrallahs Katjusharaketen
in diesem Krieg 41 israelische
Zivilisten, 18 davon israelische
Araber, getötet. Ganz klar,
Hassan Nasrallah hat das nicht
beabsichtigt. Wenn einer aber
weiß, dass im Norden Israels
viele Araber leben, wenn er
weiß, dass die ungenauen
Katjushas nicht zielgenau
abgeschossen werden können, -
ist die Tatsache, ohne Absicht
gehandelt zu haben, sinnlos.
Mehr als alle
anderen sollten Israelis
Nasrallahs Behauptung, "ohne
Absicht" gehandelt zu haben,
verstehen, sich mit der
Vorrangigkeit dieses "ohne
Absicht" im Vergleich zum
fatalen Ergebnis
identifizieren, ebenso mit der
Trennungslinie, die er zwischen
der der Kriegsmaschinerie
eigenen Ratio und seinem
persönlichen Willen zieht. "Wir
haben das nicht beabsichtigt"
ist ein häufig in Israel
rezitiertes Mantra, wenn die
Anzahl der Zivilisten erörtert
wird – unter ihnen viele Kinder
-, die von der israelischen
Armee getötet werden. Die
Behauptung, "sie" (Hisbollah und
Palästinenser) benützten zynisch
Zivilisten, indem sie sich unter
ihnen positionierten und aus
ihrer Mitte heraus feuerten,
wird automatisch hinzugefügt.
Diese Behauptung
wird von Staatsbürgern
aufgestellt, die sehr gut
wissen, wo sie an der
Ibn-Gvirol-Straße in Tel Aviv
abbiegen müssen, um zum
Sicherheits- und Militärkomplex
zu gelangen, der mitten in
einem Wohnviertel gelegen ist.
Sie wird wiederholt von Eltern
bewaffneter Soldaten, die ihre
Waffen am Wochenende mit nach
Hause bringen. Dem schließen
sich Soldaten an, deren Basis
neben jüdischen Siedlungen in
der Westbank liegen, die auch
schon palästinensische
Wohnviertel von Positionen aus
bombardiert haben, die innerhalb
Wohnsiedlungen stationiert sind.
"Wir hatten nicht
die Absicht" ist nah verwandt
mit "Ich wusste nicht", und
beide wohnen gleich beim
Doppelstandard. Was uns erlaubt
ist, ist anderen verboten. Was
uns verletzt, verletzt andere
nicht (weil sie "andere" sind).
Soldaten der
israelischen Armee haben seit
28.Juni 44 Kinder in Gaza
getötet. Damals begann die
fehlgeschlagene Kampagne zur
Befreiung des entführten
Soldaten Gilad Shalit. Das sind
44 Kinder von 188 Menschen, die
von der Armee in Gaza getötet
wurden – Zivilisten und
bewaffnete Männer, von denen die
meisten sich in einen
verhängnisvollen Kampf gegen
die einrollenden Panzer
stürzten. Die drei, die am
Montag getötet wurden, waren
drei Bauern aus Beit Hanun. Sie
wurden von einer israelischen
Granate getroffen – die
ungefähr so präzise wie eine
Hisbolla-Katjusha-Rakete ist –
anstelle des
Raketen-Abschusswagens, der
eigentlich getroffen werden
sollte.
Der Weg zum Töten
von Kindern durch eine
militärische und zivile
Besatzungsmaschinerie ist
gepflastert mit Nicht-Absichten,
Zivilisten weiteren Schaden
zuzufügen. Sie sind nicht
unbedingt unmittelbar tödlich.
Aber Tag für Tag verbittern sie
dreieinhalb Millionen Menschen
das Leben. Solche Schäden
werden zu normalen Zeiten
höchstens mit einer
Zeitungsmeldung in Größe einer
Briefmarke bedacht.
Es sind dies aber
die wesentlichen Elemente eines
räuberischen Regimes, dessen
Ziel es ist, die Bestrebungen
des palästinensischen Volkes
nach Unabhängigkeit und
Souveränität im eigenen Land zu
durchkreuzen. Die
Abgestumpftheit und
Grausamkeit, die zur Ausführung
solcher Pläne nötig sind, sind
für hunderte und tausende von
Israelis zur zweiten Natur
geworden. Unbeabsichtigt. Hier
einige typische Beispiele: Der
Personalausweis, den ein Soldat
mitten in der Nacht
konfiszierte, der dann verloren
ging; sein Eigentümer kann sich
nun nicht auf der Straße
bewegen, nicht zur Arbeit gehen
und muss, für seine Begriffe,
ein Vermögen bezahlen, um einen
neuen zu bekommen. Endlose
Verzögerungen in der heißen
Sonne an den Straßensperren und
an den Verwaltungsschaltern (und
noch ein Arbeitstag weg);
Benachrichtigungen der
Beschlagnahme von Land, neue
Blockaden am Dorfeingang,
Reiseverbot für alle im Alter
zwischen 16 bis 53 Jahren aus
Tul Karem und Nablus, eine neue
Straße für eine Siedlung wird
ausgebaut, eine palästinensische
Familie aus der Westbank wird
daran gehindert, nach Hause
zurückzukehren, eine andere
Familie wird durch den Bau der
Trennungsmauer von ihren
Feldern abgeschnitten,
Gefangenen wird der
Familienbesuch versagt. Diese
Schäden werden endlos
fortgesetzt. Es reicht kein noch
so dickes Buch, sie zu
beschreiben.
Wenn es ihm
passt, ist der Israeli Teil des
Kollektivs. Daher ist jeder
Terrorangriff und jede
Katjusha-Rakete "gegen das
jüdische Volk" gerichtet – was
Israel natürlich immer
berechtigt, Strafkampagnen zu
starten, die als existenzielle
Kriege definiert sind. Und wenn
es ihm passt, bestreitet der
Israeli seine Mitgliedschaft im
Kollektiv, in der
Besatzungsmaschinerie, an der er
teilhat. Er ignoriert die
unausweichlichen Implikationen
dieses Mechanismus, der
autoritär das Leben von
dreieinhalb Millionen Menschen
kontrolliert, die ihn nicht
gewählt haben (die
palästinensische
Autonomiebehörde war von Anfang
an die Fiktion einer Regierung,
ohne Autorität).
Einerseits zieht
der Israeli "ohne Absicht" einen
Trennungsstrich zwischen sich
und der israelischen Besatzung
und dem Kolonial-Mechanismus,
und nimmt sich damit aus der
Verantwortung für die Absicht,
palästinensische Zivilisten zu
verletzen, eine Absicht, die
schon der Existenz eines
Besatzungsmechanismus innewohnt.
Andererseits trennt er die
palästinensische Reaktion
vollständig von der Existenz der
Besatzung: Letzten Endes, als
Individuen und als Kollektiv,
"beabsichtigen sie, Zivilisten
zu verletzen", und das wegen
ihres Wesens als Muslims, als
Araber – womit wir nichts zu tun
haben.
(dt.G.Weichenhan-Mer) |