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Im Namen der Sicherheit – aber
nicht um ihretwillen
Amira
Hass, Haaretz, 20.9.06
Sechs palästinensische Kirchen in der
Westbank und im Gazastreifen
erlitten durch Brandstiftung
Schäden. Es war eine Reaktion
auf die Worte von Papst Benedikt
XVI. Palästinenser aus allen
Lagern verurteilten diese
Attacken und sagten, dass das
palästinensische Volk – Christen
und Muslime – ein Volk und in
ihrem Kampf gegen die Besatzung
vereint seien. In den
palästinensischen Medien
beschrieben Berichte über die
Angriffe die Täter als
„unbekannt“. Im
palästinensischen Text kann
zwischen den Zeilen allerdings
auch gelesen werden, dass
„unbekannt“ auch „ von
verdächtigter Identität“ heißen
kann. Es ist ein Satz, in dem
versteckt eine Anklage gegen
Israels Geheimdienst Shin Bet
steckt, der provozierende
Agenten geschickt haben könnte.
In Tubas, wo Dank der Wachsamkeit der
Bewohner ein
Brandstiftungsversuch
fehlgeschlagen ist, sagten die
Leute offen, dass derjenige, der
ein Molotow-Cocktail werfen
wollte, eine Verbindung zur
israelischen Besatzung haben
könnte. Der Bürgermeister von
Tubas, der diese Möglichkeit
auch erhob, nannte aber noch
eine andere Option: Vielleicht
handelten die Täter einfach nur
aus Ignoranz.
Die meisten Kritiker wiesen nicht auf
den Shin Bet hin. Sie leugnen
die schwierigen Probleme nicht,
die sich in der
palästinensischen Gesellschaft
ausgebreitet haben: kriminelles
Verhalten und Rowdytum unter dem
Deckmantel des Nationalen
Kampfes und der vermehrte
Gebrauch von Waffen bei
persönlichen oder öffentlichen
Konflikten – mit der Ermutigung
palästinensischer Politiker, die
eine chaotische Atmosphäre
benötigen, um als „stark“
angesehen zu werden.
Aber ist es möglich, dieses Übel
vollkommen von der israelischen
Besatzung zu trennen?
Das letzte Buch des Historikers
Hillel Cohen „Aravim Tovim“
(„Gute Araber“) bietet mehrere
historische Beweise über die
Richtigkeit palästinensischer
„Paranoia“: politische Motive
hinter den
Sicherheitskontrollen. Auch wenn
das Thema des Buches die
Aktivität des israelischen
Sicherheits- und Geheimdienstes
unter israelischen Arabern
direkt nach 1948 ist, erlaubt
uns eine gleich bleibende
Politik von der Mandatszeit bis
in die Gegenwart Schlüsse zu
ziehen, die auch heute auf die
israelische Kontrolle über die
Palästinenser in der Westbank
und den Gazastreifen zutreffen.
Cohens Nachforschungen beziehen sich
vor allem auf Polizeidokumente
aus der Zeit ( nach 1948), deren
Dokumente vor kurzem für die
öffentliche Einsicht frei
gegeben wurde (die Shin
Beth-Dokumente sind noch
geheim). Sie berichten z.B., von
lokalen Behörden Waffen an
Kollaborateure gegeben wurden,
um sie ( für ihre Mitarbeit) zu
belohnen. Das
Sicherheits-Verbindungskomitee
erwähnt allerdings 1949, dass
die Verteilung von Waffen an ein
Mitglied einer Gruppe
wahrscheinlich auch für uns
nützlich sei. Es wird die
gewünschte Spannung unter
verschiedenen Gruppen in der
Bevölkerung erzeugen, die uns
in die Lage versetzt, die
Situation zu kontrollieren.“
Cohen enthüllte auf Grund
schriftlicher Dokumente, dass
die Sicherheitsagenten sogar
interne Konflikte ( unter
Palästinensern) initiierten.
Außerdem hat das Regionalkomitee für
arabische Angelegenheiten im
Dreieck (bei Umm El-Fahm)
…“nicht die Genehmigung erteilt,
den Bewohnern der Region höhere
Schulbildung zu ermöglichen,“(
nach Protokollen eines
Treffens, 1954). Das Komitee
bemühte sich darum, Araber daran
zu hindern, von Gymnasien
aufgenommen zu werden. Cohen
erlaubt sich, über die Motive zu
spekulieren: war es der Wunsch,
eine gebildete Schicht nicht
entstehen zu lassen, der es
womöglich gelingen könnte, sich
zu organisieren und Forderungen
an den Staat zu stellen?
In andern Worten: die
Sicherheitskräfte - auch wenn
sie an verschiedenen Orten nach
eigene Initiative handelten -
operierten im Kontext eines
offiziellen Paradigma:
fortdauernder Diebstahl von
Land, andauernde Fragmentierung
und Schwächung der arabischen
Gesellschaft und das Untergraben
der Möglichkeit der Entwicklung
einer unabhängigen paläst.
Führung. Kritiker der
militärischen
Verwaltungspolitik, nämlich
israelische Araber und die
Hauptoppositionspartei Maki
(Kommunisten) wurden als
„paranoid“ beschrieben. …
Indirekt sagt dieses Buch eines
früheren Journalisten, dass man
sich nicht erst auf die
schriftlichen Dokumente berufen
muss, die in 50 Jahren der
Öffentlichkeit zugänglich
gemacht werden, um einer
politischen Analyse zu glauben,
die sich von der der
augenblicklich Herrschenden
unterscheidet. Es war also nicht
einfach Kurzsichtigkeit und
Nachlässigkeit, die die
palästinensischen Gebiete
während der 90er Jahre mit
Waffen überflutete. Es ging
nicht um „Sicherheit“, die zur
Schaffung einer Klasse neuer
Muktare von Fatah führte, die
besondere Privilegien erhielt,
die andern Palästinensern
verweigert wurden und die so
natürlich die internen
Spannungen verschärfte. Es war
keine „Kurzsichtigkeit“, die zur
Schwächung und politischen
Irrelevanz von Mahmoud Abbas
(Abu Mazen) führte, wie es auch
keine Naivität war, die den
wichtigsten Punkt in den
Oslo-Abkommen übersah: das Ziel
eines palästinensischen Staates
innerhalb der Grenzen von 1967.
Es ist keine lokale Entscheidung
regionaler Militärkommandeure,
die die Westbank in isolierte
„territoriale Zellen“ aufteilen.
Es geht nicht um Sicherheit
allein, wenn Studenten aus dem
Gazastreifen daran gehindert
werden, in der Westbank zu
studieren, und amerikanische
Dozenten daran gehindert werden,
an palästinensischen
Bildungsinstituten zu lehren. Im
Namen der Sicherheit - aber
nicht um ihretwillen –
vergrößert Israel die
Unwissenheit und verschlimmert
die wirtschaftliche Lage in den
besetzten Gebieten.
Entsprechend dieser Analyse – für die
es genügend Beispiele gibt –
agieren die israelischen
Sicherheitskräfte sorgfältig
innerhalb eines klaren
politischen Paradigma: auf jede
nur mögliche Weise wird das
palästinensische
Nationalkollektiv geschwächt,
damit es nicht in der Lage ist,
sein Ziel zu erreichen, einen
Staat – der diesen Namen auch
verdient – in Übereinstimmung
mit den internationalen
Resolutionen zu errichten .
(dt. Ellen Rohlfs) |