Im
Hintergrund steht
das Wort Rache
von Amira Hass
Die
junge Frau, die
in den Eckladen
im Jeniner Flüchtlingslager
kam, verbarg ihre
Feindseligkeit nicht,
als ihr gesagt wurde,
dass ein israelischer
Gast hier sei. Es
schien sogar, es
falle ihr schwer,
im selben Raum mit
ihm zu sitzen, als
der Kaufmann ihn
mit Süßigkeiten
und Scherzen unterhielt,
während man sich
über die Parteien
unterhielt, die
sich an der Wahl
beteiligten. Ohne
Umschweife fragte
die junge Frau den
Gast: „ Was denken
Sie also über „Opferoperationen“?“
Es war klar, sie
war an keiner Antwort
interessiert, sie
wollte nur eine
Lektion erteilen,
die ihr die passende
Antwort schien.
„Ein neunjähriges
Mädchen zu töten,
ist also in Ordnung?
Und uns in unsern
Häusern zu bombardieren,
ist auch ok?“ Was
sie aber noch zorniger
machte als anderes,
war die Antwort,
dass Rache kein
Befreiungskampf
sei. Der Kaufmann
beschwichtigte die
junge Frau: „So
spricht man nicht
mit einem Gast.“
Als die junge Frau
wieder draußen war,
sagte er: „der Bruder
der jungen Frau,
ein Fatahmitglied,
beging in Israel
einen Angriff und
wurde dabei getötet.
Ein anderer Bruder
wurde von den IDF
getötet, als sie
im April 2002 das
Flüchtlingslager
überfielen.
Von Rafah im Süden
bis Jenin im Norden
wird anstelle des
Wortes „Selbstmordanschlägen“
„Antwort“ oder „Reaktion“
verwendet. Zuweilen
erklärt man im Zusammenhang
mit Qassamraketen:
„Wir haben das Recht,
uns auch zu verteidigen“.
Je ehrlicher sie
zu sich sind und
sich und andere
nichts über die
Möglichkeit zu verteidigen,
vormachen, sagen
sie: „Wir haben
auch das Recht,
andere zu erschrecken,
so wie ihr uns mit
eurem Beschießen
und Bombardieren
und mit den Lärmbomben
immer erschreckt.
Eure Bürger sollen
sich auch bedroht
fühlen.“ Es ist
bei Gesprächen nicht
ausdrücklich das
Wort „Rache“ nötig;
es steht im Hintergrund
und es ist klar,
dass die Leute sehr
klar den atavistischen
und den Druck vom
Familienclan verstehen.
Diejenigen, die
als Selbstmordbomben,
mit Qassams oder
einem Messer Rache
üben, vertreten
sie; denn sie finden
so einen Weg, ihre
Wut und Ohnmacht,
die jeder einzelne
oder kollektiv fühlt,
auszudrücken.
Vermutlich war es
die Rache, die Ahmed
Kfina am Sonntag
dahin brachte, das
leichteste Opfer
zu finden: Kinneret
Ben Shalom Hajbi,
eine 58jährige Frau
aus Petach Tikva.
Man braucht keine
Beurteilung durch
Sicherheitsexperten
und Orientalisten
verschiedener Arten,
um zu wissen, dass
er nicht auf das
Geheiß von anderen
reagierte.
Der Versuch, Israelis
zu erklären, solche
Racheakte seien
winzig im Vergleich
zur Intensität eines
israelischen Angriffes
auf jede einzelne
Person und auf die
ganze palästinensische
Gemeinschaft, ist
zum Scheitern verurteilt.
Täglich greift Israel
jeden Palästinenser
systematisch auf
verschiedene Weise
an. Diese Häufung
ist tödlich , auch
wenn das Töten eines
neunjährigen Kindes
oder das Ansetzen
eines Hundes auf
eine alte Frau nicht
zu den täglichen
Ereignissen gehören.
Es ist diese Häufung
(von Angriffen),
die jeden Versuch,
ein normales Leben
zu führen, unmöglich
macht. Es ist schon
das Eingeschlossensein
in die Enklaven
der Westbank , die
schon die normalsten
Dinge des Lebens
wie den Gang zur
Schule, zur Arbeit,
zu einem Familienbesuch
unmöglich machen.
Dazu kommt das weitere
Enteignen von Land
für Straßen und
Sicherheitszäune;
das tägliche Ausreißen
der für den Lebensunterhalt
notwendigen Bäume
durch die Armee
und die Beschimpfung
durch sie; das Verbot
der Armee – aus
Sicherheitsgründen
– Land zu bearbeiten
oder auf ihm Vieh
weiden zu lassen;
die Überfälle ins
Haus mitten in der
Nacht, wovon Israelis
selten etwas hören
; die Stunden des
Wartens an den Checkpoints;
die erschreckten
Kinder, die gezielten
Waffen ...
Der persönliche
Drang nach Rache
und das Verständnis,
das Leute für die
Racheausübenden
haben, wird intensiver
je klarer wird,
dass es keinen gemeinsamen
Plan gegen die Besatzung
gibt und je deutlicher
wird, dass die palästinensischen
Organisationen und
ihre Führungen es
versäumen, ihr Volk
aus der israelischen
Kontrolle herauszuführen.
Der individuelle
Rächer braucht nicht
wie politische Organisationen
die Auswirkungen
seiner Taten auf
die versäumten palästinensischen
Ambitionen nach
Unabhängigkeit berücksichtigen.
Der Rächer „löst“
seine eigene persönliche
Krise. Deshalb sollte
man von einem persönlichen
Rächer nicht erwarten,
er wolle wissen,
ob sein Racheakt
Israelis etwas über
die Motive lehrt,
die sie ihm zur
Rache liefern. Im
Gegenteil, es stärkt
unter Israelis nur
das Gefühl des Opferseins
- und ihre natürliche
Tendenz, über die
Besatzung besser
nichts zu wissen.