Eine Geste gegenüber dem Gefängnispersonal
Amira
Hass, Haaretz, 21.11.07
Die Entlassung von
weiteren 440 palästinensischen Gefangenen ist eine nette geste gegenüber dem
Gefängnispersonal. Es vermindert die schreckliche Überbelegung in den
Gefängnissen, wenn auch nur ein wenig. Und es vermindert auch die Bürde des
Sicherheitsestablishments, dem es nicht vollkommen gelungen ist, seine
Verpflichtungen zu umgehen, einigen Familienmitgliedern zu erlauben, ihre
Angehörigen alle zwei Wochen zu besuchen.
Die Entlassung von
Gefangenen , die „kein Blut an den Händen haben“ oder anders gesagt,
diejenigen die nicht schuldig befunden wurden, Juden gemordet zu haben – ist
eine kleine Korrektur, die die Besatzungsbürokratie beim Prozess der
Verhaftung, bei der Gerichtsverhandlung und der Verurteilung von
Palästinensern macht. Die Verurteilung von militärischen Gerichten steht
fast immer von vornherein fest. Die Strafen sind hart und übermäßig
hinsichtlich eines jeden Anklagepunktes in der Anklage. Und sie sind von
Seiten der Besatzungsvertreter von Rache gegenüber den Vertretern des
besetzten Volkes bestimmt. Keinem Verhafteten werden jemals die minimalsten
Rechte gegeben, die er zu Verteidigung gegen die Anklagen benötigt. Die
Drohung der Haft – unter unerträglichen Bedingungen – bis zum Ende des
Prozesses spornt den Angeklagten und den, der ihn vertritt , an, eine
mildere Strafe ohne Kreuzverhör zu erwirken ….
Die zivilen
Gerichtshöfe sind zwar auch nicht immun gegenüber Diskriminierung und
Vorurteilen, aber man kann vermuten, würden die Militärgerichtshöfe sich so
verhalten wie die zivilen Gerichthöfe, dann würden viele palästinensischen
Verhafteten überhaupt nicht verurteilt – einfach aus Mangel an Beweisen, und
andere würden viel kürzere Haftstrafen erhalten. Wenn man sich daran
erinnert, dann ist die Gefangenenentlassung auch eine Geste gegenüber den
Militärrichtern: sie haben so ein paar weniger Monate von ungerechtfertigten
Haftstrafen auf dem Gewissen.
Während der 90er
Jahre entließ Israel etwa 10 000 Gefangene im Rahmen des Osloabkommens.
Gerade so wie in Irland und in Südafrika. Das ist so die Praxis: wenn in
einem Kampf gegen nationale Unterdrückung die Parteien überein kommen,
Frieden zu machen, dann erkennt die Besatzungsmacht an, dass die Gewalt der
Gefangnen eine Reaktion auf die eigene Gewalt ist. Dies ist keine Geste (
des guten Willens), sondern ein notweniger Schritt in Richtung Lösung. Die
entlassenen Palästinenser schließen all jene mit ein, die verurteilt wurden,
weil sie andere Palästinenser ( wegen Verdacht der Kollaboration)
umbrachten. Aber Israel weigert sich Palästinenser zu entlassen, die wegen
Mord an Juden verurteilt worden sind. Es weigert sich auch Verhaftete aus
Ost-Jerusalem oder den Golanhöhen oder aus Israel zu entlassen. Etwa 84
Gefangene, die zu diesen vier Gruppierungen gehören sind schon seit 18-30
Jahren im Gefängnis. Sie haben lebenslang bekommen, und die Strafe hört mit
ihrem Tod auf.
Wenn diese
Gefangenen Juden gewesen wären, dann wären sie schon vor langer Zeit
entlassen worden – egal ob sie als Juden Palästinenser umgebracht haben. Ihr
Urteil würde dann vom Präsidenten umgewandelt worden sein (Ami Popper, der
sieben Arbeiter ermordete, ist unter den jüdischen Gefangenen, die
Palästinenser ermordeten, eine Ausnahme; er erhält regelmäßig Urlaub, wird
aber nicht entlassen) oder weil sie mit weniger schwerwiegenden Verbrechen
als Mord belastet wurden und weil sie nicht vor einem Militärgericht
standen.
Wäre Said Al’tabeh
aus Nablus, der Älteste der palästinensischen Gefangenen ein Jude gewesen,
hätte er nicht im Juli sein 31. Gefängnisjahr begonnen ohne End in Sicht. Er
war verurteilt worden, ein Zelle der demokratischen Front zur Befreiung
Palästinas geleitet zu haben, deren eines Mitglied eine Bombe gezündet
hatte, die einen Israeli tötete und 32 andere Verletzte. Wenn Muhkles
Burghal aus Lod, der vor 20 Jahren verurteilt worden ist, weil er eine
Handgranate geworfen hatte, die aber den Bus voller Soldaten verfehlte, ein
Jude gewesen wäre, dann wäre er nicht bis heute im Gefängnis und müsste
nicht weitere 20 dort verbringen – ohne das Recht auf Urlaub, ohne das Recht
seine 70Jahre alte Mutter zu umarmen.
Dieses sind die
Gefangenen, deren Entlassung heute, gestern oder vor 10 Jahren bewiesen
hätte, das Israel wirklich an einer Veränderung liege, dass es seine eigen
lange Geschichte der Gewalt anerkennt und sie nun zu reduzieren wünscht.
Sein Versäumnis, sie zu entlassen ist nicht nur eine bittere Enttäuschung
für ihre Familien du Freunde. Es ist auch ein schlag ins Gesicht eines
jeden, der wirklich an einer Friedenslösung interessiert ist.
(dt.
Ellen Rohlfs)
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