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Gefangen bis zum Tode
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bedauerliche Gleichgültigkeit
Amira Hass, Haaretz 6.12.06
Einige dutzend Kilometer vom
Haus der Familie des Soldaten
Schalit entfernt, in Nablus,
wohnt die Familie des
palästinensischen Gefangenen
Said Al-Atabeh. Auch sie
verfolgt die spärlichen
Informationen vom Stand der
Verhandlungen über die
Freilassung von Schalit. Auch
sie schwankt zwischen der
Hoffnung auf Befreiung des
Sohnes und Sorgen und Ängsten.
Al-Atabeh ist der Gefangene, der
sich am längsten in israelischer
Haft befindet – seit July 1977.
Er wurde zu lebenslänglich
verurteilt wegen Leitung einer
militärischen Einheit der
demokratischen Front (DFLP):
Einer ihrer Mitglieder legte
einige Sprengsätze, die
explodierten. 33 Menschen wurden
verletzt, einer starb an den
Verletzungen. Auch der
Sprengstoffleger wurde zu
lebenslanger Haft verurteilt,
wurde aber 1985 im Rahmen eines
Gefangenenaustauschs
freigelassen. Ein blindes
Schicksal bestimmte, dass
Al-Atabeh im Gefängnis blieb, da
Israel im letzten Moment die
Freilassung von allen zu
lebenslänglich Verurteilten
ablehnte. Die für Al-Atabeh
militärisch und politisch
Verantwortlichen – Mamdouh Nofal
und Yasser Abed Rabbo – kamen
nach der Unterzeichnung des
Oslo-Vertrags ins Land zurück
und wurden für ihre
kontinuierliche Unterstützung
einer Friedensvereinbarung mit
Israel bekannt. Gemeinsam mit
ihnen verließ Al-Atabeh die
demokratische Front und wurde
Mitglied der Palästinensischen
Demokratischen Vereinigung (FIDA).
Al-Atabeh ist innerhalb Israels
in Haft, im Gefängnis Ashkelon,
obwohl das internationale Recht
die Inhaftierung von besetzter
Bevölkerung auf dem Gebiet des
Besatzers verbietet. Wie die
anderen palästinensischen
Gefangenen wird er als
krimineller Häftling deklariert
und nicht als Kriegsgefangener
anerkannt. Ihm und seinen
Kollegen werden aber
entsprechende Rechte, wie der
auf Besuch der Familie, nicht
zugestanden. Al-Atabehs Mutter
hat ihn zuletzt vor einem Jahr
besucht, nach fünfeinhalb
Jahren, in denen sie ihn nicht
sehen konnte.
Ungefähr drei Jahre lang haben
die Militärbehörden der
Bevölkerung der besetzten
Gebieten, vor allem der
nördlichen Westbank, den Besuch
von Familienangehörigen im
Gefängnis nicht ermöglicht. Bis
heute sind Familienbesuche von
Gefangenen mit zahllosen Qualen
und willkürlichen
"Sicherheits"-Hindernissen
verbunden. (Sogar Al-Atabehs
geh- und sehbehinderte Mutter
wurde irgendwann "wegen
Sicherheitsrisiko abgelehnt" .)
Seiner Schwester wurde ein
Besuch nach etwa sieben Jahren
gestattet; nicht zugelassen
wurden seine kleinen Neffen.
Palästinensische Häftlinge
dürfen nicht von
Familienangehörigen besucht
werden, die nicht Verwandte
ersten Grades sind, das schließt
natürlich auch Freunde mit ein.
Palästinensische Häftlinge
dürfen auch kein öffentliches
Telefon benützen. So beinhaltet
ihre Strafe auch die grausame
lange Trennung von der Familie.
Deshalb ist es bedauerlich, dass
wir in der Diskussion über die
Grausamkeit der Kidnapper von
Gil'ad Schalit, Eldad Regev und
Ehud Goldwasser – denen es nicht
einmal erlaubt ist, ihren Eltern
ein Lebenszeichen zu senden –
nicht über die Grausamkeit unser
eigenen Gefängnis- und
Militärbehörden sprechen, die
diese seit Jahren gegenüber
tausenden von Palästinensern und
ihren Familien an den Tag legen.
Bedauerlich auch, dass gerade
jetzt, wenn im Zusammenhang mit
dem erwarteten
Gefangenenaustausch an die
palästinensischen Gefangenen
erinnert wird, - man so wenig
von den 400 Veteranen unter
ihnen spricht, die noch vor der
Unterzeichnung des Oslo-Vertrags
ins Gefängnis kamen, unter ihnen
78 zu lebenslänglich
verurteilte. Im Gegensatz zum
Vorgehen bei kriminellen
Gefangenen, die wegen Mord zu
einer lebenslänglichen
Haftstrafe verurteilt wurden,
und im allgemeinen nach 30
Jahren Haft und Strafminderung
um ein Drittel wegen guten
Betragens entlassen werden, -
ist lebenslange Haft bei
Palästinensern meist
gleichbedeutend mit
Gefängnisstrafe bis zum Tode.
Die Weigerung Israels, die
wegen Mord und Verletzung von
Juden inhaftierten Palästinenser
im Rahmen der Oslo-Verträge
auszutauschen, ist einer der
Ursachen für die Schwächung der
Position der regierenden
Fatah-Partei in den Augen ihrer
Öffentlichkeit. Diese Weigerung
zeigte die führenden
Persönlichkeiten der
palästinensischen
Autonomiebehörde – von denen
einige die Befehle zu eben den
Taten gegeben hatten, wegen
derer die Aktivisten und
Befehlsausführenden im Gefängnis
sitzen – als Leute, die
Verwundete an der Front im Stich
ließen. Diese Weigerung diente
Gegnern der Vereinbarung, vor
allem der Hamas, als
effektive Waffe. Sie
behaupteten, dass ebenso wie die
Konfiszierung von Land und der
Bau der Siedlungen auch
die Nicht-Freilassung von
langjährigen Gefangenen beweist,
dass Israel an einer Versöhnung
nicht interessiert ist.
Bedauerlich auch, dass bis heute
die Diskussion über die
Gefangennahme von Palästinensern
an sich, als Teil der Besatzung
palästinensischer Gebiete und
der Kampf dagegen, in Israel
vermieden wird. Der Angriff auf
Zivilisten, die Negierung ihrer
Rechte bis zur Verletzung ihres
Rechts auf Leben, liegt im Wesen
der Besatzung. Der
Besatzungsapparat gesteht sich
aber auch das Recht zu, seine
Gegner als kriminell zu
definieren. Dies ist freilich
keine ausschließlich israelische
Erscheinung: Die Engländer, die
Weißen in Südafrika, die
Franzosen, - auch sie
präsentierten die Aktivisten von
Widerstandsbewegungen gegen ihre
Zwangsherrschaft als
blutrünstige Terroristen. Auch
sie taten sich schwer, zu
verstehen, dass diese
blutbefleckten Kriminellen
(anderweitig als
Freiheitskämpfer bezeichnet)
genauso das Recht auf Freiheit
besitzen wie die Soldaten und
Polizisten, die auf Befehl der
herrschenden Staatsgewalt
Zivilisten der beherrschten
Bevölkerung töteten und
verletzten.
Es ist bedauerlich, dass es das
Unglück und der Schmerz der
Familie Schalit ist, was Israel
wahrscheinlich helfen wird,
seinen Rachedurst zu überwinden
und Al-Atabeh und seine Kollegen
zu befreien, bevor sie ins
vierte Jahrzehnt ihrer
Gefangenschaft treten.
(dt.Weichenhan-Mer
G.)
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