|
Die Gefängnis-Oberaufseher
Amria Hass, Haaretz, 12.4.06
Vor zwei Wochen – am
israelischen Wahltag – wollten
zwei Fahrer um 8 Uhr früh
Tulkarem über den östlichen
Ausgang in Richtung Anabta
verlassen . Sie erfuhren, dass
ihre Passierscheine ungültig
waren. Ein Soldat am Checkpoint,
der die Durchfahrt verhinderte,
entschuldigte sich: Heute ist
das Verlassen der Stadt nur
Bewohnern der drei benachbarten
Dörfer Shufa, Safrin und Beit
Lid erlaubt, erklärte er den
Machsom Watch Frauen. „Und im
allgemeinen ist dies kein
Kontrollpunkt ( durch die man
mit Passierschein fahren kann
AH), sondern eine Absperrung.
Und hier gibt es keine
Passierscheine; hier gibt es nur
besondere Verfahren.“
Palästinenser, die unter israelischer
Besatzung leben, sind in einem
Dickicht von physischen,
materiellen Absperrungen aller
Typen und Größen eingesperrt:
von Kontrollpunkten,
Straßensperren, Blockaden,
Zäunen, Mauern, Stahltoren,
verbotenen Straßen,
Erdhaufen, Zementblöcken und
außerdem durch ein häufig sich
änderndes Sortiment von
Verboten und Einschränkungen. Da
gibt es dauerhafte Verbote, die
durch verschiedene
zeitweilige Verbote ergänzt
werden, wie das eben erwähnte
Verbot. nach Anabta zu fahren.
Auch ohne die immer wieder
auftretenden nächtlichen
Überfälle durch die Armee, um
„Gesuchte “ zu verhaften, oder
ohne das Bombardieren, dem es
nicht gelingt, das Abfeuern der
Qassem-Raketen zu verhindern,
wird das Leben völlig
gestört.
Die ständige Unterbrechung des Lebens
und die Verbote werden nicht als
„Nachrichten“ gewertet – tauchen
also nicht in den Medien auf -
weil sie Routine sind. Und diese
Routine nimmt für eine
menschliche Zukunft jede
Hoffnung.
Die Bewohner des Gazastreifens dürfen
nicht in die Westbank.
Palästinensern, einschließlich
den Bewohnern von Jericho, ist
es nicht erlaubt, sich im
Jordantal aufzuhalten – außer
denen mit offizieller Adresse
dort. Es ist verboten, mit einem
privaten PKW durch den
Abu-Dis-Kontrollpunkt zu fahren.
Er trennt den nördlichen Teil
vom südlichen Teil der Westbank.
Es ist verboten, mit dem Wagen
nach Nablus hineinzufahren. Es
ist für Palästinenser, die in
Ost-Jerusalem leben,
verboten, abgesehen von
Ranallah, Westbank-Orte zu
besuchen. Bürgern aus arabischen
Staaten, die mit einem
Palästinenser/ einer
Palästinenserin verheiratet
sind, ist es verboten, die
Westbank zu betreten .
Der Soldat am Kontrollpunkt oder
hinter dem Schreibtisch der
Zivilverwaltung ist das letzte,
unbedeutendste Glied im Dickicht
der Einschränkungen und
Begrenzungen. Der Soldat
hinterfragt die Befehle und
Verbote nicht, er erfindet sie
auch nicht. Er ist nur
Gefängniswärter auf unterster
Ebene. Hinter ihm steht die
gesichtslose Reihe von
Bürokraten, die Regeln erlassen,
und ständig die Methoden der
Gefangenschaft und die
Vorschriften verändern.
Die israelischen Oberaufseher
haben anscheinend ein besonderes
Vergnügen daran, sich in das
palästinensische Familienleben
einzumischen und nicht nur dann,
wenn der Ehepartner ein
israelischer Bürger ist. Die
Agenten der „Zivilen Verwaltung“
hindern z.B. die türkische Frau
eines Palästinensers am Zutritt
zur Westbank; oder eine Person,
deren Verwandter starb ( weil
sie keine Verwandte 1. Grades
ist); oder eine Frau, deren
Schwiegervater starb ( eine
Verwandtschaft, die auch nicht
als Verwandte 1.Grades angesehen
wird); oder einem Vater,
dessen Sohn erkrankt ist ( mit
der Entschuldigung, dass andere
Familienmitglieder die Westbank
mit einem Touristenvisum
betreten und die Westbank nicht
verlassen haben, bevor das Visum
ungültig wurde).
Bewohner vom Gazastreifen, die in der
Westbank leben, sind nur 70km
von ihren Eltern oder
Geschwistern entfernt. Manche
haben sich seit 5 bis 8 Jahren
nicht gesehen, da sie kein
Transitvisum durch Israel
erhielten. Bewohnern des
Jordantales ist es nicht
erlaubt, ihre Verwandten, die
nur 10km von ihnen entfernt
wohnen, zu besuchen.
Die Architekten der Trennungsmauer
haben nicht nur eine besondere
Vorliebe für das verfügbare Land
der Palästinenser gehabt,
sondern auch dafür, wie Familien
getrennt werden können. Wenn der
bis jetzt vorgeschlagene Verlauf
des Zaunes genehmigt worden ist,
dann werden ca 570 000 Dunum (
566 qkm) von palästinensischem
Land ( etwa 10% des Gebietes der
Westbank) zwischen dem Zaun und
der Grünen Linie liegen. In
andern Worten: sie werden
höchstwahrscheinlich von Israel
annektiert. Bewohner von
Dörfern, die westlich des Zaunes
liegen, haben Verwandte in den
nächsten Dörfern östlich des
Zaunes...
Ein Vater in Azoun Atma z.B.
erzählt, dass seine Tochter in
Saniria, einem benachbarten Dorf
lebt, das nur wenige Minuten
Fußweg entfernt liegt. Sie
erhält keinen Passierschein, um
ihn zu besuchen. Jugendliche,
deren Familien Olivenbaumhaine
auf der anderen Seite des Zaunes
besitzen, erhalten nicht die
Genehmigung, durch die Tore des
Zaunes zu gehen, um ihren alten
Großeltern bei der Landarbeit zu
helfen . Hochzeiten,
Beerdigungen, Olivenernten und
Familienfeste werden – dank der
Initiativen der israelischen
Oberaufseher – über Telefon,
Emails oder Videokameras ( falls
man sie hat) gefeiert.
Man kann sich nur darüber
wundern, was die Planer dieser
Trennungen zu erreichen hoffen,
wenn sie den Enkeln verbieten,
den Großeltern zu helfen, das
Land zu bearbeiten, oder einer
Frau verbieten, mit ihrem Mann
zusammenzuleben oder darüber
verfügen, dass ganze Dörfer ihr
Land verlieren, das ihre Zukunft
bedeutet. Sie werden für jede
Maßnahme, die sie unternehmen -
im Namen der Sicherheit - fast
global unterstützt.
Sie machen weiter und erfinden
Verbote, weil niemand seine
Stimme dagegen erhebt. Und sie
sind nicht nur dafür
verantwortlich, das Leben der
Palästinenser ernsthaft zu
(zer)stören, sondern auch dafür,
die Mentalität von
Gefängniswärtern in Tausende von
jungen Israelis einzupflanzen,
in Soldaten, Angestellte und
Polizisten – eine berauschende
Mentalität derjenigen, die
mit den Schwächeren
ungestraft schlecht
umgehen darf.
(dt. Ellen Rohlfs) |