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Israelische und Jüdische Stimmen

Texte von Amira Hass

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Für Siedler verboten – aber nicht für den Staat
Amira Hass, Haaretz, 11.10.06

 

Die israelischen Verteidigungskräfte (IDF) und die Zivilverwaltung taten gut daran, die israelische Öffentlichkeit davon zu informieren, welche Schritte sie unternimmt, damit  die Olivenernte ordentlich und sicher verläuft. Die Erntezeit begann letzte Woche. Gut trainierte israelische Ohren konnten schnell die Matrize der gut beschützten Ernte ausmachen: jedes Dorf, das ein Ziel für Siedlerangriffe auf palästinensische Bauern, ihre Obstbaumhaine oder ihre Ernten  war.

Im Gegensatz zum begrenzten militärischen und polizeilichen Schutz, den palästinensische Olivenpflücker in den letzten zwei Jahren genossen, wird der Schutz dieses Jahr besonders ernst genommen. Und die IDF spricht von einer „Ernte bis zur letzten Olive“.  Daraus ergibt sich, dass Versuche von Siedlern,  die Erntenden anzugreifen oder einzuschüchtern, abgewehrt werden sollen. Rabbi Arik Ascherman, Direktor der Rabbiner für Menschenrechte (RHR), hat den Eindruck, dass wenigstens auf der Kommandoebene die IDF entschlossen ist, die Olivenpflücker und ihre Olivenernte zu schützen.

 

Einschüchterung und Angriffe durch  Siedler, die die Dörfler verängstigten, gab es schon vor 2000. Aber nach Beginn der 2. Intifada wurde dies viel schlimmer. Die Armee und die Polizei waren entweder nicht vorhanden oder  hilflos und apathisch. Die Armeekommandeure machten es sich leicht: sie schlossen einfach große Teile des Landes für ihre palästinensischen Besitzer ab – als Mittel und Weg, sie vor den Siedlern zu „schützen“.

 

Die RHR und andere linke israelische Organisationen wie die Ta’ayush (arabisch-jüdische Partnerschaft) entschieden sich schon 2002, die palästinensischen Farmer zu begleiten, trotz der Gefahr, dass Siedler sie angreifen könnten. Die reiche Erfahrung der RHR-Aktivisten lieferte die praktische Grundlage für eine Petition gegen die staatlichen und  andere Sicherheitskräfte, die von  der „Gesellschaft für Zivile Rechte in Israel“ zusammen mit der Dissidentengruppe der Rabbiner und fünf palästinensischen Dörfern  2004 beantragt wurde. Das Gericht brauchte 2 Jahre, um die Petition und die Antworten des Staates, die Ergänzungen und Korrekturen u.a. zu bearbeiten. Aber im Juli 2006 verabschiedete es eine Entscheidung, die die Sicherheitskräfte verpflichtet, die Rechte der  Palästinenser und ihr Recht, ihr Land zu kultivieren, zu schützen. Die IDF, die zivile Verwaltung und die Polizei sind nun an den Gerichtsentscheid gebunden. Deshalb scheinen sie jetzt bei ihren Warnungen  gegenüber den Siedlern  entschlossener zu sein.

 

Von allen systematischen israelischen Angriffen auf palästinensische Farmer, sind  die von Siedlern initiierten und ausgeführten, die, die negativste PR erzielen. Ein paar wohl bekannte Persönlichkeiten verpflichteten sich, bei ein oder zwei öffentlich gemachten Ernteeinsätzen mitzuhelfen; Mitglieder der Kibbuzbewegung waren erschrocken und begleiteten regelmäßig Bauern aus einigen Dörfern und es gab unangenehme Berichte in der Presse. Aber was für Siedler verboten ist, ist dem Staat, der IDF und der Zivilverwaltung erlaubt…

 

Machsom Watch, eine andere israelische Dissidentengruppe, hat Bauern der nördlichen Westbank auf ihren mühsamen Fahrten zu ihrem Land begleitet, das hinter dem Trennungszaun abgesperrt liegt und im Grunde schon enteignet wurde. Die Frauen von Machsom Watch erhielten von mehreren Toren im Zaun Berichte. Der Staat hatte dem Obersten Gerichtshof versprochen, dass er es für die Bauern ermögliche, ihr Land zu erreichen. So war versprochen worden. Aber den größten Teil des Jahres wurden die Tore nur zweimal in der Woche geöffnet. Drum gaben es die Leute auf, Gemüse und Weizen anzupflanzen, was tägliche Pflege erforderte. Sie haben es auch aufgegeben, ihre Schafe auf unkultiviertem Land weiden zu lassen. Viele Male wurden die Tore nicht zu den angegebenen Zeiten geöffnet. Viele Male akzeptieren die Soldaten die Passierscheine der Bewohner nicht  oder nahmen ihnen diese unter irgendeinem Vorwand ab. Die Machsom Watch-Aktivistinnen verbrachten viele Stunden mit Telefonieren, um einen Armee-Kommandoposten zu erreichen, um zu fragen, warum das Tor nicht rechtzeitig geöffnet wird, warum ein Passierschein konfisziert wurde, warum die Anfrage von zwei Frauen, auf dem Land ihrer Familie arbeiten zu können, abgelehnt wurde.

 

Jetzt ist Erntezeit, die Tore sollten jeden Tag dreimal geöffnet werden. Anstelle von mehreren dutzend Passierscheinen sollte es einige Hundert für jedes Dorf geben. Aber viele wurden abgelehnt – willkürlich. Dieser tägliche Schaden für die Palästinenser erscheint nicht in den Schlagzeilen der Presse.

 

Das israelische Besatzungsregime schikaniert auf verschiedene Weise Palästinenser, die in der Landwirtschaft tätig sind, die die  eigentliche Grundlage der palästinensischen Existenz bildet: durch den Trennungszaun, der das Land von 42 Dörfern abtrennt;  durch die ständig sich erweiterten Sicherheitszäune der Siedler; durch Enteignung des Landes für den Bau von Umgehungs- und Sicherheitsstraßen ; durch Zerstörung der Brunnen; durch Absperrung von verschiedenen Gebieten ( einschließlich des Jordantales)  für militärische Zwecke; durch Absperrung von Straßen für palästinensische Fahrzeuge; durch Kontrollpunkte alle paar Kilometer; durch Umleitung von LKWs voller Produkte über lange und schlechte Wege;  durch das stunden- ja tagelange Warten in der Schlange an israelischen Kreuzungen;  durch das monatelange Absperren des Gazastreifens, sodass es unmöglich ist, landwirtschaftliche Produkte zu vermarkten; durch die entmutigende Bürokratie der Zivilverwaltung, um einen Passierschein zum eigenen Land zu bekommen – oder ihn überhaupt nicht zu bekommen.

 

All diese Arten durch das (isr.) Establishment ausgeübte Misshandlungen, die immer mehr sehr überlegt scheinen, erklären, warum immer mehr palästinensisch kultiviertes Land wie verlassen aussieht: ungepflügtes Land, Bäume voll verfaulter Früchte. Dies erklärt auch, warum immer mehr israelische, anstelle von palästinensischen  Produkten auf palästinensischen Märkten gesehen werden und warum immer mehr Bauern Nahrungsmittelpakete (von Hilfsorganisationen) benötigen.

 

(dt. Ellen Rohlfs)

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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