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Abgewürgt in Gaza
Amira Hass, Haaretz, 22.3.06
In den bevorstehenden Wahlen werden
die Israelis nicht nur für sich
selbst wählen. Sie werden nicht
nur Parteien wählen, die ihr
eigenes Leben die nächsten vier
Jahre lang beeinflussen, sondern
auch das von 3,5 Millionen
besetzter Palästinenser – so wie
sie es 39 Jahre lang getan
haben. Die Wahlsieger in Israel
werden eine Regierung bilden,
die auch die kleinsten Details
eines palästinensischen Lebens
bestimmen.
Das ist Besatzung: Das eine Volk
wirft seine Stimmzettel (in die
Wahlurne) und autorisiert damit
seine demokratische Regierung,
ein Diktator an einem Ort zu
sein, der durch militärische
Übermacht beherrscht wird. An
diesem Ort lebt ein anderes
Volk, das von diesem
demokratischen Spiel völlig
ausgeschlossen ist .
Während der letzten zwei Monate hat
der von den Israelis
demokratisch gewählte Diktator
bestimmt, dass Gazas Bewohner
auf „Diät“ gehen sollten, wie
Anwalt Dov Weissglas dem
Kabinett direkt nach dem
Wahlsieg von Hamas vorgeschlagen
hat.
Verteidigungsminister Shaul Mofaz
entschied, dass Gazas Bewohner
immer weniger frische
Lebensmittel und Milchprodukte
essen sollen, dann weniger Reis
und schließlich auch kein Brot
mehr.
Als Mofaz den Karni-Grenzübergang für
längere Zeit für Waren schloss,
mischte er sich nicht nur als
Kabinettsminister in die
Eßgewohnheiten der Palästinenser
ein. Er schickte auch
Zehntausende von Palästinensern
aus Gaza in unbezahlten Urlaub.
Fahrer, Kaufleute, Gepäckträger,
ArbeiterInnen in Nähfabriken,
Bauern, Bauarbeiter und
Bauunternehmer, deren Material
nicht ankam. Sie alle sind ohne
Arbeit. Die sowieso schon große
Zahl von Menschen, die von
Wohltätigkeit abhängen, wird
wachsen. Die Kettenreaktion wird
das Leben jeder Familie und
ihrer Möglichkeiten
beeinträchtigen: den Schulbesuch
der Kinder, medizinische
Betreuung, Besuch von
Verwandten, den Bau eines
zusätzlichen Raumes, um die
engen Wohnverhältnisse zu
verbessern ...
Keine gewählte palästinensische
Regierung, ob von der Hamas oder
von der Fatah angeführt, hat
jemals das tägliche Leben in
solch einem Ausmaß beeinflusst.
Auf Israels Befehl hat die
palästinensische
Sicherheitsabteilung vier Tunnel
auf einer Länge von 1,5 km
gegraben, aber keinen
verdächtigen Tunnel gefunden,
der als Erklärung diente, um den
Übergang für die Waren zu
schließen. Am Tag fand man 5kg
Explosivstoffe in einem PKW, in
dem Palästinenser saßen und der
auf der Straße Nr.1 fuhr.
Sicherheitserklärungen sind
alles, was Israelis hören
wollen.
Seit der „Abtrennung“ hat Israel
behauptet, dass „Gaza nun nicht
länger mehr besetztes Gebiet
sei“. Was dort also geschieht,
liegt nicht mehr unter ihrer
Verantwortung. Diese Version
schmeckt den Israelis besser als
die andere, dass Israels
Kontrolle über das
palästinensische Leben in Gaza
aufgehört habe; dass Gaza nur
ein Teil der palästinensischen
Gebiete ist und dass seine
Bevölkerung, Wirtschaft,
Gesundheit und
Bildungsinstitutionen an die in
der Westbank gebunden sind und
dass die internationale
Gemeinschaft entschieden hat,
der palästinensische Staat solle
in beiden Gebieten errichtet
werden, im Gazastreifen und auf
der Westbank. – das hören
Israelis nicht so gern.
Aber der israelische Wähler schätzt
die Möglichkeiten der
internationalen Gemeinschaft
gering ein. Sie hat entschieden,
dass Gaza an Ägypten
„zurückgegeben“ werden soll. Das
ist die logische Erklärung für
die lange Schließung des
Karni-Grenzübergangs – nachdem
die Zahl der Palästinenser beim
Erez-Grenzübergang schon
geringer geworden ist. Selbst
wenn auf internationalen Druck
hin ab und zu „humanitäre“ Hilfe
über den Karni-Grenzübergang
gebracht werden könnte – als ob
Gaza von einer Naturkatastrophe
heimgesucht worden wäre – werden
die israelischen Führer ihn
wahrscheinlich „aus
Sicherheitsgründen“ wieder
schließen.
Welche Absicht steckt dahinter? Die
Bewohner des Gazastreifens und
der internationalen Gemeinschaft
sollen sich daran gewöhnen,
Gazas Produkte, Geschäfte und
Pläne südwärts nach Ägypten zu
verlagern, das nicht untätig
bleiben kann, wwnn fast 1,5
Millionen Araber unter
israelischer Belagerung
stranguliert werden.
Auf diese Weise werden Israelis mit
ihrer Wahlstimme nicht nur über
das Schicksal der Palästinenser
bestimmen, sondern auch in das
Leben ägyptischer Bürger
eingreifen.
(dt. Ellen Rohlfs)
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