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In Gaza ist keine Hungersnot
Gideon Levy, 9.4.06
Zur Information für alle Besorgten:
Es gibt noch keine Hungersnot in
den besetzten Gebieten. Bis
jetzt starb kein Kind an
Unterernährung; kein Kind läuft
mit aufgeblähtem Bauch herum. Es
gibt Mehl und von Rafah bis
Jenin gibt es Reis. Die Rede
über eine „humanitäre
Katastrophe“ ist übertrieben.
Die internationalen
Hilfsorganisationen versuchen
verzweifelt, blinden Alarm zu
schlagen, um Israelis und die
Welt aufzurufen, sich an der
Rettung des palästinensischen
Volkes zu beteiligen, da sie
wissen, dass nur übertriebene
Rede jemanden zu bewegen vermag.
Sie mögen recht haben – aber
ihre Aufrufe kommen zu früh und
auch viel zu spät.
( das war vor 8 Tagen – es wird
inzwischen dramatischer sein .d.Übers.)
Die Anwendung des Terminus
„Humanitäre Katastrophe“ ist
tatsächlich ein Beleg für die
Entmenschlichung der
Palästinenser. Es gibt kein
Mehl? „Humanitäre Katastrophe“.
Es gibt Mehl? Dann ist es keine
Katastrophe. Man nimmt an:
alles, was die Palästinenser
benötigen, ist eine tägliche
Lebensmittelration – also werden
sie nicht als Katastrophenopfer
betrachtet. Es reicht, wenn sie
Wasser und Lebensmittel in
ihrem Kochtopf haben, um
festzustellen, dass ihre
Situation in Ordnung ist. Aber
menschliche Wesen,
einschließlich der
Palästinenser, haben auch noch
ein paar andere
Grundbedürfnisse.
Die wirkliche humanitäre Katastrophe
begann schon vor langer Zeit,
und es ist nicht (nur) der
Hunger. Derjenige, der das
benachbarte Volk als menschliche
Wesen sieht, weiß das sehr wohl.
Es stimmt, die Dimensionen der
Katastrophe werden schlimmer –
aber das hat sich seit Jahren
immer weiter in dieser Weise
entwickelt. Und der
Nahrungsmittelindex ist nicht
der einzige Maßstab. Das
Aufhören des Geldflusses (der
Geberstaaten), nachdem die Hamas
an die Macht kam, wird die
wirtschaftliche Situation noch
weiter belasten -- doch allein
der Gedanke, wenn sie nur genug
Lebensmittel haben, dann seien
ihre Bedürfnisse befriedigt, und
wir können ein reines Gewissen
haben, ist ungeheuerlich.
Man muss keine Worte über das Ausmaß
der Armut in den besetzten
Gebieten verschwenden.
65% der Bevölkerung von Gaza und 48%
der Bevölkerung in der Westbank
leben laut UN-Bericht vom
Dezember 2005 unter der
Armutsgrenze. Und das war vor
der Entscheidung, den Transfer der Steuergelder für sie
einzufrieren. Da muss man kein
Wirtschaftsexperte sein, um zu
verstehen, was es heißt, wenn
37% der Menschen von Gaza (73
000) bei der Palästinensischen
Behörde beschäftigt sind und nun
nicht bezahlt werden können. Die
Situation wird also schlimmer
werden.
Die palästinensische Gesellschaft,
die ein sehr hohes Niveau an
Solidarität unter einander hat,
wird wissen, wie sie mit diesem
Unglück umzugehen hat. Auf Grund
der Nahrungsmittel, die durch
die UNRWA und andere
Organisationen verteilt werden,
wird es in Gaza so bald keine
Hungersnot geben, auch wenn die
Zahl derer, die an
Unterernährung leiden, größer
wird.
Doch selbst wenn sie Säcke voll Mehl
und Reis haben, werden die
Lebensbedingungen der
Palästinenser immer
bedrückender. Sie leben im
Gefängnis. Ihre tägliche Routine
schließt Demütigungen ein, was
genau so schrecklich wie
Unterernährung ist. Jeder, der
um einen Passierschein bitten
muss, um seinen Ort zu
verlassen, und Stunden in der
wartenden Menge am Checkpoint
verbringt, nur um sein Ziel zu
erreichen, jeder, in dessen
Schlafzimmer mitten in der Nacht
brutal die Besatzungsarmee
eindringt, jeder, dessen Zeit
und Leben als wertlos betrachtet
wird und dessen menschliche
Würde in den Dreck getrampelt
wird, kann keinen Trost darin
finden, dass es noch Mehl und
Reis gibt.
Jene, die denken, dass es völlig
genügt, sie mit einem Quantum
Mehl zu versorgen, und dann
meinen, sie hätten keine
Verantwortung mehr für das von
ihnen besetzte Volk, leiden an
ernsthafter moralischer
Blindheit. Es genügt nicht, dass
ein junger Mensch nicht hungrig
ist, ein junger Mensch sollte
träumen können, sich eine
Karrieren erhoffen, eine
ordentliche Ausbildung machen
können, Ferien verbringen oder
einfach ein paar Vergnügungen
des Lebens haben. Wird allein
die Tatsache, dass sein Magen
nicht völlig leer ist, ihm
helfen, mit der elenden
Gegenwart und der hoffnungslosen
Zukunft fertig zu werden?
Dass sich Israel vom Gazastreifen
getrennt hat, nimmt Israel nicht
die geringste Verantwortung ab,
die es für das Schicksal von
Gazas eingesperrten Bewohnern
hat. Israel, das den Bewohnern
des Gazastreifens verbietet, in
die Westbank zu gehen – eine
Verletzung der unterzeichneten
Verträge !!– und verhindert,
dass Vorräte von Israel und von
Ägypten her geliefert werden,
hat den Gazastreifen nicht für
einen Augenblick verlassen. Die
Welt und die Menschen mit
Gewissen in Israel sollten nicht
auf das erste Kind warten, das
den Hungertod stirbt und dann
Zetermordio schreien. Viel zu
viele Kinder sind schon getötet
worden, weil die Finger zu
leicht am Abzug lagen oder wegen
verhinderter
Gesundheitsversorgung. Die
Verantwortung liegt nicht auf
den internationalen
Hilfsorganisationen, sondern auf
den Schultern Israels. Aber
Israels Gewissen hat sich in den
vergangenen Jahren nur nach
einem Hinweis gerichtet – nach
einem Hinweis des Protestes aus
Washington. Solange Washington
ruhig bleibt, kann alles
vertuscht werden.
Diejenigen, die bis jetzt ruhig
geblieben sind, können sich
weiter in ihr Schweigen hüllen.
Diejenigen, die nicht von ihrem
Gewissen beunruhigt werden und
deren Schlaf nicht von Israels
Verhalten in den besetzten
Gebieten gestört wird, mögen
weiter in Frieden ruhen. Es
gibt keine „humanitäre
Katastrophe“. Israel wird eine
Lösung für die
Nahrungsmittelkrise finden, und
die Läden werden keinen Mangel
an Mehl haben. Aber diejenigen,
die die Palästinenser nur als
solche betrachten, die
ausschließlich
Grundnahrungsmittel benötigen,
sollten sich an den Zoo
erinnern, wo es den Tieren auch
an „nichts fehlt“ – wo aber die
Besucher des Zoos oft über die
Lage ihrer Gefangenschaft
erschrocken sind.
(dt. Ellen Rohlfs)
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