Game Theorie
Gideon Levy, 14.5.06
Dies war ein besonders kurzer
Maskenball: zwei oder drei
Monate und die „Boycott“-Partei
gegen die Palästinensische
Behörde endete. Es war also ein
besonders dummer Maskenball:
Hamas kann jetzt mit einer
wirklichen Errungenschaft
schwenken. Israel und die Welt
haben bedingungslos aufgegeben,
und das Geld fließt wieder in
die Gebiete. ( noch langsam
!!ER)
Das Problem ist, dass einige Masken
geblieben sind und die Torheit
weitergeht: Israel und die Welt
will kein Geld „direkt“ an die
Hamas-Regierung transferieren,
sondern über einen speziellen „Hamas-Umgehungs“-Mechanismus.
Diese unnötige Maske wird auch
bald fallen.
Was hat Israel von diesem Spiel
gewonnen? Nichts. Es hat nur
verloren. Die Bilder der
Knappheit und des Elends sind
Israel angekreidet worden – und
das ist richtig so.Und wie sieht
die Welt aus, wenn sie
automatisch nach Israels Pfeife
tanzt ? Abgesehen von weiteren
Tausenden von Familien, die sich
in den besetzten Gebieten dem
Kreis der Armen angeschlossen
haben, ist nichts bei dem unter
Israels Anweisung von der Welt
gespielten Katz und Mausspiel
mit der gewählten
Palästinensischen Regierung
herausgekommen. Ein Nobelpreis,
den ein Israeli kürzlich für die
Game-Theory erhalten hat, wäre
sicher nicht für Spiele wie
diese gedacht gewesen.
Jetzt benötigt die Welt für einen
Augenblick eine Pause, um sich
selbst zu fragen, wie kann so
ein kleines Land sich selbst auf
diese Weise so zum Gespött
machen und Großmächte
veranlassen, sich so dumm zu
verhalten. Jeder, der die
Entscheidung des Quartetts, die
Hamas zu boykottieren, prüft,
kann sich nur noch wundern,
woher Israel die Macht bekommt,
immer mehr Entscheidungen zu
erpressen, die im Gegensatz zum
internationalen Interesse
liegen und im Grunde auch gegen
seine eigenen. Die Welt, die
nicht an einer humanitären
Katastrophe in Rafah
interessiert ist, hätte sofort
die israelische Forderung, die
Hilfsgelder nicht in die
besetzten Gebiete zu
transferieren, zurückweisen
müssen, stattdessen wurde sie in
diese Farce gezerrt, die noch
nicht beendet ist. Wird Israels
eingebildete diplomatische
Stärke ihm langfristig helfen?
Gewiss nicht. Der Tag wird
kommen, dass die Welt der
unnötigen Spiele überdrüssig
wird, die Israel und die
US-Macht mit ihr spielen.
Erinnern wir uns an zwei
unabänderliche Wahrheiten:
Zunächst einmal hat das
palästinensische Volk die Hamas
in demokratischen Wahlen
gewählt., die auf die Initiative
der US und in Übereinstimmung
mit Israel zustande kamen.
Zweitens trägt der Staat Israel die
Verantwortung für das Schicksal
der besetzten Gebiete. Ihr
wolltet Wahlen? Hamas wurde
gewählt. Ihr wolltet die
palästinensische Behörde unter
der Führung der PLO kippen. Hier
ist das Ergebnis. Ihr wollt
Besatzung? Dann müsst ihr auch
den Preis dafür zahlen. Es gibt
keinen anderen Weg.
Die 165 000 Familien, deren schmales
Einkommen von der Pal. Behörde
kommt, musste in den letzten
beiden Monaten ohne Gehalt
auskommen. In einer so armen und
unsicheren Wirtschaft ist dies
von enormer Bedeutung. Der
größte Teil der 3,5 Millionen
Palästinenser lebt in akuter
wirtschaftlicher Not, zu der
nun noch das Defizit, das mit
dem Einfrieren der Hilfsgelder
zusammenhängt, dazu kommt. In
den besetzten Gebieten lebt ein
Volk , das keine Möglichkeit
hat, sich selbst zu
unterstützen, da ihm alle
Möglichkeiten verschlossen sind.
Es hat keine Möglichkeit auf den
Arbeitsmarkt Israels zu kommen,
es hat keinen Seehafen, keinen
Flughafen und Mengen von
Absperrungen hindern es, sich zu
bewegen. Es gibt keinen Ausweg.
Die Welt hat entschieden, indirekte
Verantwortung für das zu nehmen,
was geschieht: Statt für ein
Ende der Besatzung zu sorgen,
gewährt sie lieber Hilfsgelder.
Für die Fans der Besatzung in
Israel ist dies eine sehr
günstige und bequeme Lösung;
darum ist es unmöglich zu
verstehen, warum Israel
versuchte, auch dies zu
sabotieren. Warum ist das
Transferieren des Geldes an die
nicht korrupte Hamas nicht
annehmbar – aber das
Transferieren des Geldes an die
korrupte Fatah annehmbar? Die
Annahme, dass wirtschaftlicher
Druck auf die PA zum Fall der
gewählten Regierung führen soll,
war eine verrückte Idee. Ein
Druck dieser Art stärkt nur die
Hamas und die Feindschaft
gegenüber Israel. Es gibt keine
„Hamas-Umgehungs-straße“ . Das
muss Israel anerkennen. Jeder
diplomatische und
wirtschaftliche Fortschritt wird
forthin über das Hauptquartier
der Bewegung gehen, die gewählt
wurde, um zu regieren. Genau wie
der wirtschaftliche Boykott nur
ein paar Wochen gehalten wurde,
wird auch der diplomatische
nicht lange dauern. Schweden hat
bereits zwei Vertreter von Hamas
in seinem Land begrüßt, die
andern europäischen Staaten
werden folgen, die UN werden
sich anschließen und Israels
Zeit wird auch kommen, wenn auch
schrecklich spät – und es wird
die Hamas-Regierung anerkennen.
Deshalb sollte man fragen: Warum
damit warten? Die Lektion aus
dem kurzlebigen
wirtschaftlichen Boykott muss
jetzt gelernt werden. Israel hat
schon den Abu-Mazen-Zug
versäumt. Er ist nun der
palästinensische Shimon Peres:
es ist zwar ganz nett mit ihm zu
plaudern, aber was er sagt, hat
keine Bedeutung mehr.
Doch trotz allem, nachdem Israel ein
halbes Jahr für diplomatische
Verhandlungen bestimmt hat, muss
es nun sofort ein Treffen mit
dem Vorsitzenden der
Palästinensischen Behörde
Mahmoud Abbas ( Abu Mazen)
initiieren, wenn er wirklich
verhandeln will. Statt nach
Washington und Kairo zu reisen,
sollte Ministerpräsident Ehud
Olmert zuerst nach Ramallah
gehen.