Mit Freunden wie diesen
Gideon Levy, 23.3.08
Die enorme Unterstützung
für Israel, die in diesen Tagen gezeigt wird, ist schon fast peinlich. Die
Parade hoher Gäste und der herzliche Empfang, den israelische Staatsmänner
im Ausland erhalten, war so schon länger nicht mehr gesehen worden. Wer ist
nicht alles in letzter Zeit gekommen? Von der deutschen Kanzlerin bis zu den
führenden Spitzenrennern der amerikanischen Präsidentenwahlen. Und der
Generalsekretär der UN ist auf dem Weg. Ein Besuch nach Israel ist für
ausländische Politiker obligatorisch geworden. Wenn man noch nicht hier
gewesen ist, dann ist man nirgendwo.
Die Besucher werden
natürlich zur Yad Vashem- Holocaust-Gedenkstätte mitgenommen, zur Klagemauer
und jetzt auch nach Sderot – die neue nationale Pilgerstätte. Wenige machen
auch einen flüchtigen Besuch in Ramallah; keiner geht in den Gazastreifen.
Und alle haben nur Lob für Israel auf den Lippen. Kein kritisches Wort über
die Besatzung oder über Israels gewalttätige Operationen in den besetzten
Gebieten, über die Belagerung und die Hungersnot – abgesehen von ein paar
Ausnahmen: ein paar vage Bemerkungen über die Notwendigkeit für eine Lösung.
Israel quetscht die informationelle Sderot Zitrone so weit wie möglich aus.
Mit der Mischung von
Sderot und Holocaust, der internationalen Islamophobie und der
Hamasherrschaft im Gazastreifen haut das ganz schön hin. Seit den
Oslo-Abkommen hatte Israel nicht in seiner Außenpolitik nicht soviel Erfolg.
Nach den Erklärungen unserer ausländischen Gäste und unserer Gastgeber im
Ausland wird kein anderer Staat so geliebt wie wir. Ein Staat, der eine
Belagerung verhängt, die hinsichtlich seiner Grausamkeit fast einmalig in
der Welt von heute ist, ein Staat, der eine offizielle Politik des Tötens
praktiziert, wird von der Völkerfamilie umarmt, als ob wir nach den Worten
vieler Staatsmänner , die unsere Schwelle überschreiten, beurteilt werden.
Das ist natürlich
angenehm, diese Welle der Unterstützung zu feiern – aber es ist eine
Illusion. Die öffentliche Meinung in den meisten Ländern, deren Führer all
das Lob auf uns häufen, stimmt nicht in dieses Lob mit ein. Israel bleibt
ein Staat ohne Anerkennung, zuweilen sogar ausgestoßen und verachtet. Die
Welt sieht über das Fernsehen Bilder aus dem Gazastreifen – Sderot sieht im
Vergleich dazu wie ein Urlaubsort aus – und sie zieht ihre eigenen
Schlussfolgerungen. Das natürliche Gefühl für Gerechtigkeit, das
Unterstützung für den Freiheitskampf des unterdrückten Volkes wie das des
tibetanischen diktiert, diktiert auch natürliche Unterstützung für den
palästinensischen Befreiungskampf. Dass der Kampf sich nun auch noch
zwischen dem palästinensischen David und dem israelischen Goliath abspielt,
muss man der Geschichte hinzufügen. Mit Ausnahme der USA ist die Welt
tatsächlich gegen uns – wenn man von den Staatsmännern absieht. Deshalb
müssen wir nicht der Illusion nachgeben. Die augenblickliche Runde
offizieller Unterstützung für uns ist keine wirkliche und ernstgemeinte.
Ebenso wenig ernst
gemeint ist die Idee, dass blinde, bedingungslose Freundschaft, wirkliche
Freundschaft ist. Die Unterstützung für Israel als einem gerechten
Unternehmen, das von den meisten Ländern des Westens ( sogar) noch
ausgebaut wird, bedeutet nicht, dass all seine Kaprizen akzeptiert werden.
Ein wahrer Freund Israels, einer der sich wirklich um sein Schicksal Sorgen
macht, ist nur der Freund, der es wagt, scharfe Kritik an seiner
Besatzungspolitik auszuüben, die das größte Risiko für seine Zukunft
bedeutet – und der praktische Schritte unternimmt, um sie zu beenden. Die
meisten „freundlichen“ Staatsmänner verstehen dies nicht.
Die Haltung der
europäischen Führer ist besonders verblüffend. Wir sprechen hier nicht über
die USA mit seinen jüdischen und christlichen Lobbys, sondern eher über das
selbstherrliche Europa; es hat auch seine Fähigkeit verloren, als ehrlicher
Vermittler zu handeln, der Typ, der seinen Einfluss ausübt, um den Konflikt,
der es auch gefährdet, zu einem Ende zu bringen. Wir brauchen Europa – der
Frieden braucht Europa. Doch das offizielle Europa verschließt seine Augen
und geht automatisch konform mit den USA, unterstützt blind Israel und
boykottiert den Gazastreifen. Angela Merkel, die letzte Woche hier solch
einen königlichen Empfang erhalten hat, sprach keine strittigen Themen in
ihrer Rede in der Knesset an. So ist ihre „historische“ Rede zu einer
nichtssagenden Rede geworden.
Dasselbe Verhalten wurde
auch von ihrem Kollegen in der europäischen Führung, vom französischen
Präsidenten Nicolas Sarkozy, während des Besuches von Präsident Shimon
Peres in seinem Land zur Schau gestellt. Die israelischen Flaggen wehten
entlang der Champs-Elysees und der israelische Stand, von dem auf der
Pariser Buchmesse so viel die Rede war, konnte die Tatsache nicht verbergen,
dass viele französische Bürger mit der Besatzung nicht einverstanden sind.
Indem man über die Belagerung des Gazastreifens und die dort verhängte
Hungersnot nicht spricht und auch nicht über das Töten von Hunderten
seiner Bewohner, kommen Europas verantwortlich Regierenden ihren
politischen Verpflichtungen nicht nach. Diejenigen, die glauben, dass nur
eine ehrliche internationale Intervention der Besatzung ein Ende bringen
kann, sind verzweifelt und enttäuscht. Ja, Europa, genau jener Kontinent,
der zu recht wegen des Holocaust Schuldgefühle hat, sollte einen anderen
Weg finden, um Israel zu Hilfe zu kommen. Versüßte Besuche und liebliche
Reden drücken eher eine tiefe Verachtung gegenüber Israel und gegenüber der
europäischen Meinung aus.
Diese blinde
Freundschaft macht es Israel möglich, das zu tun, was es will. Die Zeiten
sind vorbei, in denen jeder Wohnwagen, der in den besetzten Gebieten
aufgestellt und jede gezielte Tötung aus Furcht vor internationaler Kritik
sorgfältig beobachtet wird. Diese Zeiten sind vorbei. Israel hat eine
Carte blanche fürs Töten, Zerstören und Siedeln. Die USA haben vor
langem die Rolle des ehrlichen Maklers aufgegeben und Europa folgt nun in
seinen Fußstapfen . Das ist deprimierend. Mit solchen Freunden braucht
Israel fast keine Feinde.
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