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Ein Bündnis der Tyrannen
(Bullies)
Gideon Levy, Haaretz, 28.Mai 2006
Wurde der
Ministerpräsident bei seiner Rede auf dem Kapitol-Hügel 38 mal – wie es
Maariv und Haaretz berichteten – oder 41 mal durch Applaus unterbrochen, wie
es Yedioth Ahronoth schrieb? War es die Rede seines Lebens oder seine
„Siegesetappe“? Das spielt keine Rolle. Diejenigen, die die Flut der
Lobeshymnen lasen, die von einem einstimmigen Chor in der israelischen
Presse über Ehud Olmert gehäuft wurden, mögen denken, dass dies ein
historischer Besuch war, der einen bedeutenden Fortschritt beim Erlangen
des Friedens im Nahen Osten bringen wird.
Aber davon kann gar
keine Rede sein.
In Washington gab es ein
Treffen der Führer beider Länder, die „allgemeine Prinzipien und Werte“ mit
einander austauschten, wie der Ministerpräsident in seiner Rede ganz richtig
sagte. Die USA und Israel sind heute die verhasstesten Länder der Welt.
Beide sind verantwortlich für brutale Besatzungen und das Blutvergießen an
Unschuldigen; beide kämpfen gegen Terrorismus, ohne Rücksicht auf dessen
Gründe und wahren Ursachen; beide gefährden den Weltfrieden und ihre
Führer verbreiten Slogans über den Frieden – doch dies sind nur Worthülsen;
beide umgeben sich mit Mauern. Der einzige Unterschied zwischen den beiden
ist, dass es in den USA Anzeichen des Aufwachens über die Täuschung eines
kriminellen Krieges im Irak gibt – drei Jahre nach seinem Beginn. In Israel
dagegen halten die Leute an all den Lügen der Vergangenheit fest, wenn es um
die Verbindung zwischen der Besatzung der Gebiete und der Sicherheit geht –
nach 39 Jahren Besatzung.
Das erneuerte Bündnis,
das zwischen dem israelischen Ministerpräsidenten und dem amerikanischen
Präsidenten geschmiedet wurde, ist ein Bündnis der Tyrannen, von zwei
Tyrannen, die glauben, ihnen sei alles erlaubt, was sonst in der Welt
verboten ist. Amerika und Israel können nach Herzenslust alle möglichen
Waffen benützen und gleichzeitig jeden bedrohen, der dasselbe versucht.
Warum? Weil sie stark sind. Das sind die wirklichen Werte, für die Olmert 38
oder 41 mal unterbrochen wurde; Olmert „streckte Mahmoud Abbas die Hand zum
Frieden aus“ - von Washington aus. Doch selbst Israels langer Arm bringt
keine so weite Atlantiküberquerung fertig, vom Kapitol bis zu den Ruinen der
Mukata in Ramallah. Wenn Olmert es wirklich meinen würde, dann hätte er dies
leicht in einer Viertelstundenfahrt von seinem Büro aus schaffen können.
„Präsident“ Abbas, wie
Olmert ihn hier das erste Mal mit einer nichtssagenden Geste nannte, hat
als der moderateste Führer, den die Palästinenser je hatten, seit langem zu
verhandeln versucht. Aber Olmert und vor ihm Sharon haben Abbas’ zum
Frieden ausgestreckte Hand immer nur zurückgewiesen.
Olmert hat keine ernste
Absicht, mit Abbas Verhandlungen zu führen. Er weiß, Abbas ist ein schwacher
Führer. Er wird ihn treffen und dann erklären, er tue nicht genug gegen den
Terror, und so wird es zu keinen Verhandlungen kommen. Andrerseits hat der
Ministerpräsident nicht die Absicht, wirklich mutige Schritte zu tun, die
von ihm gefordert werden: nicht nur zu dem nahen und verhältnismäßig
angenehmen Ramallah zu gehen, wo der vorherige Führer Palästinas sitzt,
sondern auch zu dem hungrigen und abgewürgten Gaza, um dort den neuen
Führer der Palästinenser, Ismail Haniyeh, zu treffen. Es ist nicht schön in
Gaza. Es ist übervölkert und bedrohlich, ja sogar gefährlich – Olmert würde
dort keinen Applaus bekommen wie auf dem Kapitol-Hügel – aber dort – in Gaza
- und nur dort ist es möglich, mit dem Versuch zu beginnen, Frieden zu
machen.
Dafür ist wirklich eine
andere Art von Mut nötig, nicht der, dem die Amerikaner applaudieren. Und
Olmert hat diese Art von Mut nicht. Aus Gaza hört man nun auch neue Stimmen.
Haniyes Interview mit Danny Rubinstein in Haaretz, in dem er von Frieden in
den Grenzen von 1967 spricht, hätte eine Welle positiver Reaktionen aus
Jerusalem auslösen sollen, genau wie das „Dokument der Gefangenen“, das im
Haradim-Gefängnis unterzeichnet wurde. Aber Jerusalems Ohren sind, wie
üblich, gegenüber einem solchen Ton, der den Friedensprozess voranbringen
könnte, taub.
Olmert verkaufte den
Amerikanern Sprüche aus der Vergangenheit: Über Hamas sagte er: „Es ist
eine Organisation, die ekelhaft antisemitisch ist und die sich der
Zerstörung Israels verpflichtet hat..“ Hamas aber spricht jetzt
ausdrücklich von einem Kompromiss mit Israel. Olmerts Hand war nur den
Amerikanern und den Israelis gegenüber ausgestreckt. Nur dort und hier
kaufen ihm die Leute noch die Legende ab, dass Israel Frieden und nicht an
den besetzten Gebieten festhalten wolle. Nur in Israel und Amerika glauben
die Leute noch denen, die die Welt auffordern, das palästinensische Volk zu
belagern und auszuhungern, zu ermorden, zu bombardieren, zu verhaften und zu
zerstören.
Olmert versprach, mit
dem „Konvergenz-Plan in zwei Jahren zu beginnen. Jetzt spricht er davon,
nicht mehr als 40 000 Siedler zu evakuieren und sie in den
„Siedlungsblöcken“ anzusiedeln. Das ist offensichtlich kein Friedensplan,
das ist ein Plan, um die Besetzung zu verewigen – nur unter für Israel
passenderen Bedingungen. Außerdem werden nach der Ausführung des
Konvergenz-Planes – falls er überhaupt durchgeführt wird - sogar noch mehr
Siedler in den besetzten Gebieten leben als jetzt in den Siedlungsblöcken,
die nicht weniger gefährlich sind als die handvoll Siedlungen, die evakuiert
werden sollen. Dass Amerika über Olmerts Plan nicht begeistert ist, stört
niemanden. Am Ende wird es diesen unterstützen.
Die beiden Länder haben
schließlich so viele „gemeinsame Werte und Prinzipien“.
(dt. Ellen Rohlfs) |