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Wie ein
Bandenkrieg
Gideon Levy, 21.4.08
Auf beiden
Seiten des Zaunes, der den Gazastreifen einschließt, ist ein Krieg der
Verzweiflung im Gange. Hamas kämpft gegen die unerträgliche Belagerung,
unter der der Gazastreifen nun seit vielen Monaten leidet – und das
israelische Militär (IDF) ist meistens damit beschäftigt, Hamasaktionen zu
rächen. Beide Seiten sind damit beschäftigt, Macht und Rache zur Schau zu
stellen. Es genügte, letzte Woche den Kommandeur einer IDF-Kompanie zu
hören, der drei seiner Leute verloren hatte, wie er seine Soldaten dazu
aufrief, so viele Terroristen wie möglich zu töten und die Gegend zu
zerstören, aus der der Angriff kam. Dann versteht man, dass die Unterschiede
zwischen den Gegnern sich zunehmend verwischen.
Die
ethischen Unterschiede verwischen sich auch. Wenn z.B. der B’tselem-Bericht
korrekt ist, und die IDF die Panzergranaten mit den Flechettes ( kleine
Metallpfeile) wieder abgeschossen hat und so ohne Unterschiede tötet, dann
macht sie genau das, was die Hamas macht. Beide Seiten vermeiden jedweden
Dialog mit einander. Israel führt einen skandalösen internationalen Boykott
gegen die Hamas, und jeder, der diese unerträgliche Gewaltspirale zu
durchbrechen versucht, wie US-Präsident Jimmy Carter, wird sofort und
schändlich von Israel verurteilt.
Von
Ausgewogenheit kann keinesfalls die Rede sein. All die hysterischen Taktiken
des israelischen Verteidigungsestablishments – die Behauptungen, dass die
Hamas stärker wird, Waffen und Ausrüstungen bekommt und die (übertriebenen)
Beschreibungen, dass es sich entsprechend der Hisbollah organisiert – ändert
nichts an der Tatsache, dass im Süden ein Abnützungskrieg stattfindet
zwischen einer regulären Armee mit fast jeder nur möglichen Waffe in ihrem
Arsenal und einer primitiven Organisation mit ein paar Waffen und einer
lächerlichen Schlachtenordnung. Das sollte man nicht vergessen. Der
gemeinsame Angriff am Samstag bei Kerem Shalom, der raffiniert und gewagt
war, ändert die Tatsache nicht, dass es kein Gleichgewicht der Mächte gibt.
Das drückt sich teilweise in der Zahl der Toten aus: Den Palästinensern
gelang es, bei einem Überfall nah der Grenze drei Soldaten zu töten. Die
Antwort: Israel tötete 20 Palästinenser kurz danach einschließlich einem
Reporter und mehreren Jugendlichen. So wird ein Bandenkrieg ausgefochten.
Der
Kreislauf der Verzweiflung kann nie mit Gewalt durchbrochen werden. Wir
werden töten und werden getötet werden, und unsere Sicherheit wird darunter
leiden, und die Chancen, ein Abkommen zu erreichen, rücken immer ferner. Der
Glaube, dass die Belagerung des Gazastreifens dafür sorgen wird, dass die
Unterstützung für die Hamas weniger werden wird, ist dumm. Unsere Erfahrung
zeigt, dass genau das Gegenteil der Fall ist.. Wann immer die Bedrohung von
Terrorakten wuchs, bewegte sich die öffentliche Meinung nach rechts. Jeder
Angriff ließ unsern Nationalismus und unsern Hass gegen die Palästinenser
stärker werden – warum sollten wir dann glauben, dass die Belagerung und das
Töten auf der andern Seite eine andere Wirkung zeigt? Der Gedanke, wenn wir
1,5 Millionen Zivilisten hungern lassen und wir dafür sorgen, dass sie nicht
genügend Wasser, Medikamente und Lebensunterhalt haben, sollte ihre
Ansichten zu unsern Gunsten beeinflussen, hat sich als töricht erwiesen.
Seitdem der Gazastreifen belagert wurde, gibt es kein Anzeichen dafür, dass
die Hamas geschwächt wurde.
Doch die
Weltgeschichte ist voller Beispiele dafür, dass Mäßigung und Kompromisse
allein die Ergebnisse von Verhandlungen sind. Wenn die gegnerischen Seiten
mit einander reden und sich von all den Slogans der Vergangenheit befreien
und den tiefsitzenden Hass und den Extremismus aufgeben taucht an ihrer
Stelle die Bereitschaft zum Kompromiss auf – selbst unter den extremsten und
gewalttätigsten Freiheitskämpfern oder Terroristen. In Irland und Südafrika
verwandelten sich die extremsten nationalistischen Terroristen, wenn sie am
Verhandlungstisch saßen. Menachim Begin, Yasser Arafat, Nelson Mandela oder
die IRA-Führung. Sie hatten keine Ähnlichkeit mehr mit ihrer Vergangenheit,
als sie sich hinsetzten, um mit einander zu reden . Die Terroristen von
gestern wurden alle Staatsmänner von morgen, wenn sie erst einmal zur
Macht kommen und Verhandlungspartner werden.
Es ist
leicht zu erraten, dass die meisten von uns wissen, dass dies auch hier der
Fall sein wird. Die Frage ist nur wann? Oder mit andern Worten: Wie viele
Gewaltspiralen mit Blutvergießen müssen wir denn noch erleben? Die Hamas
wird nicht aufhören, die Palästinenser werden nicht verschwinden, sie werden
nur noch extremistischer, wenn wir mit ihnen nur in der Sprache der Gewalt
reden , wie es bei Bandenkriegen der Fall ist.
Wenn der
Ministerpräsident wirklich für die Bewohner im Negev sichere Ruhe wünschen
würde; wenn er wirklich einen bedeutenden Durchbruch zu erreichen wünscht,
dann würde Ehud Olmert an diesem Morgen Carter anrufen und ihn fragen, was
Khaled Meshal zu ihm gesagt hat. Er würde Carter sagen, er sei bereit,
Meshal zu jeder Zeit bedingungslos zu treffen
und in der
Zwischenzeit würde er eine gegenseitige Waffenpause in der Westbank und im
Gazastreifen vorbereiten. Israel hat nichts zu fürchten außer dem Wunsch von
Bandenmitgliedern, die den Verlust, ihre Kameraden, rächen wollen. Eines
Tages wird es geschehen , so wie es auch mit der PLO geschah – doch auf
jeden Fall wird es viel zu spät sein.
(dt. Ellen
Rohlfs)
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