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Texte von Gideon Levy


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Administrative Waisen
von Gideon Levy, Miki Kratzman, Haaretz 11.10.07 

 

Die sechs Kinder der Familie Hashlamoun. "Sie machen mich wahnsinnig", sagt die Großmutter.

Foto: Miki Kratzmann

Auch dies ist ein Weg, die Familie zusammen zu halten: Einmal im Monat fahren die Kinder der Familie Hashlamoun zu Besuch bei den Eltern im Gefängnis. Drei Kinder fahren, die Mutter im "Hasharon"-Gefängnis zu besuchen, die anderen drei fahren zum Vater ins Gefängnis "Ketsiot". Manchmal klappt es auch nicht. Den Vater hat ein Teil der Kinder schon drei Monate nicht gesehen, ein Teil hat die Mutter seit anderthalb Monaten nicht gesehen.

 

Wenn der Besuch irgendwie gelingt, stehen sie im Besucherraum vor der Glaswand und sprechen eine halbe Stunde mit der Mutter, oder mit dem Vater. Eine halbe Stunde Besuchszeit. Sie sprechen mit Hilfe eines Telefonhörers, der die beiden Seiten verbindet, die durch die schalldichte Glaswand getrennt sind. Sprechen? Hauptsächlich wird bitter geweint. Die Kinder weinen auf der einen, Vater oder Mutter weinen auf der anderen Seite des Fensters. Dann fahren sie wieder nach Hause, zur Großmutter, die mit den ihr verbleibenden Kräften versucht, die Kinder zu versorgen, in der verwahrlosten Wohnung am Rande von Hebron.

 

Sami Hashlamoun wurde vor 16 Monaten festgenommen, seine Frau Nora vor etwa einem Jahr. Beide werden ohne Gerichtsverhandlung festgehalten, ohne Anklageschrift, ohne Möglichleit der Verteidigung. Administrative Häftlinge, von

denen niemand weiß, warum sie mitten in der Nacht von ihren Kindern gerissen wurden, und wann sie wieder frei kommen. Israel hält im Moment etwa 850 administrative Häftlinge fest.

 

Ein Teil der Kinder geht nicht mehr in die Schule. Die kleine Sariya ist drei Jahre alt; als die Mutter festgenommen wurde, war sie zwei Jahre alt. Nachts schlägt sie den Kopf auf den Fußboden und reißt sich die Haare aus. Auch untereinander kommt es bei den Kindern zu Anzeichen von Gewalt. Sie leben in einer Verlassenheit, die man sich nur schwer vorstellen kann. Diese Woche bekamen sie Besuch von einer Psychologin von "Ärzte ohne Grenzen", die versuchte, ihre seelische Situation einzuschätzen. Von jezt an wird sie einmal die Woche kommen, um ihnen zu helfen.

 

Man muss kein Psychologe sein, um zu merken, dass die zum Teil sehr kleinen Kinder der Familie Hashlamoun unter unmenschlichen Bedingungen leben. Ohne Mutter, ohne Vater, ohne Einkommen, in erschreckender materieller und seelsicher Not.  Ob jemand vom Shabak1 oder von der Armee auch damit rechnet, wenn die Administrative Haft der Eltern wieder und wieder verlängert wird, die dann sechs Kinder allein zurück lassen?

 

Wir gehen an grau verputzen Wänden vorbei, nicht ein Möbelstück steht hier. Die verschachtelten Gänge in der Wohnung der erweiterten Familie führen zur Wohnung der Großmutter Raissa Hashlamoun, 59 Jahre alt. Sie ist am Ende ihrer Kräfte. Über ein Jahr ersetzt sie ihren stürmischen Enkelkindern jetzt Vater und Mutter, es fehlt ihr jede Elterliche Autorität. Ihre Wohnung ist eine der armseligsten, die wir gesehen haben: Brökelnde fleckige Wände, eine alte Wolldecke als Teppich, auf dem Boden liegen Matratzen zum Schlafen, die Küche ist ärmlich und verdreckt, Spinnweben hängen in den Ecken.

 

Es gibt im Haus fast nichts Essbares. Auf dem Boden des Balkons liegt ein Tablett mit Tomatensoße und wartet auf das Fastenbrechen am Abend, es ist Ramadan.

Einstweilen machen sich die Fliegen drüber her. Der Hof ist mit Müll und zerbrochenen Gegenständen bedeckt. Aus der Toilette stinkt es. Ein Kochgasballon steht im Flur. Hier schläft ein Teil der Kinder; die anderen schlafen bei der Großmutter im Zimmer. Die Wohnung der Kinder und der Eltern befindet sich unten im Haus, dort sieht es etwas freundlicher aus, aber seit die Eltern fort genommen wurden, drängen sich die Kinder bei der Großmutter zusammen.

 

Zuerst wurde Sami, heute 35 Jahre alt, verhaftet. Anscheinend wurde er der Mitgliedschaft im "Islamischen Jihad" verdächtigt. Es geschah am 29.Juni 2006 um zwei Uhr nachts: Heftiges Klopfen an der Tür, zersplitternde Fenster, sein Name wurde über Lautsprecher ausgerufen, dann wurden alle Hausbewohner aufgefordert, das Haus zu verlassen, Sami wurde vor den Augen seiner Kinder geschlagen, so berichten sie, dann gefesselt und festgenommen. Seitdem ist seine administrative Haft schon drei Mal verlängert worden. Ohne Gerichtsverhandlung, wohlgemerkt. Seine Mutter Raisa, die Großmutter, hat ihn vor sechs Wochen im Gefängnis gesehen. Sie sagt, er sähe schlecht aus, wäre sehr mager. "Als ich ihn gesehen habe, bin ich krank geworden", erzählt sie und weint leise vor sich hin.

 

Drei Monate später, am 16.September, die Fensterscheiben waren schon repariert, kamen die Soldaten und die Shabak-Leute wieder. Diesmal, um Nora festzunehmen, die in einer islamischen Wohltätigkeitsorganisation arbeitete. Das laute Gechrei fing um halb zwei Uhr nachts an, der Rest wurde wie gewöhnlich abgewickelt: Fenster zerbrachen, die bis heute nicht repariert wurden, der Ruf aus dem Lautsprecher, der alle Hausbewohner auffordert, nach draußen zu kommen. Als Großmutter Raisa hinaus ging, sah sie ihre Schwiegertochter Nora schon draußen stehen, die kleine Sariya im Arm. Die Soldaten forderten Nora auf, ihr Haar zu spülen, das sie mit Henna eingerieben hatte, sich anzuziehen, sich von Sariya zu trennen und mit ihnen zu kommen.

Sariya kam in die Arme der Großmutter, seitdem hat sie sich nicht mehr erholt. Nora war noch nie verhaftet worden. Sami hatte schon zweimal Haft hinter sich. Bei Nora wird die administrative Haft alle drei Monate verlängert, nicht wie bei ihrem Mann, jedes halbe Jahr. Eine Art menschliches Entgegenkommen.

 

"Die Kinder machen mich wahnsinnig", seufzt die Großmutter, eine zierliche Frau im weißen Kopftuch. "Halten Sie das für möglich? Schon drei Mal habe ich ihnen heute die Kleider gewechselt." Drei von ihnen weigern sich, in die Schule zu gehen. "Ich habe sie angebrüllt, aber es hilft nicht", sagt sie. Der zehnjährige Mohammed geht schon seit einem Jahr nicht mehr in die Schule. Nach diesem schlechten Vorbild verzichtet auch der sechsjährige Jihad auf "Guten Morgen, erste Klasse". Mohammed erzählt, er möge den Lehrer nicht leiden.

 

Auch die vierzehnjährige Tahrir geht nicht mehr zur Schule. Letztes Jahr war sie in ein Internat für Waisen geschickt worden, dieses Jahr hat sie sich geweigert dorthin oder in eine reguläre Schule zurückzukehren. Mohammed kann ein bisschen lesen, Jihad droht, Analphabet zu bleiben. Auch Tahrir tut sich mit dem Lesen schwer. Die zwölfjährige Hanin war eine ausgezeichnete Schülerin, aber seit der Verhaftung ihrer Eltern sind ihre Schulleistungen schlechter geworden. Im letzten Zeugnis hatte sie einen Durchschnitt von 50 [von hundert].

 

Jihad betritt den Raum. Mit leiser Stimme sagt er, er gehe nicht in die Schule. "Manchmal schon, manchmal nicht. Meistens nicht."  Wo ist der Vater? "Im Gefängnis."  Wo ist die Mutter? "Im Gefängnis." Alle Kinder blicken stumpf, traurig. Sariya hat die ganze Nacht geweint, erzählt die Großmutter. Sie will die Mutter.

 

Zu Anfang des Schuljahres hatte Raisa sich 200 Schekel geliehen, um Kleider und Schulranzen für die Kinder zu kaufen. Geld für eine Mahlzeit für den Feiertag Ende dieser Woche ist nicht geblieben. Sie werden die Tomatensoße vom Balkon essen. Die älteste Schwester, die fünfzehnjährige Fida,

hat die Mutter vor anderthalb Monaten gesehen, den Vater vor drei Monaten.  Hanin hat die Mutter vor anderthalb Monaten gesehen, den Vater "vor langer Zeit".  Nur drei Mal hat Hanin ihre Mutter in dem Jahr im Gefängnis besucht. Beim letzten Besuch haben ihr die Kinder versprochen, zur Schule zu gehen. Versprochen, und nicht gehalten.

 

In Folge eines Berichts des Mitarbeiters von B'Tselem2, Moussa Abu Hashhash, wandte sich vor   einigen Wochen der Informationskoordinator der Organisation Ronen Shim'oni brieflich an den militärischen Oberstaatsanwalt,  Brigadegeneral Avichai Mandelblit: "Die Abwesenheit beider Eltern für so lange Zeit, ohne Gewissheit, wann sie entlassen werden, verursacht nach den Berichten, die 'B'Tselem' erreichten, schwere emotionale Schäden bei den Kindern und stellt eine wirtschaftliche Belastung für die Großmutter dar", schrieb er. "Ich bitte darum, diesen Fall so bald wie möglich zu prüfen, wegen seiner humanitären  Natur und des schweren unverhältnismäßigen Schadens, den die Kinder der Eheleute erleiden."

 

Leutnant Colonel Erez Hasson, Staatsanwalt in Judäa und Samaria, antwortete: " Die Eheleute wurden vor etwa einem Jahr in administrativer Haft inhaftiert. Dies geschah wegen ihrer Mitarbeit bei die Sicherheit gefährdenden Aktivitäten für die Organisation  'Islamischer Jihad', einer Terrororganisation, die bekannt und verantwortlich ist für den Mord an Dutzenden von israelischen Bürgern, darunter auch Kinder.

 

"Ihr Fall wurde mehrmals vor dem Militärgericht verhandelt, sogar eine Berufung wurde dort gehört... Die Behörde der Staatsanwaltschaft steht in Verbindung mit den Anwälten, um zumindest für die Frau eine Alternative zur administrativen Haft zu finden. Zu meinem Bedauern kann ich ohne beigefügte entsprechende Vollmacht... nichts Näheres zu diesen Kontakten ausführen."

Hier deutet der Staatsanwalt Hasson eine Lösung an, die der Shabak und die Armee

vorschlugen: Nora nach Jordanien oder nach Nablus auszuweisen, aus humanitärer Rücksicht.

 

Der Armeesprecher antwortete diese Woche auf unsere Anfrage:  "Die Eheleute Hashlamoun wurden vor etwa einem Jahr in administrativer Haft inhaftiert. Dies geschah wegen ihrer Mitarbeit bei die Sicherheit gefährdenden Aktivitäten für die Organisation  'Islamischer Jihad', die verantwortlich ist für den Mord an vielen Dutzenden israelischer Bürger. Der Fall der Eheleute wurde mehrmals vor dem Militärgericht in Judäa und Samaria verhandelt, sogar eine Berufung wurde dort gehört. Die Gerichte genehmigten die Fortsetzung der Inhaftierung der Eheleute. Die Eheleute wurden durch Anwälte vertreten."

 

Ein Brief der Mutter: Aus einem Umschlag ziehen die Kinder zwei zerknitterte Blätter, dicht beschrieben. Fida fängt an, zu lesen: Nora teilt mit den Kindern ihren Kummer. Wie sie um drei Uhr früh geweckt wird, wie sie in Handschellen dem Gericht vorgeführt wird, zum "Gerichtsverfahren" der Verlängerung der administrativen Haft, bei dem der Inhaftierte bis zum letzten Moment seiner Haft nicht weiß, ob diese verlängert wird, wie vorgeschlagen wurde, sie nach Jordanien auszuweisen, und sie so frei zu lassen. Der Vorschlag macht ihr große Angst. "Kämpft gegen diesen Vorschlag!", beschwört sie ihre hilflosen Kinder. Nora erkundigt sich im Brief auch nach dem Befinden ihrer Schwiegermutter, ihres Mannes und nach dem ihrer sechs Kinder. Fida liest den Brief mit trockener Stimme, schnell und monoton, als hätte sie ihn schon zig mal gelesen.

 

1 Shabak: Sherut Bitahon Klali, Allgemeiner Sicherheitsdienst (isr.Inlandsgeheimdienst);

2 B'Tselem: Menschenrechtsorganisation, www.btselem.org

                                                                                                                      (dt.Weichehan-Mer)

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