„Ich bedaure,
dass Ihr zu Mördern wurdet“
von Gideon Levy
Ha'aretz
Vor zwei Monaten, am 15.Mai, dem dritten Jahrestages seines
„Unfalls“, entschied sich Issa Suf, ein palästinensischer
Friedensaktivist, einen offenen Brief an die zwei anonymen
Soldaten zu schreiben, die ihn damals angeschossen haben und
deretwegen er nun lebenslang im Rollstuhl sitzen muss.
Suf ist als Friedensaktivist in israelischen linken Kreisen
gut bekannt. Wared, sein drei ein halbjähriger Sohn, umarmt
ihn. Der Junge wurde kurz vor dem Unfall geboren. Er hat nie
seinen Vater auf seinen Beinen stehen gesehen. Er lebt mit
seiner Frau in Haris, einem Dorf in der Nähe der jüdischen
Siedlung Ariel. Das meiste Land des Dorfes wurde für die
Siedlung Revava, die Industriezonen von Barkan und
Ariel-West enteignet. Und nun der Zaun – wenn er hier gebaut
wird, ist auch das restliche Land in Gefahr.
Haris ist besonders auch dafür bekannt, dass es von Siedlern
belästigt wurde. Seit Sharon zur Macht kam, sagt Suf,
verlassen sich die Siedler auf das israelische Militär, das
die Bevölkerung schikaniert.... Das Dorf mit 3000
Einwohnern, seinen vielen Olivenbäumen und seinen
verhältnismäßig gut aussehenden Häusern hat schon vier
seiner Bewohner während der jetzigen Intifada verloren; zwei
von ihnen waren Kinder. Siedler und Soldaten haben etwa 2000
Olivenbäume des Dorfes zerstört; der jüngste Baum war 50
Jahre alt. „Für die Älteren sind die Bäume wie Kinder. Als
die Intifada anfing, brannte unser Dorf. Rund herum sind
Siedlungen und unser Dorf liegt an einer der Hauptstraßen –
vielleicht hatten sie deswegen etwas mit unserm Dorf vor.“
Suf hatte Journalismus in Nablus studiert und eine
Turnlehrerprüfung in Amman gemacht. Er war dann Turnlehrer
in Jericho. Er unterrichtete seine Schüler auch in
Gewaltlosigkeit. Ihm geht die (Koran)Geschichte mit Ali
nicht aus dem Kopf: Ali wurde von einem Juden angespuckt. Er
zog deshalb sein Schwert aus der Scheide, entschied sich
dann aber, den Juden am Leben zu lassen. „Im ersten Jahr
suchten wir nach einer Methode oder einem Weg, um ohne
Gewalt Widerstand zu leisten. Wir versuchten, die vermehrten
Angriffe auf Leute und Eigentum zu stoppen. Wir glauben
nicht an einen bewaffneten Kampf. Das menschliche Leben ist
heilig, also alle menschlichen Wesen – Gott gab das Leben –
und nur Gott kann es nehmen. Wir, mein älterer Bruder Natav
und ich, begannen unsere Verbindungen zu den Israelis zu
intensivieren, die an Frieden glauben und auch an unsere
Rechte auf unser Land. Wir hatten gute Verbindungen zu Neta
Golan, mit Ta’ayush, zu den Ärzten für Menschenrechte (PHR)
und mit der Gruppe: „Schluss mit der Besatzung“. Wir hatten
auch Kontakt zu Leuten im Ausland, die sich um Frieden
bemühten.
Einen Monat bevor ich verletzt wurde, hielt ein Jeep an, und
ein Soldat warf eine Gasgranate, die das Haus traf. Unser
Haus war voll mit Kindern und schwangeren Frauen. Zwei Tage
vor meiner Verletzung ging mein Bruder zu einem anderen Jeep
und sagte zu den Soldaten: „ Wir haben Frauen und Kinder im
Haus – warum werft ihr Tränengas? Wir werfen keine Steine,
wir haben keine Waffen, wir sind keine Gefahr für euch?“
Am Morgen des Unfalls rief mich ein Freund aus einer
Schreinerei weiter unten an der Straße an, dass Militär sich
nähere und dass wir die Kinder und die Frauen ins Haus
schicken sollen. Ich rief jedem zu, ins Haus zu gehen. Ich
schloss die Türe hinter mir und ging noch hinüber zum Haus
meines Vaters. Plötzlich hörte ich tak-tak aus einer
automatischen Waffe. Ich fiel zu Boden. Warum? Woher? Wie?
In dem Augenblick wusste ich nichts mehr. Ein paar Minuten
vergingen. Dann sah ich, wie über mir zwei Soldaten stehen.
„Steh auf! Steh auf!“ Ich versuchte, aber ich konnte nicht.
„Ich sagte zu den Soldaten: Ihr habt auf mich geschossen und
nun sagt ihr mir, ich solle aufstehen?“ Meine Stimme wurde
schwächer. Die Soldaten standen etwa 20 Minuten neben meinem
Kopf. Sie ließen niemanden zu mir. Sie warfen Lärm-Granaten
auf sie und schossen in die Luft. Ich hatte das Gefühl, dass
ich sterben würde. Ich sagte zu dem Soldaten: „Seid
menschlich, lasst die Leute kommen, dass sie mir helfen, ich
sterbe sonst.“
Als er im Krankenhaus aufwachte, hörte er den Arzt sagen, er
werde für sein Leben lang gelähmt sein. „Das waren die
ersten Worte, die ich hörte. Nach dem Röntgen sagte man mir,
dass ein Dum-dum-Geschoss meine Wirbelsäule verletzt habe.
...“ ....Drei Monate lag er in einem Krankenhaus in
Jordanien, wo ihm zwei Splitter entfernt wurden, doch zehn
blieben im Körper ...“Ich erzähle das sehr schnell, doch
damit zu leben ist etwas anderes, besonders auch für meine
Familie ....“ Als er nach Hause kam, hatte man alles
verändert: die Türen, die Toiletten, die Küche. ... „Ich
fragte nicht, warum mir das geschehen musste ... Ich begann
ein neues Leben – ohne Zorn. Meine Brüder halfen mir sehr.“
Mit Hilfe eines englischen Freundes und den Ärzten für
Menschenrechten konnte er in England sich einer
kostspieligen Rehabilitation unterziehen. „Nun bin ich
unabhängiger und kann mir selber besser helfen.“
Seine Verbindungen zu den Israelis wurden weiter, ja
intensiver gepflegt. „Meine Gefühle änderten sich nicht. Ich
hasste niemanden. Nur die Politiker, die uns normale Leute
auf beiden Seiten dahin bringen, Opfer ihrer Machtkämpfe und
Interessen zu werden. Israelis besuchten mich immer wieder.
Wir haben viele israelische Freunde. Manchmal schlafen sie
auch hier. Wir hassen die Juden und Israelis nicht“. Wut hat
er nur gegen die Art der Regierung, die all das Leiden
verursacht. „ Ich denke sehr viel an den Soldaten. Nicht aus
Rache. Ich denke, er ist unglücklich. Er ist wie ich ein
Opfer – nicht mehr. Ich schrieb ihm, weil ich hoffe, dass es
eines Tages möglich sei, dass wir uns treffen können, und
ich in der Lage bin, etwas für ihn zu ändern. Ich möchte ihm
das aus dem Kopf und Herz nehmen, das ihn bedrückt. Ich
möchte alle Soldaten, die Palästinenser töteten, auf unsere
Seite bringen. Ich möchte sie von der Seite voller
Verbrechen und Hass auf die Seite von Schönheit und Frieden
ziehen.
Da gibt es 3000 getötete Palästinenser – und auf der
israelischen Seite gibt es 3000 Soldaten, die töteten . Die
Armee wurde zu einer Armee von Mördern und Kriminellen. In
einigen Jahren wird die israelische Gesellschaft in etwas
verwandelt, das nicht gut ist. Und hier sehen wir die
Besatzung – sie ist schrecklich. Für uns bedeutet sie Tod.
Wirklich Tod. Sie nimmt unser Land, unsere Rechte, unsere
Menschlichkeit ...sie will uns auslöschen. ...Ich kann nicht
auf den Straßen fahren, nicht in die Städte, und wenn ich
ins Krankenhaus ohne Genehmigung fahren will ....Einmal ließ
mich ein Soldat am Checkpoint fünf Stunden im Rollstuhl in
der Sonne stehen. Ich sagte ihm: der Rollstuhl ist meine
Genehmigung – ich bin gelähmt. ...“
Am Nakbatag dieses Jahres, dem nationalen und dem
persönlichen Gedenktag, schrieb Issa Suf einen Brief an den
Soldaten, der auf ihn geschossen hat ( der Brief ist im
Original auf arabisch):
„Ich erinnere mich an dich. Ich erinnere mich an dein
bestürztes Gesicht, als du über meinem Kopf standest und
verhindert hast, dass man mir hilft. Ich erinnere mich
daran, wie meine Stimme schwächer wurde, als ich zu dir
sagte: Sei menschlich und lass meine Eltern mir helfen. Ich
habe all diese Bilder noch immer in meinem Kopf. Ich lag am
Boden, versuchte aufzustehen, konnte aber nicht. Ich kämpfte
gegen meine Atemnot; denn das Blut sammelte sich in meiner
Lunge. Meine Stimme wurde schwächer, weil mein Zwerchfell
verletzt war. Trotz all dem will ich dir nicht verbergen,
dass ich Mitleid mit dir habe. Ich fühlte, dass ich stark
war, weil ich Kräfte hatte, von denen ich vorher nichts
wusste.
Das war genau vor drei Jahren. Ich eilte aus dem Haus, damit
die Kinder des Dorfes vor der Gefahr des Tränengases
geschützt werden. Sie waren gewohnt auf der staubigen
Dorfstraße ihre einfachen Spiele zu spielen, während die
schwangeren Frauen sie beobachteten und mit einander
plauderten. Ich glaubte nicht, dass eure Waffen mit scharfen
Kugeln oder Dum-dum-Geschossen bestückt sind, die nach
internationalem Recht verboten sind. Es war mir noch
möglich, die Kinder vor euren Geschossen zu schützen ... Es
tut mit leid, dass ihr zu Mördern geworden seid. Schon in
meiner Kindheit hasste ich das Töten, hasste Waffen und
hasste die Farbe rot, genau so wie ich Ungerechtigkeit hasse
und gegen sie kämpfe. So habe ich schon als junger Mensch
das Leben verstanden, und so habe ich es andere gelehrt. Ich
gab all meine Kraft um des Friedens und der Gerechtigkeit
willen, damit das Leiden verringert wird, das durch egal
welche Ungerechtigkeit verursacht wird. Ja, ihr tut mir
leid, weil ihr krank seid. Krank von Hass und Abscheu,
krank, um Ungerechtigkeit zu verursachen, krank vor
Egoismus, krank wegen fehlendem Gewissen und mit
Machtallüren. Von diesen Krankheiten sich zu erholen, dauert
lange Zeit ... ist aber möglich. Ihr tut mir leid, eure
Kinder tun mir leid und eure Frauen - und ich frage mich,
wie können sie mit euch leben, da ihr Mörder seid. Ihr tut
mir leid, weil ihr eure Menschlichkeit abgelegt habt und
eure Werte und die Gebote eurer Religion, ja sogar eure
militärischen Gesetze, die verbieten, in die Wohnungen
einzubrechen und Zivilisten zu schlagen, weil dies die Moral
der Soldaten untergräbt ...
Ihr tut mir leid, weil ihr die Opfer der Nazis von gestern
geworden seid – und ich verstehe nicht, wie die Opfer von
gestern die Kriminellen von heute werden können. Das
beunruhigt mich im Zusammenhang mit den Opfern von heute –
mein Volk gehört zu diesen Opfern – und ich fürchte, dass
sie die Kriminellen von morgen werden. Ihr tut mir leid,
weil ihr Opfer einer Kultur wurdet, für die das Leben zur
Basis des Tötens, der Zerstörung, des Verbreitens von Angst
und Schrecken und des Herrschens über andere wurde .
Trotz all dem glaube ich, dass es eine Chance für Versöhnung
und Vergeben gibt und eine Möglichkeit, dass ihr etwas von
eurer verlorenen Menschlichkeit und Moral wieder zurück
erhaltet. Ihr könnt euch von der Krankheit von Hass und
Rachsucht erholen. Und sollten wir uns eines Tages begegnen,
sogar in meinem Haus, dann kannst du sicher sein, dass ich
keinen Sprengstoffgürtel bereit halte oder ein Messer in
meiner Tasche oder meinem Rollstuhl verberge. du wirst hier
jemanden vorfinden, der dir helfen will, das wiederzufinden,
was du verloren hast.
Du wirst ein sanftes und empfindliches Kind vorfinden, das
so alt ist wie die Sekunde, in der du den Abzug deiner
Waffen gezogen hast und das nie seinen Vater auf seinen zwei
Füßen stehen sehen wird, das aber voller Stolz und Kraft
ist, auch wenn es den Rollstuhl seines Vaters schieben muss,
da es keine andere Wahl hat. Selbst wenn ich Gründe hätte,
dich zu hassen, so empfinde ich nicht so und bedaure es auch
nicht.
Issa Suf