Wer hat hier das Sagen?
Amira
Haas, 19.1.05
Die Offiziellen des
israelischen Geheimdienstes und diejenigen, die sie in der Presse
zitieren, haben recht, wenn sie behaupten, nicht Abu Mazen und nicht die
Sicherheitsdienste der palästinensischen Behörde haben den Gazastreifen
unter Kontrolle. Die geheimdienstlichen Quellen und diejenigen, die sie
zitieren, sind jedoch irreführend, wenn sie sagen, dass bewaffnete Banden
und die Hamas Gaza beherrschen. Die IDF beherrscht Gaza.
Nicht nur entsprechend
dem internationalen Gesetz, nicht nur im Sinne der Oslo-Abkommen, die die
IDF als oberste Herrschaftsbehörde im ganzen Gazastreifen und der Westbank
weiterhin belässt, vielmehr in einer konkreten, räumlichen und physischen
Art. Sie kontrolliert Gaza durch seine festungsartigen Stellungen, die
dichtbevölkerte Wohngebiete beherrschen; sie kontrolliert Gaza mit ihren
darüber fliegenden Drohnen und deren unaufhörlichem Summen; die Bulldozer,
die während der letzten vier Jahre nicht aufgehört haben, Häuser zu
zerstören, Felder einzuebnen, Bäume zu entwurzeln ; mit Helikoptern, die
gezielt Raketen abwerfen; mit Militärbefehlen, die den Zugang zu
Straßen, Feldern und die halbe Küste für Palästinenser verbieten und wenn
jemand sie trotzdem benützt, endet dies für ihn tödlich; mit Befehlen, die
alle Zufahrten nach Gaza schließen; mit Panzern, die in die Stadtteile der
zivilen Bevölkerung mit Qassams, pardon, mit Panzerraketen und anderen
Arten von Munition in einer Häufigkeit schießen, dass es unmöglich ist,
sie zu zählen – im Gegensatz zu den palästinensischen Qassams, die eine
nach der anderen abgefeuert und auch eine nach der anderen gezählt werden
können.
Eine Mutter und ihr Sohn
wurden am Sonntag in einer routinemäßiger Art getötet, so dass sie in
der israelischen Presse nur eine Zeile erhielten und gleich danach in den
Tiefen des israelischen Desinteresses landeten, wo während der letzten
Jahre im „Krieg für den Frieden der Siedlungen“ diese Information unter
Hunderten anderer Todesfälle palästinensischer von israelischen Soldaten
getöteter Zivilisten begraben wurde.
Am Sonntag ( 16.1.05) um
halb acht berichteten Palästinenser, dass israelische Artillerie von Gush
Katif auf Häuser im Khan Younis-Flüchtlingslager feuerten. Auf dem Dach
der Familie Aram brach daraufhin im dort lagernden Holz Feuer aus – ca
300 m von der israelischen Militärstellung entfernt. Die Feuerwehr wurde
zum Brandherd gerufen. Sie löschte das Feuer. Später gingen die
Hausbewohner aufs Dach, Suleiman Arab, 54, Fada Aram,50, ihr Sohn
Abdullah,30, ihr Neffe Khaled,38, um den Schaden zu prüfen. Und dann
feuerten IDF-Soldaten , wie das Palästinensische Zentrum für
Menschenrechte mitteilte. Zwei Kugeln in den Hals und die Brust von Fada,
die im Krankenhaus starb. Ihr Sohn wurde durch eine Kugel in den Kopf
getötet . Der Vater wurde schwer an seinem Rücken verwundet, und der Neffe
wurde von Splittern im Bein verletzt.
Der IDF-Sprecher nahm gar
keinen Bericht über diesen Vorfall auf – im Gegensatz zu den sehr
schnellen Berichten, die nach einem palästinensischen Beschuss,
veröffentlich werden. Der folgende Bericht aus militärischer Quelle ist
deshalb nur eine Reaktion auf palästinensische Information.
„Eine Nachforschung
ergab, dass keine Panzergranate abgefeuert wurde,“ sagt diese Quelle
„Die einzigen beiden
Fälle von Beschuss, die aus jenen Stunden bekannt sind: 1. Die IDF
eröffnete das Feuer auf verdächtige Personen, die scheinbar eine Mine nahe
dem Zaun der Gush Kativ-Siedlung vorbereiteten. Der andere Fall ein
Schießen auf Gestalten, die Information über die IDF im Khan Yunis-Gebiet
sammelten, in einem Gebiet, das gekennzeichnet ist durch Raketenbeschuss
gegen die Siedlungen von Gush Kativ und gegen die IDF-Außenposten in
diesem Gebiet.
Bewohner von Sderot, die
unter dem Qassam-Beschuss und seinen tödlichen Schlägen leiden, sind die
Opfer einer absichtlichen IDF-Politik der Eskalation, die seit dem 1. Tag
der augenblicklichen Intifada in Kraft ist. Angeregt von den höheren
politischen Rängen befiehlt die Armee den Soldaten, auf Demonstranten und
Steinewerfer scharf zu schießen, in der Annahme, dass eine intensivere
Unterdrückung den zivilen Aufstand in seinem Anfangsstadium zu einem
schnellen Ende bringt.
Doch das Gegenteil
geschah. Beide Seiten gerieten in einen schwindelerregenden bewaffneten
Wettbewerb. Wer wird die andere Seite mehr verletzen, mehr abschrecken,
mehr töten, wessen Rache wird mehr schmerzen. Der Wettbewerb ist zwischen
der israelischen Armee und den bewaffneten palästinensischen
Organisationen und zwischen diesen. Die IDF sind die Sieger. Aber die
Bewohner von Sderot und die umliegenden Kibbuze sind die empfindlichtste
Stelle in der offensiv- defensiven Struktur, die die IDF aufbaute, um den
Gazastreifen zu kontrollieren.
Die Bewohner von Sderot
erleben, besonders in den letzten Tagen, was die Bewohner von Gaza seit
Jahren täglich durchmachen: die Trauerfälle, die Angst, die schlaflosen
Nächte, die Flucht aus den Häusern – und wenn die Palästinenser ihre
Häuser verlassen, nennt die IDF sie „verlassene Häuser“ – und damit wird
ihre Zerstörung gerechtfertigt.
Nun wird Abu Mazen
aufgefordert, die empfindlichste Stelle (Israels) zu schützen, sonst wird
er mit einer massiven militärischen Offensive bestraft. Bewohner von Gaza
berichten von einem gewissen Erfolg gegenüber den israelischen Drohungen:
scheinbar hofft die palästinensische Öffentlichkeit, dass die Hamas und
seine organisierten Nachahmer mit dem Abschießen der Raketen aufhören
werden. Dann kann Abu Mazen gegenüber Hamas Forderungen stellen, ohne
angeklagt zu werden, ein Agent der Besatzungsarmee zu sein. Die Menschen
erwarten allerdings etwas im Austausch: dass jemand ihre verwundbarste
Stelle schützt und das endlose, unberichtete und „unbedeutende“ Töten
ihrer Mütter und Söhne verhindert. Und genau das kann Abu Mazen, der
gewählte palästinensische Präsident seinen Wählern nicht versprechen.
Denn es ist die IDF, die
sie und ihn kontrollieren.
(dt. Ellen Rohlfs)