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Wie die
palästinensische Behörde versagt
Amira Hass
Haaretz, 2.11.05
Eine vor kurzem
durchgeführte Studie platzierte die
palästinensische Behörde (PA) auf einen
fragwürdigen 107. Platz einer Liste von 159
Staaten, die zu den korruptesten gehören.
Die von der NGO Transparency International
(TI), Berlin, durchgeführten Studie
analysierte die Ebene der Korruption nach
dem Ausmaß, wie sehr ein öffentliches Amt
für persönlichen Gewinn ausgenutzt wird. Das
ist tatsächlich ein unerhörtes Versagen der
palästinensischen Behörde, zu der so viel
internationales Geld fließt und der sich so
viele Berater, Instruktoren und Forscher der
Weltbank und des Internationalen
Währungsfond seit ihrer Gründung 1994
widmen.
Aber ein viel
schwerwiegenderes Versagen der
palästinensischen Behörde ist, dass eine so
vernünftige und gut informierte Institution
wie die TI es in Ordnung fand, die PA auf
eine Liste von „Ländern“ zu setzen, die
festgelegte Grenzen haben und deren
Bewohner die Herrschaft über ihr eigenes
Land. Die PA ist im Gegensatz zu Island
oder Bangladesh weder ein Land noch ein
Staat. Sie ist ein bürokratisch-politisches
System mit begrenzter Verwaltungs- und
Regierungsautorität über eine Bevölkerung
von etwa 3,5 Millionen Menschen. Sie hat
keine Autorität oder Kontrolle über zentrale
Elemente, die die Herrschaft eines Volkes
definieren: Land, Wasser, Bodenschätze,
Grenzen, Bewegungsfreiheit,
Entscheidungsfreiheit über Adressenänderung
und das Wohnrecht von Nicht-Bürgern,
Anerkennung der Staatsbürgerschaft und die
Einreise von Touristen. Ein israelischer
Soldat der IDF an einem unbedeutenden
Kontrollpunkt hat in diesen Dingen mehr zu
sagen als die PA.
Ein Beispiel:
am letzten Sonntag verweigerte ein Soldat am
Kontrollpunkt von Beit Furik östlich von
Nablus Palästinensern zwischen 16 und 30
bis auf weiteres die Durchfahrt, den
Durchgang. Das sei ein Befehl, gab der
Soldat zu verstehen. Unter denen, denen die
Durchfahrt verboten war, waren Schulkinder,
Studenten und Leute auf ihrem Weg zur Arbeit
in Nablus – für die IDF sind Arbeit und
Studien keine „humanitäre Notwendigkeit“,
die den Soldaten einige Flexibilität beim
Auslegen ihrer Order gibt.
Unter denen,
die auch nicht durchgelassen wurden, waren
vier oder fünf Frauen mit kleinen Kindern
auf dem Weg zum Arzt, auch ein junges
Ehepaar mit ihrem Baby. Der Vater mit dem
Baby durfte passieren – er war über 30, das
Baby ein paar Monate alt. Aber die stillende
Mutter durfte nicht passieren – sie war
unter 30.
Man sollte
vermuten, dass es in Nablus einige
hochrangige PA-Beamte gibt, die seit Jahren
persönlichen Profit aus ihrer Position
ziehen. Ein wesentliches Element dieses
Profits ist, dass viele unter ihnen in
Nablus genau so wie in Gaza oder Hebron -
besonders auf der hochrangigen Ebene
„Diskont“ von der israelischen
Besatzungsmacht erhalten und von den
schweren Reiseeinschränkungen, die Israel
auf ihr Volk legt, befreit sind. Man kann
vermuten, dass dieser Standard des
„persönlichen Gewinnes“ – freie Passage am
Hawara oder Beit Furik Kontrollpunkt -
beim TI-Standard nicht eingeschlossen war.
Auch nicht die Tatsache, dass ranghohe
palästinensische Beamte, die direkte
Verbindungskanäle zu israelischen Beamten
haben, in der Lage sind, freie Durchfahrten
für ihre Kollegen zu arrangieren.
Wenn diese
Maßnahmen der Korruption eingeschlossen
worden wären, hätten die Autoren der Studie
berücksichtigen müssen, dass die PA eine
Organisation ist, die von der Bürokratie der
Besatzung und des israelischen
Kolonialsystems nicht getrennt werden kann.
Dies ist ein Fall von zwei in einander
greifenden korrupten Systemen, durch die
offensichtlich Israel unter die Nummer 28
der selben Liste fallen würde, die es jetzt
besetzt. Und das nicht nur wegen der
ranghohen israelischen Minister und Beamten,
die in den Siedlungen wohnen, also nicht auf
ihrem eigenen Land, sondern weil sie ihre
eigenen Positionen und ihre politische und
persönliche Karriere Bestechungsgeldern
verdanken, die sie vor Jahren der
israelischen Öffentlichkeit ausgeteilt haben
– in Form von Land und Wasser, das sie den
Palästinensern geraubt haben.
Selbst wenn die
TI-Studie entschieden hätte, nur
„Regierungen“ mit einander zu vergleichen,
hätte die PA auch versagt. Auch wenn sie
sich selbst als Regierung betrachtet mit all
dem äußerlichen Drum und Dran einer solchen,
vergisst sie und lässt andere vergessen,
dass sie nur ein besetztes und kein
souveränes Volk führt. Mahmoud Abbas hat
weder die Autorität noch die Macht, dafür zu
sorgen, dass Studenten aus Gaza oder
Ost-Jerusalem zu ihren Studienkursen in
Nablus oder Tulkarem gehen können. Er kann
die Enteignung des Landes für Straßen „nur
für Juden“ in der Westbank nicht
verhindern. Aber die Welt erwartet von ihm,
dass er verantwortlich für das Benehmen
verschiedener Militanter ist, die ihn dafür
verachten, dass er nicht in der Lage ist,
dafür zu sorgen, dass eine stillende Mutter
zum Arzt gehen kann.
Als
verantwortliche Führung eines besetzten
Volkes wird die PA nicht von der
Rechtschaffenheit befreit. Im Gegenteil, die
moralische Forderung, dass die Kinder ihrer
ranghohen Angestellten nicht dank der
Position ihrer Eltern reich werden, ist
sogar noch höher. Die PA aber sollte in
eine völlig andere Art von Liste aufgenommen
werden – in die der nationalen
Befreiungsorganisationen. Und deren
Bewertung sollte die Frage berücksichtigen,
in wie weit ihre Taktiken und ihre Strategie
sie vom Joch der Besatzung weg und in die
Befreiung bringt. Als Führung eines
besetzten Volkes hat die PA das Recht und
die moralische Verpflichtung, das wilde
Benehmen bewaffneter Gangs zu stoppen, die –
ohne Rücksicht auf die Folgen - mit einander
darum wetteifern, wer die größten Waffen
besitzt. Aber ihre Fähigkeit, dies zu tun,
ist dadurch beeinträchtigt worden, dass sie
der Welt gegenüber vorgibt, eine gewöhnliche
normale „Regierung“ zu sein, und ihrem
Volk gegenüber, erscheint sie bestenfalls
als korrupte und versagende Organisation
und schlimmstenfalls als ein Subunternehmer
der Besatzungsbürokratie.
(dt. Ellen
Rohlfs)
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