Die jüdische Demokratie abwärts auf schlüpfrigem Hang
von Amira Hass
Ministerpräsident Ariel Sharon
wird Jerusalem nicht teilen.
Auch Minister Haim Ramon denkt
nicht daran. Sie haben nur einen
schnelleren und effizienteren
Weg gefunden als den, den sie
bisher versuchten, um die Zehntausenden
palästinensischen Bewohner Jerusalems
los zu werden – nachdem der
Prozess, ihnen das Land zugunsten
der jüdischen Bewohner zu rauben,
zu ende gegangen ist.
Zu Anfang der letzten Woche
entschied die Regierung, den
Bau der Mauer im Raume Jerusalem
zu beschleunigen. Er wird dann
auch die Bewohner von drei Ostjerusalemer
Stadtteilen umgeben und sie
wie in einem Gefängnis halten:
das Shufat-Flüchtlingslager
und Salaam und Dar Khamis in
Anata. Seit mehr als anderthalb
Jahren, nachdem der Mauerverlauf
festgelegt war, war der Staat
gar nicht in Eile, ihn zu bauen
und verzögerte die Antwort auf
die Petitionen von RA Danny
Seidemann - die Bewohner betreffend
. Jetzt, wo alle Scheinwerfer
auf die Ereignisse rund um den
Abzug ( der Siedler) gerichtet
sind, beeilt sich der Staat,
die Mauer und die Beobachtungstürme
zu bauen; und schneidet so die
Bewohner von ihrer Stadt ab
und verändert ihre ganze Lebensweise.
Der Verteidigungsminister hat
versprochen, dass der Mauerverlauf
allein nach Sicherheitserwägungen
bestimmt werde und dass er alle
Interessen der Bürger berücksichtigt
habe. Aber Haim Ramin sagte
letzte Woche unverblümt im Israel-Radio:
„Die Regierungsentscheidung
verbessert die Sicherheit Jerusalems
– und lässt sie jüdischer werden.
Die Regierung sorgt für Sicherheit
in der Stadt und wird Jerusalem
auch zur Hauptstadt eines jüdischen
und demokratischen Israel machen“.
In anderen Worten: klare demographische
Überlegungen bestimmten die
Route – möglichst viel Land
für Israel mit so wenig wie
möglich an arabischen Bewohnern.
Die Bewohner dieser Stadtteile
sind nicht die ersten oder einzigen,
die von Israel hinter Zäune,
Grenzübergänge und ein bürokratisches
Netzwerk von Genehmigungen gesperrt
wurden, um die territorialen
Errungenschaften des 1967er-Krieges
zu behalten. Dies wurde zur
allgemeinen „Lösung“ in der
Westbank und im Gazastreifen.
Hier reden wir allerdings über
Leute mit israelischer Identitätskarte.
Ihre Vorgänger solch einer Gefangenschaft
sind die Bewohner von Kafr Akab
und Samir Amis, zwei Dörfern
südlich von Ramallah, die 1967
von Jerusalem annektiert wurden.
Die Regierung versprach, dass
sie schnell etwas tun wolle,
was sie 37 Jahre lang in Ost-Jerusalem
nicht getan hatte: innerhalb
weniger Monate will sie ein
verbessertes Versorgungssystem
aufbauen, damit es für die Leute
unnötig wird, ins Stadtzentrum
zu gehen. Dieses Versprechen
macht deutlich, was Regierungsminister
über Richter des Obersten Gerichtshofes
denken, mit denen die Petition
gegen die augenblickliche Route
diskutiert werden sollte. Jetzt
– ein Jahr nachdem die Entscheidung
des ISJ in Den Haag nicht mehr
wie ein Schwert über ihren Köpfen
schwebt, denken sie in der Regierung,
sie könnten dem Gerichtshof
jede Erklärung und jedes Versprechen
verkaufen.
Die Regierung glaubt jetzt,
dass die Richter des Obersten
Gerichtes ein untrennbarer Teil
der jüdisch-demokratischen Gesellschaft
sei. Und diese Gesellschaft
hat sich niemals über die strukturelle
Diskriminierung aufgeregt, die
die Ost-Jerusalemer Stadtteile
verarmen, übervölkern und vernachlässigen
ließ.
Die jüdisch-demokratische Gesellschaft
regte sich nicht sehr darüber
auf, als die israelischen Regierungen
und die Jerusalemer Stadtgemeinde
große, unbewohnte palästinensische
Areale enteignete, um geräumige
Stadtteile nur für Juden zu
bauen. Gleichzeitig verhinderten
neue Verwaltungsregeln die Palästinenser
am Bauen innerhalb der Jerusalemer
Jurisdiktion ihrer Stadt. Also
waren sie gezwungen, ohne Genehmigungen
zu bauen oder außerhalb der
Stadtgrenzen zu leben. Diese
strukturelle Diskriminierung
wurde ein unerklärtes aber transparentes
Mittel, möglichst viele Palästinenser
aus der „vereinigten“ Stadt
zu jagen. Seit 1995-96 begann
das Innenministerium mit dieseer
Politik der „stillen Vertreibung“
: Streichung von Wohnrechten
en masse für alle Jerusalemiten,
die seit Jahren im Ausland leben
oder gezwungen wurden, außerhalb
der Stadtgrenzen zu leben. Zu
jener Zeit war Haim Ramon Innenminister.
Zu jenem Zeitpunkt begann auch
die israelische Regierung das
den Palästinensern gegebene
Versprechen offen zu brechen,
das man ihnen gegeben hatte,
als sie und ihr Landbesitz von
der israelischen Hauptstadt
annektiert wurden. Man hatte
ihnen als Jerusalemiten, die
nicht innerhalb Israels Grenze
leben wollten – Israel aber
sie zu annektieren entschieden
hatte – versprochen, dass sie
die Rechte von Einwohnern erhalten
würden und dass man ihren Status
als Jerusalemiten respektieren
würde. Die Politik der stillen
Vertreibung wurde ein teilweiser
Fehlschlag, dank des gemeinsamen
Kampfes von Israelis, Palästinensern
und der internationalen Gemeinschaft
und hauptsächlich weil viele
Palästinenser sich entschieden,
unter schrecklich überfüllten
Umständen innerhalb der Stadtgrenzen
Jerusalems zu leben. So bauten
sie ihre Wohnungen am Rande
des Shufat-Flüchtlingslagers
und in der Salaam – Frieden!!
-Gegend von Anata. Ohne Plan,
ohne Infrastruktur, ohne Genehmigung,
ohne städtische Dienste, zwischen
Abfallhaufen – gar nicht weit
von den grünen Gärten und breiten
Straßen des jüdischen Stadtteils
von Pisgat Zeev, das auf gestohlenem
Land von Anata, Shufat und Hizmeh
liegt. Nun beginnt – unter dem
Deckmantel von Sicherheitserwägungen
– eine neue Phase auf dem schlüpfrigen
Hang der nationalistischen Diskriminierung
und ergänzt, was der „stillen
Vertreibung“ bis jetzt nicht
gelungen war. Selbst wenn die
Regierung wunderbare Schulen
und Kliniken innerhalb von zwei
Monaten in Anata bauen würde,
wird die Mauer ein großes Gefängnis
schaffen – in Sichtweite der
ruhmreichen jüdischen Kultur
– der hebräischen Universität.
Selbst wenn die raffiniertesten
und benützerfreundlichsten Übergänge/
Tore in der Mauer geschaffen
würden, lehrt die Erfahrung
, dass Tausende von Leuten gewalttätig
von ihren Familien und Freunden
auf der andern Seite der Mauer
getrennt werden und von den
Möglichkeiten, den Lebensunterhalt
zu verdienen oder zu studieren.
Sie sind auch abgeschnitten
von den kulturellen und religiösen
Institutionen, von Tagessommerlagern
für die Kinder. Ohne dass sie
aus ihren Wohnungen geholt werden,
werden sie aus ihrer Stadt vertrieben.
Und das alles um der jüdisch-demokratischen
Hauptstadt willen.