Das Blut von Iman al-Hamas
von Amira Hass
Und das Blut von Iman al-Hamas – an wessen Händen
klebt es? Mit oder ohne „bestätigtes Töten“, töteten die Soldaten am
Giritposten in Rafah in R’s Einheit - mit ihm oder ohne ihn -das 13
jährige Mädchen, das am 15. Oktober 2004 mit der Schultasche am
hellerlichten Tage dort vorbeiging.
Sie versuchte nicht, sich mitten
in der Nacht heimlich durchzuschleichen, um Arbeit in Israel zu
finden. Irgendwer bei den IDF gab Befehle aus, die Soldaten erlauben,
auf Palästinenser zu schießen, die sich mitten auf einem, (oft auf
ihrem) Feld in der Nähe eines Militärpostens oder einer Siedlung, die
auf diesem Feld gebaut wurde, befinden. Auf jeden Fall gab jemand an
diesem Tag den Befehl, das Mädchen zu erschießen. Jemand führte den
Befehl aus. Ob mit oder ohne Meineid - das Mädchen wird dadurch nicht
mehr lebendig. Wie ist es möglich, dass Soldaten einer Armee, die
stolz auf ihre Nachtsichtgeräte und auf ihre gute
Scharfschützenausrüstung sind – nicht sehen können, dass es sich hier
um ein kleines Mädchen gehandelt hat? Imans Name wurde wegen der
Meineide der Soldaten bekannt. Über ihren sinnlosen Tod wurde in den
israelischen Medien berichtet, die sehr selten über tote Palästinenser
berichten. Es gibt eine lange Liste von palästinensischen Zivilisten,
deren Blut nicht in einer Schlacht oder weil sie jemanden gefährdeten
vergossen wurde – und dieses ihr Blut verschwand sehr schnell aus
unserem Gedächtnis. Was ist mit dem Blut von Rasmiye Arar? Sie war 37,
als sie starb und war Mutter von sieben Kindern. Am 12.Mai 2003
verließ sie ihr Haus in Qaraut Bani Zeid in der Westbank und ging
hinüber zu einem Verwandten, Ramez Arar, 17, der im Garten auf einem
Hügel stand und IDF-Jeeps beobachtete, die 2km weit weg waren. Er
wurde aus großer Entfernung begeschossen und fiel zu Boden. Sie eilte
zu ihm und wurde auch erschossen. Mit anderen Worten: sie wurde von
Soldaten erschossen. Fünf Tage später erschossen Soldaten den 11
Jährigen Tamer Arar und töteten ihn auch. Die Soldaten marschierten
durch das Dorf. Tamer stand auf einem Feld neben dem Haus und aß ein
Sandwich.Ja, es stimmt, einige Kinder warfen Steine in Richtung der
Soldaten. Aber sie waren nicht in Tamers Nähe. Und warum ist es so
klar, dass es in Ordnung ist, Kinder zu töten, die Steine werfen. Die
Steine werfenden Kinder rannten offensichtlich weg . Nur der Sandwich
essende Junge blieb stehen.
Einen Monat früher wurden zwei
andere Mitglieder der Familie Arar von Soldaten getötet. Im Schulhof
am Ortseingang eilte ein Erwachsener zu einem verletzten Kind, um ihm
zu helfen (ja, auch hier hatten Kinder in die Richtung eines
Armeejeeps, der direkt außerhalb des Schulhofes parkte, Steine
geworfen) und ein anderes Kind eilte zu dem Erwachsenen, um ihm zu
helfen. Wieder zwei Tote. Eines Tages entschuldigte der IDF-Sprecher
all dieses Töten mit der Erklärung, dass das Militär angegriffen
worden sei, gab aber zu , dass Rasmiye nicht zu den Angreifern
gehörte. Die Dorfbewohner sagten, dass eine neue Einheit in ihrem Dorf
sei, die zu „provozieren versuchte“. Monate später enthüllte ein
IDF-Offizier gegenüber Haaretz, dass man gegen Soldaten, die sich
nicht vorschriftsmäßig benommen hätten, Schritte unternommen hatte.
Dies geschah aber ganz still, ohne Öffentlichkeit und Schlagzeilen.
Mahmoud Abbas wurde gestern
angewiesen, beim Gipfel nicht zu fragen, an wessen Händen das Blut der
Arar-Familie klebt. Von Mohammad Dahlan und Jibril Rajoub erwartet
man, dass sie die israelischen Kommandeure nicht danach fragen, wer
die Befehle gegeben hat, Zivilisten zu töten, Häuser in die Luft zu
jagen, mit Granaten zu feuern. Sie sollten nicht nach den Befehlen
fragen, die in den letzten vier Jahren oder während der 1. Intifada ,
im Libanon, in Qibiye töteten und Tausende palästinensischer
Zivilisten verwundeten . Dem palästinensischen Volk ist es nicht
erlaubt, ihre Führer zu fragen, warum Besatzungssoldaten und ihre
Offiziere, die Zivilisten töteten, nicht verhaftet werden und vor
Gericht kommen.
Es ist genau umgekehrt: besetze
sie, ihr Land, ihre natürlichen Reserven, nimm ihnen das Leben und –
wenn sie Widerstand leisten und Zivilisten oder Soldaten töten -
verurteile sie als Kriminelle. Wir geben zu, Zivilisten getötet zu
haben, aber der „Krieg“ rechtfertigt nicht nur unsere Grausamkeit, er
löscht sie auch aus. Andrerseits rechtfertigt der Krieg , d.h. die
Besatzung, d.h. der Krieg für die Bewahrung der Beute aus dem
1967-Krieg nicht ihre Grausamkeit und erklärt sie nicht einmal in
unseren Augen.
Wenn die Palästinenser Flugzeuge
und Panzer hätten, dann wäre ihr Töten steril. Sie würden dies
bevorzugen. Dann würden sie – selbst wenn sie jüdische Zivilisten
töteten – nicht Mörder mit Blut an den Händen genannt werden, sondern
feindliche Soldaten. Und wenn sie gefangen genommen würden, dann würde
man sie als Kriegsgefangene betrachten. Wenn die Politiker der
Oslo-Abkommen wirklich über Frieden nachgedacht hätten, so wie sie
darüber gesprochen haben, dann hätten sie alle Gefangenen entlassen.
Aber wenn jene, die wie jetzt wieder nur über Gesten sprechen und nur
den Sohn von Marwan Bargouti aus dem Gefängnis entlassen, auch wenn es
auf Bitte von Abbas geschieht, dann machen sie mit derselben alten Art
und Weise früherer Kolonialherren weiter, die einst den Eingeborenen
ein paar Bonbons zuwarfen.