ZNet > Naher Osten > Selbstmordattentate Wie
kann so eine kleine palästinensische Organisation wie der Islamische
Dschihad soviele lebende Bomben hervorbringen - Selbstmordbomber,
die sich Babies im Kinderwagen und deren Großeltern als Ziel
aussuchen? Und wie kann eine Organisation, die einst erklärte, nur
Soldaten anzugreifen, ihre jüngste lebende Selbstmordbombe in eine
gemischt jüdisch-arabische Stadt senden, um Tod und Leid in einem
Restaurant zu säen, dessen Besitzer, dessen Angestellten und Kunden
sowohl Juden als auch Araber sind, Junge und Alte?
Geheimdienstexperten und Arabisten unserer Seite behaupten, der
Grund liege darin, dass der Islam den Krieg absegne. In den Moscheen
herrsche pausenlose Aufwiegelung, hinter allem stecke der Iran und
Syrien, die Selbstmordbomber und deren Familien hätten es auf die
Zerstörung des Staates Israel abgesehen, Leute, die sich selbst in
die Luft jagen, seien eben Tiere, und Arafat ermutige den Terror.
Hinter all diesen Erklärungen steckt ein Konzept. Gemäß dieses
Konzepts hat jene krankhafte Form des palästinensischen Kampfs mit
der Okkupation gar nichts zu tun, und die Israelis sollten
Palästinensern nicht glauben, die behaupten, es hätte etwas zu tun
mit der israelischen Besatzung. Gemäß dieses Konzepts existiert auch
keine Verbindung zwischen der zunehmenden Verbreitung von
Selbstmordattentaten und jener in der palästinensischen Gesellschaft
vorherrschenden Meinung, Israel - als Militär- und Nuklearmacht -
wolle die Palästinenser zur Aufgabe pressen, damit die Israelis noch
mehr Land in Westbank und Gaza legitimerweise übernehmen können.
Anders gesagt, besteht das Konzept also darin zu behaupten,
sämtliche historischen, politischen, geopolitischen und verästelten
soziologischen bzw. psychologischen Bezüge seien allesamt
irrelevant. Laut Konzept gibt es bei den Selbstmordbombern und
denen, die sie losschicken, eine erbliche Komponente - das sei
schuld. Die Palästinenser würden ihren Traum, Israel zu zerstören,
nicht aufgeben, und Muslime würden stets immer nur der radikalsten
Auslegung ihrer Religion glauben.
Die israelische Gesellschaft kann diese
geisteskranke Situation akzeptieren - und Milliarden in etwas
investieren, das sich “Verteidigung” nennt, während man sich
gleichzeitig vor so etwas Primitivem wie lebenden Bomben fürchten
muss, vor ein paar Kilo Sprengstoff mit Nägeln -, denn sie glaubt an
den israelischen Geheimdienstapparat und die “Objektivität” von
dessen Information. Schließlich sprechen die Geheimdienstoffiziere
fließend Arabisch, sie analysieren die Predigten jedes Imams, sie
sehen sich die Programme sämtlicher arabischer TV-Sender an, die zum
Aufruhr aufwiegeln, ihnen fallen Texte in die Hände, die selbst den
meisten palästinensischen Autoren und deren Leserschaft unbekannt
sind, und sie verfügen über Informationen von Kontaktpersonen - von
Kollaborateuren und Informanten aller Art.
Vom Standpunkt des Islamischen Dschihad ein
guter Zeitpunkt, um das Chaosgefühl im Land und in der Region weiter
zu schüren. Diese Gruppierung ist klein, sodass es ihr möglich ist,
Verurteilungen und Warnungen der Palästinenserbehörde zu ignorieren,
zu verlachen. Schließlich - man sucht keine Wählerschaft. Was mit
dieser Sicht allerdings nicht zu erklären ist, ist, dass der
Islamische Dschihad, ungeachtet der Schläge, die ihm die Armee
versetzt, immer noch Kandidaten findet, die bereit sind, eine
Politik auszuführen, die von außen diktiert ist und der die
Sehnsucht der Palästinenser nach Normalität fremd ist. Dies zu
erklären braucht es - ja - die israelische Besatzung. Alle anderen
Erklärungen sind zusätzlich, sind marginale Fußnoten.
Aber wie soll man dem Besatzer die Besatzung
erklären? Wie vermittelt man ihm, was man über den Alltag von 3,5
Millionen Menschen weiß, deren Zukunft keine Chance auf Normalität
hat: die tägliche Erfahrung, dass das Land der Großeltern und Eltern
irgendeiner Militärverordnung zum Opfer fällt - zum Zwecke
“öffentlicher” Enteignung oder für einen Piraten-Außenposten? Wie
kann man einem Bulldozer erklären, wie es sich lebt, wenn einem das
Land unter den Füßen wegbröckelt - während gleichzeitig auf der
anderen Straßenseite eine reiche jüdische Siedlung wächst und eine
brandneue Straße, exklusiv nur für sie, geteert wird? Was weiß das
Papier, auf dem die Militärverordnung steht, was es heißt, 37 Jahre
unter der Willkürherrschaft der Repräsentanten der Fremdbesatzung zu
leben - und viele dieser Repräsentanten wohnen ja in den Siedlungen?
Diese Repräsentanten treffen willkürliche Entscheidungen - wer darf
reisen und wer nicht? Wem wird medizinische Behandlung gewährt, wem
nicht? Wieviele Zentimeter Durchmesser darf eine Wasserleitung
haben? Darf ein Wassertanker in ein Dorf rein bzw. wann? Und welcher
Baum wird entwurzelt und welcher nicht?
Wie soll man den Panzern erklären, den
Flugzeugen, wie sich die Ängste eines kleinen Jungen anfühlen? Und
es geht nicht nur um Ängste von 10 oder 100 sondern von
Hundertausenden, empfunden nicht einmal im Monat oder alle zwei
Wochen sondern in den letzten drei Jahren tagtäglich. Wie soll man
erklären, was in einer Tochter, einer Großmutter vor sich geht,
deren geliebte Angehörige - Zivilisten - vor ihren Augen getötet
werden? Und sowas passiert nicht dutzendfach sondern gleich
hundertfach. Wie soll man Israelis, die nur sehr einseitig
informiert sind, den Horror einer Militärokkupation klarmachen? Dass
auch die Palästinenser täglich Horror- Szenarien erleben - und dies
seit dem allerersten Tag der neuen Unruhen, als sie nur Steine
warfen und sich noch nicht in unseren Städten in die Luft jagten.
Ja, die Selbstmordbomber glauben, sie repräsentierten ihre
Gesellschaft. Darin besteht ihre Stärke. Aber was sie
repräsentieren, ist (nur) das Gefühl ihrer Gesellschaft, es hätte
keinen Sinn, unter der Besatzung zu leben - die schreckliche
Unterlegenheit gegenüber der israelischen Militärmacht, das Gefühl
der Impotenz, während sie mitansehen müssen, wie ihr Land
vandalisiert und entwürdigt wird, ihre Wut über die Dummheit der
palästinensischen Führer. Sie sind bereit, die Rache zu
repräsentieren.
Israel tendiert dazu, diejenigen zu
beschuldigen, die fordern, das Phänomen der Selbstmordbomber im
Kontext der Besatzung zu sehen - als brächte man Verständnis für die
Mittel der Terroristen auf oder rechtfertige sie gar. In einer
geschützten Gesellschaft wären (diese Beschuldigungen) eventuell
noch verständlich. Der israelischen Gesellschaft allerdings kann
soetwas nicht weiterhelfen - im Umgang mit der Bedrohung des
Terrors.