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Kann man sich auf die Israelis verlassen ?
Amira Hass, Haaretz, 9.3.05
Vor zwei Wochen rief Omar Awad seinen
ältesten Sohn Fuad, 15, zu einem Gespräch von Mann zu Mann. „Ich erklärte
ihm: Wir haben kein Land, wir haben auch keine Heimat mehr, das Land ist
weg, die Heimat ist verloren. Ich möchte dich nicht eines Tages für etwas
im Gefängnis sitzen sehen, das nicht mehr zurückkommt. Für wen oder was
soll er im Gefängnis sitzen . Für die Leute mit den Millionen? „Ich
fordere von dir nur eines“, sagte ich zu ihm, „dass du lernst, und zwar
gut lernst. Es gibt im Ort eine gute Schule. Mach das Abitur. Dann kann
ich dich ins Ausland zum Studium schicken.“
Fuad wurde nach Omars Bruder benannt,
der 14 Jahre alt war, als er vor Omar Augen von der Grenzpolizei in
Nahalin, westlich von Bethlehem, erschossen wurde. An jenem Tag erschossen
israelische Soldaten fünf weitere Dorfbewohner. Seitdem denken
Palästinenser mit Schrecken daran, wenn sie den Namen Nahalin hören.
Im letzten Jahr hörte man den Namen
im Zusammenhang mit dem Mauer- bzw. Zaunbau. Nach dem Plan des
Verteidigungsministeriums soll der Zaun Bethlehem mit seinen Vororten und
den Flüchtlingslagern von seinen Landreserven (in und rund um den Gush
Etzionblock) trennen. Nach dem vorliegenden Plan sollte er in zwei großen
Schleifen die drei Dörfer Batir, Husan und Nahalin umzingeln.
Das ausländische diplomatische Corps
und Vertreter von unterstützenden Ländern in Jerusalem konnten es kaum
glauben, dass dies der israelische Plan sei – eine unangemessene
eklatante Einsperrung - selbst nach
Meinung derjenigen, die Israels Sicherheitsbedürfnisse verstehen.
Nach der letzten Version des Planes
des Verteidigungsministeriums, der kürzlich veröffentlicht wurde und auf
der Internetseite des Ministeriums erschien, ist die Schlinge um diese
drei Dörfer zurückgezogen worden. Aber der Trennungszaun wird sie von
Bethlehem und der „Grünen Lunge“, die sie noch zur Verfügung hatten,
abschneiden.
„Alles was wir über den Zaun wissen,
kommt vom (Fernsehreporter) Haim Yavin,“ sagte Awad letzte Woche in
seinem Heim in Nahalin. Das stimmt nicht ganz: einige Leute suchen auf der
Internetseite des Verteidigungs-Ministerium. Einer von ihnen ist Osama,
ein Freund von Awad und ein Fatahaktivist im Dorf. Auf diese Weise
erfuhren sie von der veränderten Route des Zaunes.
Die sich immer weiter ausdehnende
jüdische Siedlung Beitar beherrscht Nahalin vom Nordwesten. Awad, 35,
Bauunternehmer, der behauptet, viele Häuser in vielen Siedlungen gebaut zu
haben, sagte auch, dass er eines der Häuser auf Land gebaut habe, das
seiner Familie gehört hat. „Als ich ein kleiner Junge war, pflanzte ich
dort drei Bäume. Nun „pflanzte“ ich Häuser dort für Juden“ sagte er in
einem Ton der Ergebenheit.
Keineswegs ergeben berichtet er, dass
er auf dem restlichen Stückchen Land seiner Familie nicht bauen kann,
weil es in Zone C. liege – also unter völliger israelischer Kontrolle.
Mein Vater besaß hier Land, das seit ewigen Zeiten im Besitz der Familie
war. Da kam irgendjeman vom Innenministerium, vielleicht ein neuer
Immigrant aus Russland, vielleicht nicht mal jüdisch – wobei ich
wahrscheinlich jüdischer bin als er – und sagte zu mir, dass ich hier
nicht bauen dürfe.
„Man kann nichts machen, was den Zaun
betrifft“, folgerte Awad und es klang so, als hätte er sich in sein
Schicksal ergeben. „Seit 40 Jahren leben die Siedler im Gazastreifen.
Israelische Soldaten verloren ihretwegen ihr Leben – und plötzlich ist
Ariel Sharon der neue Mann des Friedens, er kommt und innerhalb weniger
Minuten gibt er den Befehl, zu gehen. Sharon entscheidet und der ganze
Yesha-Rat ( der die Siedler von Judäa, Samaria und Gaza vertritt) kann
ihn nicht aufhalten. Wenn Sharon sich für einen Zaun entscheidet und
über uns Palästinenser, die ihr mit Hilfe des Militär und nicht mit Hilfe
von Gesetzen beherrscht– wer kann ihn aufhalten? Selbst wenn wir gegen
den Zaun kämpfen, wird der Kampf für uns schließlich eine verlorene
Schlacht. Ich erwarte nichts von Abu Mazen – es wird doch alles in der
Knesset entschieden. Abu Mazen ist intelligent, weil er die Situation
erkennt. Ihm ist aber auch klar, dass er keine Macht hat.
Es geht ein Gerücht durchs Dorf,
sagte Awad, dass die Dörfer westlich von Bethlehem „von Israel
annektiert“ werden und ihre Bürger die (israelische) Staatsbürgerschaft
erhalten sollen. So ein Gerücht geistert auch irgendwo durchs Internet –
was die Leute als nackteTatsache nehmen. Einige freuen sich sogar
darüber. Awad amüsiert sich darüber: „Israel will nicht mal die
israelischen Araber – wie sollen sie uns als Bürger haben wollen.?“
Die Nahalinbewohner fragen sich,
welche Art von Abmachungen wohl mit der IDF gemacht werden, um den
Verkehr zwischen beiden Seiten des Zaunes zu regeln. Werden sie dasselbe
Schicksal teilen wie die anderen Palästinenser, die zwischen dem Zaun im
Osten und der Grünen Linie im Westen gefangen sind, die sich mit
besonderen Ausweisen versehen müssen, die beweisen, dass sie Bewohner
dieses Gebietes sind, damit sie dieses betreten und verlassen können.
Die IDF und die zivile Verwaltung
sagten gegenüber Haaretz, dass dies nicht der Fall sein würde: „Die
Gush-Ezion-Region“, war die Antwort vom Sprecher der Zivilverwaltung,
„einschließlich des Nahalin-Husan-Blockes, der mitten drin liegt, wird als
besonderes Gebiet, nicht als Randzone angesehen. Deshalb wird man den
Bewohnern erlauben, das Gebiet an den Checkpoints und Toren nach
alleiniger Sicherheitskontrolle zu betreten, ohne dass spezielle
Passierscheine von der Zivilen Verwaltung benötigt werden.
Nach dem IDF-Sprecher gilt dies auch
für Bewohner der beiden Dörfer wie für andere, die in anderen Gebieten der
Westbank leben. Wenn der „Zaun“ fertig ist - so berichtet die Zivile
Verwaltung – „wird das Dorf Walajeh, nördlich von Bethlehem, durch einen
Tunnel an Bethlehem angeschlossen, ähnlich der Verbindung, die zwischen
Qalqilya und Habala gemacht wurde ( in Habala gibt es eine
Straßenkreuzung, die von der IDF zeitweilig mit einem Stahltor geschlossen
wird). Der Husan-Nahalin-Block wird mit Bethlehem durch einen Tunnel und
einem Kontrollpunkt in der Nähe von el-Khader verbunden.
Doch die Beseitigung der
Zaunschlinge um ihr Dorf und die Versicherung, dass sie nicht in der
selben Weise leiden werden wie die Bewohner der „Randzone“, bieten den
Bewohnern von Nahalin kaum Erleichterung. Auf grund der Berichte aus
anderen Bereichen der Westbank, wissen sie, dass der Zaun, der westlich
Bethlehem verläuft, sie von ihrer Umgebung, der Provinzstadt, von anderen
Städten der Westbank und von ihren Ländereien abschneiden wird. Es ist
ein Prozess, der nicht an ihnen vorbei gehen wird. Der Zaun wird auch
immer schneller die Landreserven Bethlehems annektieren. Man weiß noch
nicht, wie es geschehen wird – wann, durch wen, wer wird am meisten, wer
am wenigsten davon betroffen sein.
Die vergangenen vier Jahre haben den
Bewohnern von Nahalin einen Vorgeschmack gegeben, was es heißt,
abgeschnitten zu sein. Lange Zeit wurde der Zugang zum Dorf von der IDF
mit einem tiefen Graben, einem geschlossenen Tor und mit Felsbrocken
gesperrt. Nicht einmal Müllwagen konnten den Ort erreichen, so dass sich
der Müll am Straßenrand häufte und an unvorschriftsmäßigen Müllhalden. Die
Bewohner erhielten deswegen sogar Geldstrafen. Sie können das abgesperrte
Bethlehem nicht mehr mit dem eigenen Wagen erreichen. Die Bewohner parken
ihre Wagen an den blockierten Straßen am Ausgang von Husan, überqueren die
verkehrsreiche Tunnelstraße zu Fuß und nehmen ein Taxi, das auf der
anderen Straßenseite bei der El-Khader-Straßensperre auf sie wartet. So
kommt man zur Arbeit, zu Verwandten oder in die Krankenhäuser.
Es gab Zeiten, in denen es ihnen
nicht erlaubt war, Bethlehem zu betreten, Zeiten, in denen es
Bethlehemiten verboten war, sie zu besuchen. Sie sind sich sicher, dass
der Zaun diese Abtrennung noch mehr festigen wird.
Schleichende Abtrennung
Die Verwalter der Talitha Kumi
Schule, die am Rande Beit Jalas liegt, fürchten, dass der Mauerbau die
bestehende schwierige Entwicklung noch verschärfen wird. Die Trennung vom
östlichen Jerusalem, die Abtrennung von den anderen Dörfern und Regionen
der Westbank, die Schwächung der Verbindung mit der palästinensischen
Gemeinde im allgemeinen – alles wird beschleunigt. Etwa 830 Jungen und
Mädchen lernen an der deutschen, evangelisch-lutherischen Schule: 70 %
sind Christen, 30 % sind Muslime – Jungen und Mädchen werden zusammen
unterrichtet.
Die Schülerschaft kommt aus der
ganzen Region von Bethlehem und dem südlichen Jerusalem, aus Städten,
Dörfern, Flüchtlingslagern. In Beit Jala gibt es gibt auch ein Internat
für Jungen. Als Deutsche in der Mitte des 19. Jahrhunderts in Jerusalem
die Institution gründeten, war ihr hauptsächlicher Zweck: ein Internat für
verwaiste palästinensische Mädchen einzurichten.
Mitte der 90er Jahre hörte das
Internat auf, Mädchen aus dem Gazastreifen aufzunehmen. Auf Grund der
Absperrungspolitik Israels, war es ihnen unmöglich gemacht worden, zum
Wochenende oder in den Ferien nach Hause zu fahren und dann zur Schule
zurückzukehren. In den letzten vier Jahren hatten die Mädchen aus Hebron
und Ramallah immer größere Schwierigkeiten, wenn sie an schulfreien Tagen,
wie Freitag oder Sonnabend nach Hause und danach wieder zurück in die
Schule zu gelangen. Wegen der Kontrollpunkte und Absperrungen rund um
die palästinensischen Städte brauchten sie ganze Tage, um ihr Ziel zu
erreichen. Kaum dass sie zu Hause ankamen, mussten sie schon wieder die
Rückfahrt antreten. Deshalb wurde entschieden, dass einmal im Monat das
Internat von Donnerstagnachmittag bis Montagfrüh geschlossen ist, um einen
Ausgleich zwischen der für die Fahrt benötigten Zeit und dem Aufenthalt
in der Familie zu schaffen. Die Schüler aus Jerusalem, wie dem Stadtteil
Bet Safafa kommen noch zur Schule. Wenn der Zaun gebaut ist – vermutlich
am Fuß des Hügels auf dem die Schule liegtt - werden sie wahrscheinlich
nicht mehr in der Lage sein, eine Schule zu besuchen, die nur einen
halben Kilometer von ihrem zu Hause liegt. Noch zweifelhafter ist es, ob
die Schüler von Walajeh und Husan, zwei Dörfern, die nur ein bis 4 km weit
entfernt liegen, weiterhin in Talitha Kumi zur Schule gehen können.
Trotz alle dem haben Vertreter des
Verteidigungsestablishments sich mit dem Direktor der Schule Dr. Georg
Dürr getroffen und ihm versichert, dass ein „humanitärer Tunnel“ zwischen
dem Gebiet westlich des Zaunes und dem im Osten gebaut werden soll. Aber
auf Grund von Erfahrungen, bezweifelt Dr. Dürr, ob die versprochene
humanitäre Abmachung den Schülern und Schülerinnen tatsächlich freien
Zugang gestatten wird. Als eine Institution, deren Ziel es ist, Frieden
zwischen den beiden Völkern zu fördern, hat Talitha Kumi Seminare/
Begegnungen zwischen Israelis und Palästinensern ermöglicht – und tut dies
auch weiterhin. „Der Zaun wird uns daran hindern, diese Treffen weiter
durchzuführen“, sagt Dr. Dürr. „Schon wurde israelischen Hebräischlehrern,
die wir anzustellen hofften, nicht genehmigt, hier zu arbeiten, weil die
Institution im Gebiet A liege. Der Fußgängerweg vor der Schule und der
Haupteingang der Schule liegen in Zone C.“
Als deutsche Institution könnte
Talitha Kumi vielleicht diplomatische Kanäle finden, die es ihr
ermöglichen, die Bildungsarbeit fortzusetzen. Dr. Dürr ist sich über die
Grenzen möglicher Bemühungen in diesem Sinne bewusst. Als typischen Fall
erwähnt er Rehm Handel, die Musiklehrerin der Schule, die in Bethlehem
lebt. Sie schrieb für Weihnachten ein Lied, das sogar im israelischen
Fernsehen ausgestrahlt wurde. Doch als er vor zwei Wochen für sie einen
Antrag gestellt hatte, damit sie nach Jerusalem gehen könnte, um dort ein
Klavier für die Schule zu kaufen, sagten die israelischen Behörden nein.
(dt. ellen rohlfs)
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