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Anis
Hamadehs Kolumne (5)
Spin und Wahrheit
01.10.2005
Während eines Email-Dialogs schrieb mir
kürzlich ein bekannter
amerikanisch-palästinensischer
Networker darüber, dass Spin
faktisch besser funktioniere als
Wahrheit. Unter "Spin" versteht
man das politische Image und die
Darstellungsweise einer
Nachricht oder eines
Sachverhalts. Anders gesagt: Es
kommt nicht darauf an, was der
Fall und was wichtig ist,
sondern darauf, wie man etwas so
darstellt, dass die
Fernsehzuschauer es akzeptieren.
Es ist das Prinzip der Werbung,
von dem wir alle betroffen sind.
Eine Nachricht muss also nicht in erster Linie
wahr oder wichtig sein, sie muss
der Öffentlichkeit nur verkauft
werden können. Wahrheit und
Relevanz sind relativ, Verkauf
ist eher eindeutig. Es ist das,
was sich als Meinung durchsetzt,
indem es - besonders im
Fernsehen - veröffentlicht wird,
zitert und geglaubt wird.
Bereits seit dem Zweiten
Weltkrieg sind Spin Doctors in
zunehmendem Maße für die Wahl
von Politikern und für
politische Entscheidungen und
Entwicklungen verantwortlich. In
der Politsatire "Wag the Dog"
(USA 1997) mit Dustin Hofman und
Robert de Niro wird dieses
Phänomen brillant aufgezeigt.
Auch im Nahostkonflikt sei der Spin von
ausschlaggebender Bedeutung und
die israelische Seite beherrsche
dieses Metier viel besser als
die palästinensische, klagte der
oben genannte Networker. Das hat
mir zu denken gegeben. Worauf
sollten sich palästinensische
Berichterstatter konzentrieren,
auf Spin oder auf Wahrheit? Wenn
es doch in der Meinungsbildung
um den Spin geht, sollte man
dann nicht seine Energien darauf
verwenden? Sollte man das
Produkt "palästinensische
Freiheit und Menschenrechte" zu
verkaufen versuchen?
Ich kann das nicht glauben. Andererseits: Wenn
man auf Wahrheiten beharrt,
klingt man dann nicht eher
uncool, wie ein Prediger? Machen
wir uns lieber klar, dass
Politik immer weniger von
Politikern gemacht wird. Die
Rolle der Medien und der
PR-Leute ist viel zu wichtig
geworden. Und sie gelangt an
Grenzen. Wie sehr hat
beispielsweise der SPIEGEL vor
der Bundestagswahl durch seine
Titelbilder versucht, Angela
Merkel zur Kanzlerin zu machen?
Auch die BILD-Zeitung. Selbst
innerhalb der Journalistenszene
ist dies verurteilt worden. Und
es hat nicht wirklich
funktioniert.
Wahrheit, das sind Fakten. Es gibt
unterschiedliche Wahrheiten und
Fakten, deshalb kann Spin als
System so gut funktionieren. Das
Problem der Ungerechtigkeit
durch Spin liegt aber nicht
primär in der Darstellung der
Nachrichten. Es gehört zum
Meinungspluralismus, Dinge so
oder so sehen zu können. Das
Problem liegt erstens darin,
dass er - wie im Film "Wag the
Dog" oder im Irakkrieg - auch
Lügen transportieren
und dennoch funktionieren kann
und zweitens darin, dass es
unterschiedliche Maßstäbe
in der Beurteilung von
Handlungen gibt. Militärpolitik
wird zum Beispiel in unseren
Mainstream-Medien niemals Terror
genannt, egal worum es geht. An
diesen beiden Punkten können wir
uns als Meinungsbildende
orientieren, dann gibt es
zwischen Spin und Wahrheit keine
solche Kluft mehr.
(Anis
Online)
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Anis
Hamadehs
Kolumne (4)
Die
fehlende Einheit
Unter
www.TheHeadlines.Org
kann man die täglichen Nachrichten aus
Palästina auf Englisch verfolgen. Würden
diese Nachrichten im deutschen Fernsehen
gesendet, gäbe es Aufschreie und Tumulte.
Ein Teil der Zuschauer wäre zutiefst
schockiert über die Verbrechen gegen die
Menschlichkeit, ein anderer Teil würde nur
anti-jüdische Propaganda darin sehen können
und ein dritter Teil hat es die ganze Zeit
über gewusst oder geahnt. Zu den Leuten aus
dem dritten Teil gehören solche, die seit
Jahren aus Verantwortung auf den Terror
hinweisen, der von den Mainstream-Medien
nicht erwähnt wird, weil er erstens von
Juden und zweitens von einer Staatsmacht
verübt wird. Es kann nicht sein, was nicht
sein darf.
Zu den Leuten aus dem
dritten Teil gehören die Opfer und
ihre Umgebung. Die Opfer sind die,
denen die Menschenrechte und das
Völkerrecht vorenthalten werden.
Diese vorenthaltenen Menschenrechte
werden alljährlich in
UNO-Resolutionen aufgeführt. Die
UNO, also die Welt, sagt zum
Beispiel, dass die über fünf
Millionen Flüchtlinge in ihre Heimat
zurückkehren dürfen.
Dass sich das Recht
nicht durchsetzen kann, hat
natürlich nicht in erster Linie mit
den Opfern zu tun. Dennoch ist das
Verhalten der Opfer ein wichtiger
Aspekt der Situation. Der
verstorbene palästinensische Denker
Edward Said fragte in seinem Artikel
„Disunity and Factionalism“ (2002),
warum sich die Palästinenser und
ihre Umgebung nicht zu einer Einheit
zusammenfinden können, obwohl dies
doch so wichtig sei. Er kam zu dem
Schluss, dass es wohl am
Nichtvorhandensein von Idealen und
Vorbildern (role models) liege. Und
tatsächlich: Viele Palästinenser
sind auch heute darüber beunruhigt,
dass sich kein echtes
Gemeinschaftsgefühl in ihrer
Gesellschaft einstellt.
Kann man noch einen
Schritt weiter gehen und fragen, wie
dies angesichts der horrenden
Zustände überhaupt möglich ist? Wenn
unterdrückende Gewalt konsequent
abgelehnt würde, dann müsste das
Bild doch ein anderes sein. Der
Mangel an Idealen und Vorbildern
scheint nur ein Symptom für ein
tiefer liegendes Problem zu sein,
für eine Zerrissenheit, die auch
ohne die israelische Unterdrückung
besteht. Es scheint vielmehr
Verwirrung darüber zu herrschen, was
Unterdrückung eigentlich genau ist.
Wenn man zum Beispiel
Unterdrückung in der eigenen
Umgebung erfährt, ohne sich bewusst
zu sein, dass es sich um
Unterdrückung handelt, dann werden
auch die Argumente hinsichtlich
Israels stumpf und inkonsequent
sein. An eine solche Unterdrückung
aus dem eigenen Umfeld mag jedoch
niemand gern denken, denn sie
betrifft unter Umständen Menschen,
die einem lieb und teuer sind und
die man also nicht verletzen möchte.
Die Frage heute ist,
wie wichtig die eigene Scham und die
innere Sackgasse sein dürfen, wenn
man sieht, wie ein ganzes Volk
systematisch zu Grunde gerichtet
wird. Ob das Individuum es sich
leisten kann, seine persönlichen
ungelösten Konflikte in egoistischer
Weise zu verkennen und zu
verdrängen. Wer hier behauptet, er
selbst zähle nicht, nur ein
abstraktes Ganzes zähle, der beraubt
sich selbst der Mittel, die nötig
sind, um klar zu argumentieren und
einen deutlichen Standpunkt zu
vertreten. Die Gemeinschaft ist
sicherlich mehr als die Summe seiner
Individuen und doch kann eine
Gesellschaft ohne freie, nicht
unterdrückte Individuen niemals zu
einer Gemeinschaft werden und
niemals kollektive Freiheit
erreichen können.
(13.09.2005)
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Anis Hamadehs
Kolumne (3)
Das strukturelle Tabu
02.09.2005
In den letzten Jahren ist die Diskrepanz
zwischen Internet-Nachrichten und
frontalen Medien bezüglich der
Menschenrechte deutlicher geworden,
besonders was die Lage in Palästina und
Israel anbelangt. Genauer gesagt: Die
meisten Nachrichten aus Palästina kommen
beim westlichen Fernsehzuschauer erst
gar nicht an. Daher bleibt eine
allgemeine Empörung über die
kontinuierliche und tägliche
Gewaltpolitik in unseren
Öffentlichkeiten aus.
Unabhängig von den Taten des Staates
Israel gilt in Deutschland eine
unbedingte Solidarität mit dem so
genannten Judenstaat. Weil Deutschland
den Genozid an den Juden verübt hat, so
die Logik, müsse Gefühlen von Juden nun
unreflektiert entsprochen werden. Man
könnte es eine rassistische Umkehrung
nennen: aus Antisemitismus wurde
Philosemitismus. Wenn „der Jude“ nicht
böse ist, dann müsse er wohl gut sein.
Warum aber ist es rassistisch, wenn „der
Jude“ geliebt wird? Eben deshalb: Er
bleibt „der Jude“, ein Stereotyp, dem
das Menschliche abgeht. Wäre er Mensch,
müsste er zum Beispiel Gesetze beachten.
Israel muss weder Menschenrechte
beachten noch internationales Recht, um
hoch geschätzt zu werden und Gelder und
Waffen zu erhalten. Der Krieg, den
Israel führt, wird nicht hinterfragt,
nicht einmal wahrgenommen. Israel ist
eine Glaubensfrage und hat mit Fakten
nichts zu tun, außer dem Faktum des
Genozids.
Was aus einer unbedingten Solidarität
mit Staaten und Autoritätspersonen
werden kann, wissen wir in Deutschland
recht gut. Warum lernen wir nicht
daraus? Warum wiederholen wir es? Mit
Vernunft kann das nicht erklärt werden,
daher ist es angebracht, nach
tiefenpsychologischen Gründen zu suchen.
Das Klammern am idealisierten Israel hat
eine parallele Struktur zur kindlichen
Idealisierung von Vater und Mutter, die
sich im Erwachsenenalter meistens
unkritisch fortsetzt. Ohne diesen
Archetyp der unbedingten Gefolgschaft
könnte es kein solches Israel geben.
Auch in der palästinensischen
Gesellschaft besteht dieses
Idealisierungsprinzip, was sich in
autoritären Strukturen äußert. Freilich
wird es dort nicht auf Israel
projiziert. Militärisch ist Palästina
irrelevant. Die palästinensische
Regierung hat keine Vertreibungen
begangen, keine Besatzung verursacht,
sie ist nicht bis zu den Zähnen
hochgerüstet, hat keine Atomwaffen, sie
baut keine Mauern auf fremdem
Territorium, sie entwurzelt keine Bäume
und beschießt keine Bürger. Sie hat
keine Armee und keine ethnozentrischen
Gesetze. Das ist ein
gravierender Unterschied.
Das Israel-Tabu ist strukturell das
Eltern-Tabu. Es ist das USA-Tabu, das
Gottes-Tabu, das Lehrer-Tabu, das
Chef-Tabu und das damalige Hitler-Tabu.
Es ist die – meist unbewusste -
Idealisierung einer Obrigkeit. Nur weil
es diese Struktur in unseren
Gesellschaften gibt, ist es möglich,
dass die Menschenrechte und das
internationale Recht in der Welt nicht
greifen können. Denn in diesem
strukturellen Tabu steht Solidarität
höher als Recht, bzw. was Recht ist,
bestimmt die Obrigkeit. Dies gilt es in
aller Deutlichkeit bewusst zu machen,
um aus dem Teufelskreis der Gewalt zu
entkommen.
(Anis
Online)
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Anis Hamadehs
Kolumne (2)
Alarm in St. Pauli
28.08.2005
Alarm in St. Pauli und Altona.
Drei arabisch sprechende
Tschetschenen wollten den
Folgetag als "Helden vor Gott"
erleben, einer von ihnen trug
einen Rucksack. In dieser Art
hat es ein arabischer
Muttersprachler zufällig
mitgehört und die Polizei hat es
dann der Presse erzählt. Oder
war es alles nur Blödsinn? So
hat es sich wohl schließlich
herausgestellt. Von Terror war
jedenfalls heute nicht mehr die
Rede, auch wenn Herr Beckstein
schnell genug die Gelegenheit
genutzt hat, um ein
Bedrohungsszenario zu beteuern,
als wäre das notwendig.
Die Hamburger haben sich Mühe
gegeben: Immerhin spricht man
von der größten Fahndung der
Nachkriegszeit in Hamburg.
Innensenator Nagel hat 1.100
Polizisten 18 Stunden lang
großfahnden lassen, wobei unter
Anderem 255 Personen geprüft
wurden. Herr Nagel führte an, es
sei nach dem Londoner Terror
eine besondere Sensibilisierung
eingetreten. (Andere, z.B. Peter
Scholl-Latour, werten es als
Hysterie.)
Diese in Großbritannien deutlich
zu beobachtende Sensibilisierung
hat kürzlich der 27-jährige Jean
Charles de Menezes zu spüren
bekommen, der wegen eines nicht
begründeten Terrorverdachts mit
acht Kugeln von Scotland Yard
totgeschossen wurde. Der
Londoner Polizeichef Blair hat
sein Bestes getan und doch ist
es so gekommen. Die Frage mag
also erlaubt werden, wonach
genau in Hamburg eigentlich so
aufwändig gesucht wurde.
In der taz wird kolportiert,
dass die Polizisten „arabisch
aussehende“ Personen überprüft
haben. Wie sieht man arabisch
aus? Geht es um Hautfarbe oder
Gesichtsabmessungen? Um Mimik,
Bartwuchs? Was, wenn die Beamten
an einen Pakistani geraten oder
einen Iraner oder einen Israeli?
Zählen die auch mit? Sehr
verwirrend, vor allem, weil die
Basissituation mit Tschetschenen
besetzt ist, die miteinander
eine Fremdsprache sprechen.
(Warum wurde überhaupt die
tschetschenische Herkunft der
Männer genannt? Um den Verdacht
damit zu erhärten?)
Tja, sagen die Beamten, aber
„die Terroristen“ kommen nun
einmal aus dem
islamisch-arabischen Bereich. 90
bis 95 % der Muslime seien so
weit okay, meint unser
Innenminister, es gehe nur um
ein paar Extremisten. Und doch
werden allgemeine Vorurteile
geschürt, muslimisch-deutsche
Schulen mit Schließung bedroht,
Kopftücher werden zu
Hass-Objekten und ein Unwohlsein
gegenüber dem Islam ist zu
spüren, so, als gehöre er nicht
dazu, anders als das Christentum
und das Judentum.
Zweifellos gibt es an religiösen
Eiferern viel zu kritisieren,
wenn sie gewalttätig sind. Ein
solches Unwohlsein gegenüber der
Außenpolitik der USA, Israels,
Großbritanniens oder Russlands
(oder Deutschlands) ist hingegen
nicht zu spüren. Inwiefern sind
diese Politiken ursächlich für
Terrorismus? Warum wird diese
Frage in unserer Öffentlichkeit
nicht angemessen laut gestellt?
Die Kameras werden auf Moscheen
gerichtet, das Augenmerk (sicher
nicht zu Unrecht) auf veraltete
Strukturen in arabischen und
muslimischen Gesellschaften.
Aber eine gefährliche Ideologie
kann auch von dominanten Staaten
und Gesellschaften ausgehen, das
wissen wir in Deutschland
hinreichend.
Erst wenn dieser Zusammenhang
diskutiert wird, wird der
Terrorismus überwunden werden
können und nicht in offenen
Rassismus münden. Allein die
Botschaft der USA an den Irak
ist so widersprüchlich, dass
eine Relativierung der Ansichten
über Gewaltanwendung in den
Gesellschaften gar nicht
verwunderlich ist, wenn man
solch rechtswidrige Politik so
stehen lässt (was auch die
deutsche Öffentlichkeit
letztlich tut). Weitere
internationale Konstellationen
zeigen dieselbe Problematik:
Staatsgewalt wird gegen legitime
Autonomierechte und andere
Rechte angewandt. Als hätte es
nie einen Zweiten Weltkrieg
gegeben, als hätte es Hiroshima
nie gegeben, Palästina und
Tschetschenien. Dies ist das
zweite Gesicht des Terrorismus
und es zu ignorieren bedeutet,
sich der Situation nicht zu
stellen, sie zu verschieben und
sie also ungelöst zu lassen.
(Anis Online) |
Anis Hamadehs
Kolumne (1)
Zu:
FAZ, 20.08.05, S. 10
27.08.2005
In einem analytischen
Artikel über die
Strafbarkeit
nationalsozialistischer
Parolen resümiert Prof. Dr.
Friedrich-Christian
Schroeder (Regensburg):
„Offensichtlich ist die
Scham der deutschen
Öffentlichkeit über das vom
Nationalsozialismus
verursachte Unrecht
inzwischen so groß, dass
jede Äußerung, die eine
Erinnerung daran enthalten
könnte, auf allgemeine
Empörung stößt. (…) Es hat
den Anschein, dass die
deutsche Öffentlichkeit,
nachdem der
Nationalsozialismus nicht
mehr bestraft werden kann,
die allgemeine Ablehnung
umso stärker gegen seine
Symbole richtet.“ (FAZ,
20.08.05, S. 10)
Im Artikel wird
nachvollziehbar dargestellt,
wie die rechtliche Basis im
Umgang mit Nazi-Parolen und
-Symbolen und ähnlichem
aussieht, warum sie so ist,
wie sie ist und wie sie sich
dahin entwickelt hat. Mit
dem obigen Zitat endet die
aufschlussreiche Analyse.
Aber endet sie dort
wirklich? Immerhin ist davon
die Rede, dass die
öffentliche Scham
tendenziell größer wird und
dass Erinnerungen auf
Empörung stoßen. Ferner
enthält das Fazit einen
Hinweis darauf, dass es
einen Wunsch gibt, den
Nationalsozialismus zu
bestrafen, einen Wunsch, der
nicht mehr am Objekt erlebt
werden kann und sich daher
gegen etwas anderes
richtet.
Der zweite große Artikel auf
derselben Zeitungsseite, von
Peter Jochen Winters über
die Erinnerungswende mit den
Auschwitzprozessen
(1963-65), kann die erzeugte
Unruhe über den Beitrag
davor nicht überwinden. Er
bietet jedoch wertvolle
Hintergrundinformationen
darüber, wie lange sich die
deutsche Öffentlichkeit den
Tatsachen nicht stellen
wollte, nicht gestellt hat.
Aber welche Konsequenzen
haben diese Feststellungen,
wofür sind es Argumente?
Die Ergebnisse von Herrn
Schroeder und Herrn Winters
zeigen den Abstraktionsgrad,
den die Aufarbeitung der
Nazidiktatur in der
deutschen Öffentlichkeit
innehat. Sie belegen zudem,
dass eine tatsächliche
Aufarbeitung der
Geschehnisse in unbekannter
Zukunft liegt. Denn zu den
unbestreitbaren Folgen des
Zweiten Weltkriegs gehört
das rechtliche und
humanitäre Chaos in
Palästina und Israel,
welches andauert. Zu
gemeinsamen Werten wie den
Menschenrechten und der
Selbstverständlichkeit ihrer
Einhaltung hat die
Aufarbeitung also bislang
nicht gereicht.
Sicherlich gibt es weitere
unangenehme Folgen der
Diktatur. Viele verständige
deutsche Politiker weisen in
diesen Tagen darauf hin, wie
wichtig es sei, damit zu
beginnen, den Menschen
die Wahrheit zu sagen und
zuzumuten. Zum Beispiel die
Wahrheit über die
Finanzlage. Die Wahrheit
über die Folgen der
Globalisierung für den
Arbeitsmarkt. Über die
Folgen der
Rationalisierung für den
Arbeitsmarkt. Wenn man daran
gewöhnt ist, fundamentale
Dinge zu verdrängen (etwa
die eigene Geschichte), dann
spricht nichts dagegen, dass
alles Unbequeme sich mit der
Zeit als Habitus in diese
Nische schleicht, zu dem
anderen, dem Verwandten.
Zumindest wissen wir nun,
dass es in unserer
Öffentlichkeit einen durch
Schamgefühle
charakterisierten Zwang
gibt, den abstrakten und
unfassbaren
Nationalsozialismus anhand
von Ersatzobjekten zu
bestrafen, im Versuch, auf
diese Weise gewisse
unliebsame Erinnerungen zu
verdrängen. Als Ultima Ratio
kann dieses Ergebnis
vielleicht nicht betrachtet
werden, doch darf gehofft
werden, dass die Frankfurter
Allgemeine Zeitung weiter an
der Sache arbeitet und die
Bevölkerung über ihre
Resultate auf dem Laufenden
hält.
(Anis
Online)
Fortsetzung in "Das
strukturelle Tabu (2)" unter
http://www.anis-online.de/pages/_text3/0680_essay18.htm
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