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Der Nahe Osten
nahe dem Abgrund
Die USA:
berechtigtes Misstrauen, unangemessene Reaktion: Steht ein Iran-Krieg
kurz bevor?
Wer
bis dato der Ansicht war, die Bush-Administration würde keine zweite
Front eröffnen, solange sie tief im irakischen Sumpf verstrickt ist, der
wurde durch den Bericht von Seymour Hersh eines Besseren belehrt.
Hersh’s Artikel in „The New Yorker“ - wenn er tatsächlich stimmen sollte
– zieht auch einen Strich durch die Rechnung der Mullahs in Teheran,
deren Strategie zwei Alternativziele verfolgt. Demnach sollen die USA so
tief und verlustreich im Irak involviert sein, damit sie entweder
belehrt den Irak verlassen und es nicht mehr wagen, den größeren
Nachbarn anzugreifen. Oder die Vereinigten Staaten würden unermüdlich in
Mesopotamien bekämpft und beschäftigt werden, damit sie keine
Kapazitäten für einen risikoreicheren Waffengang gegen den Iran mehr
besitzen.
Der
Artikel von Seymour Hersh
Der
US-Starreporter schreibt in seinem Artikel in „The New Yorker“, geheime
US-Kommandos sollen im vergangenem Sommer mit pakistanischer
Unterstützung in den Iran eingedrungen sein und dort iranische
Nuklearanlagen und wichtige Militärbasen ausgespäht haben. Diese Ziele
sollen im Falle eines Militärschlages zerstört werden. Nach Hersh’s
Informantenaussagen, die allesamt zuverlässige hochrangige
Sicherheitspersönlichkeiten mit sehr engen Verbindungen zum Pentagon
sein sollen - namentlich aber nicht genannt werden -soll der Iran (nach
dem Irak) als nächstes „strategic target“ bereits feststehen. In diesem
Kontext und um die Hoheitskontrolle des Kongresses zu umgehen, habe
Präsident Bush den Einsatz im Iran als Akt der Kriegsführung angeordnet
und die Planung- und Durchführungsbefugnisse dem Pentagon zugewiesen.
Der Iran-Einsatz wurde somit den drei Männern vom Pentagon unterstellt,
die allem Anschein nach im Begriffe sind, die zweite Amtszeit des
Präsidenten für die finale Säuberung des Nahen Ostens von „trouble
states“ zu nutzen. Donald Rumsfeld, Paul Wolfowitz und der
Staatssekretär im Verteidigungsministerium Douglas Feith, deren
Aufwertung mit dem Entmachtungsprozess der CIA einhergeht, sollen laut
Hersh vom Erfolg eines US-Angriffes auf den Iran überzeugt sein. Glaubt
man dem Hersh-Bericht, so rechnet das Pentagon-Trio mit einem
Zusammenbruch des Mullah-Regimes nach einer amerikanischen Intervention,
wie einst im Falle von kommunistischen Regimes in Osteuropa. So gesehen
sei das Endziel ein Regimewechsel in Teheran. Weil eine totale
Zerstörung der iranischen Atomanlagen aus der Luft nicht möglich sei,
erwägt Washington eine Invasion zu Land über den Irak, Afghanistan oder
Zentralasien. Für Hersh’s Glaubwürdigkeit spricht einiges: Zum einen
gilt der Journalist nicht als Faktenerfinder und Spinner, sondern als
ein zuverlässiger Rechercheur. Er lag zwar ein Mal daneben, als er den
US-Medien einen Erpressungsbrief Marilyn Monroes an J. F. Kennedy
verkaufen wollte - der Brief erwies sich als gefälscht - doch gehen
einige Aufsehen erregende Aufdeckungen und Enthüllungen auf sein Konto.
Zuletzt sorgte er mit der Aufdeckung des Folterskandals im irakischen
Gefängnis Abu Ghuraib für weltweites Aufsehen. Zweitens dementierte das
Weiße Haus Hersh’s Report nur sehr mild. Der Präsidentenberater Dan
Bartlett sprach von „Ungenauigkeiten“ in dem Bericht. Mit der Äußerung,
kein Präsident habe indessen jemals eine militärische Option
ausgeschlossen, lieferte Bartlett eine indirekte Bestätigung für Hersh’s
Behauptungen.
Mögliche
Folgen eines Iran-Feldzuges
Zweifellos werden
die US-Streitkräfte jeder Zeit in der Lage sein, an mehreren Fronten
Kriege zu führen. Amerika hat das Potenzial. Die Vereinigten Staaten
haben die geballte Macht ihrer Kriegsmaschinerie mehrmals und
eindrucksvoll unter Beweis gestellt, in Ex-Jugoslawien, in Afghanistan
und im Irak. Rein militärisch bliebe Teheran chancenlos. Doch mehrere
Gründe sprechen dafür, dass ein Iran-Krieg sehr risikoreich sein und
scheitern könnte:
- Der
Siebzig-Millionen-Einwohnerstaat Iran ist nicht der Irak. Bis auf die
beiden Nuklearreaktoren in Bushehr im Südwesten Irans, die auf offenem
und freiem Gelände stehen, sind fast alle anderen Anlagen und
Forschungszentren direkt an den Städten oder mitten in den Städten, wie
das potenzielle Testzentrum in Lavizan / Teheran. Ein Luftangriff würde
allem Anschein nach die Zivilbevölkerung in Mitleidenschaft ziehen. Und
spätestens wenn die junge Amerika und dem Westen freundlich gesinnte
iranische Generation einige dieser Luftbombardements abbekommt, könnte
sich Rumsfelds und Wolfowitzs Kalkül -Aufruhr der iranischen Bevölkerung
gegen die Mullahs - als voreilig erweisen.
- Um Irans
Atomanlagen zerstören zu können, muss zuvor die gesamte iranische
Luftabwehr außer Gefecht gesetzt werden, eine machbare Aufgabe für die
übermächtige US-Luftwaffe. Doch dies würde einen flächendeckenden
Einsatz im gesamtiranischen Luftraum erfordern, der einen großangelegten
Krieg bedeuten könnte.
- Sollten
Bodentruppen in den Iran vorstoßen, um Irans Atomanlagen und
Militärbasen zu vernichten, die aus der Luft nicht anzugreifen sind
(unterirdische Anlagen), so müssten sich die USA auf ein langes
Unternehmen im Iran gefasst machen.
- Ein Feldzug
gegen den Iran würde zumindest die arabischen Straßen auf die Seite der
Mullahs bringen. Amerika freundliche arabische Regierungen könnten in
einen desolaten und instabilen Zustand geraten. Der ohnehin stark
vorhandene Anti-Amerikanismus und Anti-Israelismus würde enorm steigen,
US-Bürger und Israelis würden sich in der ganzen Region nicht mehr
sicher fühlen können.
- Anderes als die
Vereinigten Staaten, die über eine strategische Tiefe verfügen (der Iran
kann nicht direkt US-Territorien angreifen), bleibt Israel verwundbar.
Irans „Shahab“-Mittelstreckenraketen mit 1300 bis 1500 km Reichweite
können ganz Israel erreichen. Zudem könnte die im Irak stationierte
140.000 Mann starke US-Truppe Ziel des Vergeltungsangriffes des Iran
werden. Ein Paradoxon des Irak-Krieges, denn mit der Irak-Besetzung
haben die Amerikaner die Umzingelung der Mullahs perfekt gemacht.
- Der Ölpreis
würde über Nacht immens steigen. Teheran könnte obendrein und im Falle
eines umfassenden Krieges die Straße von Hormoz sperren und somit die
Ölversorgung des Energieweltmarktes um 40% verringern. Das wäre für die
iranische Marine und die stationierten Militärs auf den
strategisch-militärisch wichtigen iranischen Kleininseln in der Straße
von Hormoz eine machbare Aufgabe.
- Die
berüchtigste Trumpfkarte Teherans bleibt das weltweite Netzwerk
radikal-islamistischer Gruppen und Milizen mit terroristischen Zügen.
Durch die schiitischen und auch sunnitischen Verbündeten im Irak und
Afghanistan wären die USA empfindlich verwundbar. Die Bandbreite des
islamistischen Netzwerkes reicht von Balkan bis zu Schwarzafrika. Eine
spürbare Aktivierung der libanesischen Hizbollah würde Israel gefährden
und obendrein Libanon und Syrien mit in ein gefährliches Spiel
hineinziehen, der nahe Osten am Rande des Abgrundes.
- Auf der
innenpolitischen Ebene würde ein Waffengang gegen den Iran die
tatsächlich vorhandene iranische Zivilgesellschaft - eine der stärksten
im Nahen Osten - um Jahre zurückwerfen. Denn in einem militarisierten
Klima würden die Hardliner endgültig die Oberhand gewinnen.
Schließlich
stellen US-Militärdrohungen gegen Teheran ein Messer in den Rücken der
EU dar, die emsig am Verhandlungstisch mit Irans Vertretern sitzen und
bislang nennenswerte Ergebnisse erzielen konnten.
Ein Iran-Krieg
könnte, wie gezeigt, verheerende regionale und globale Folgen haben.
Sollten die Ayatollahs einen möglichen US-Angriff überstehen, dürfte
sich „die Aura der Unbesiegbarkeit der Islamischen Republik“
(US-Verteidigungsministerium) festigen. Teheran würde sodann aus dem
Atomwaffensperrvertrag (NPT) aussteigen. Nach dem Ausstieg Nord-Koreas
2003 wäre der NPT nach einer eventuellen Kündigung seitens des Iran
nicht mehr zu retten. Noch sieht das Ganze wie ein Horrorszenario aus.
Der Starreporter Seymour Hersh glaubt fest an „The
Coming Wars“. Er stützt seinen Bericht auf ranghohe
Sicherheitsinformanten, die ihm
versicherten, die Bush-Administration
sehe die ganze Gegend als eine gewaltige Kriegszone, und in vier Jahren
wolle der Präsident den Krieg gegen den Terrorismus gewonnen haben.
„Washington will nicht den Fehler mit den
Massenvernichtungswaffen in Irak wiederholen“, zitiert Hersh einen
ehemaligen Geheimdienst-Mitarbeiter. Dieses Mal müsse die Beweisführung
stimmen und darum halten sich nun US-Ausspähkommandos im Iran auf. Die
designierte US-Außenministerin Condoleezza Rice setzte die verbalen
Attacken gegen den Iran scharf fort:
„Irgendwann muss der Iran für seine fehlende
Bereitschaft, seinen internationalen Verpflichtungen nachzukommen, zur
Rechenschaft gezogen werden.“ Rice, die vor dem Auswärtigen Ausschuss
des US-Senats sprach, bezeichnete den Iran als einen „Vorposten der
Tyrannei“. Währenddessen reagiert Teheran gelassen auf die US-Drohungen.
Irans Verteidigungsminister Ali Shamkhani bekräftigte die militärische
Fähigkeit seines Landes, sich gegen einen US-Angriff verteidigen zu
können. Der Sprecher des iranischen Außenministeriums Hamid-Raza Assefi
sagte, sein Land werde auf die Unterstützung
des Volkes, auf seine diplomatische Fähigkeiten und seine militärische
Stärke bauen.
Was es auch immer
mit Hersh’s Reportage auf sich haben mag und wenngleich einige Kreise,
darunter auch iranische Offizielle, das Ganze für ein Täuschungsmanöver
zwecks der Einschüchterung Irans halten (Pentagon habe Hersh diese
Informationen zugespielt), Fakt ist, dass die Neocons um Rumsfeld und
Wolfowitz ihre Kriegsgelüste unter Beweis gestellt haben. Relativ sicher
scheint auch, dass das Weiße Haus notfalls gewillt und imstande ist,
einen Waffengang gegen den Iran allein und ohne UN-Mandat durchzuführen.
Fakt ist auch, dass gegenwärtig ein einziger Staat im gesamten Nahen
Osten Bush’s Traum eines großen demokratischen Nahen Ostens entschieden
im Wege steht: die Islamische Republik Iran.
Dr. Behrouz Khosrozadeh, Göttingen, 19.Januar 2005
Dieser Artikel ist am 29.01.2005 in „Die Tagespost“ erschienen.
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