Auf dem Weg zur Atommacht?
Der Streit um Irans
Nuklearprogramm ist nicht zu Ende. Konservative iranische Politiker machen gegen
die Resolution der Atomenergiebehörde mobil. Eine Einschätzung aus iranischer Sicht von Behrouz Khosrozadeh.
Am 30. November 2004
stimmten die 35 Mitgliedsstaaten des IAEA-Gouverneursrats (International Atom
Energy Agency) einer Resolution zu, die den Verzicht des Irans auf Fortführung
seines Atomprogramms und insbesondere auf die Urananreicherung begrüsst. Die
IAEA-Resolution basierte auf langen Ver-handlungen der iranischen Vertreter mit
den EU-Aussenministern aus Deutschland, England und Frankreich (EU-Trio). Die
Urananreicherung steht im Mittelpunkt des seit 2003 andauernden Atomstreits
zwischen dem Iran einerseits und der EU sowie der IAEA andererseits.
Unter Druck der
Gemeinschaft
Nach zähen
Verhandlungen mit dem EU-Trio und der IAEA hatte Teheran gegenüber
IAEA-Generaldirektor El Baradei die Existenz eines seit 18 Jahren bestehenden
Atomprogramms eingeräumt und Inspektionen der IAEA zugelassen. Unter dem Druck
der internationalen Gemeinschaft unterzeichnete der Iran im Dezember 2003 das
Zusatzprotokoll zum Atomwaffensperrvertrag (Non-Proliferation-Treaty: NPT). Das
Zusatzprotokoll ermöglicht den IAEA-Inspekteuren, jederzeit jeden Ort des
betreffenden Staates unangemeldet zu inspizieren. Die Nachrichten über die
Versorgung der Mullahs mit atomtechnologischem Wissen und Material durch den
pakistanischen Nuklearwissenschaftler Abdul Qader Khan führten im Februar 2004
zu weiteren Spannungen zwischen Teheran und dem Westen. Nach langen
Verhandlungen mit dem EU-Trio lenkte Iran ein, setzte sein
Urananreicherungsprogramm am 22. November vorläufig aus und entsprach damit dem
am 25. November auslaufenden Ultimatum der IAEA. Im Ergebnis hatte dies die
eingangs erwähnte IAEA-Gouverneursratsresolution zur Folge, in der die
Aussetzung der Urananreicherung im Iran als «rechtlich nicht bindend» bestätigt
und zugleich als «vertrauensbildende Massnahme» begrüsst wird.
Reaktion der
Konservativen
Doch die Resolution
beunruhigte die Gemüter der konservativen Politiker in Iran. «Die Resolution des
Gouverneursrates entspricht nicht dem Willen des iranischen Parlamentes», sagte
Parlamentspräsident Gholam Ali Hadad-Adel am 1. Dezember, einen Tag nach der
Verabschiedung der Resolution. Er betonte, dass die zivile Nutzung von
Nukleartechnologie sowie die dafür notwen- dige Urananreicherung unverzichtbare
Rechte der iranischen Nation seien und der Majlis (das Parlament) sich keinem
Druck beugen werde. Gemäss der Verfassung der Islamischen Republik muss das im
Dezember 2003 unterzeichnete Zusatzprotokoll vom iranischen Parlament
ratifiziert werden. Zahlreiche Parlamentarier des von den Konservativen
dominierten Majlis haben bereits ihren Widerstand angekündigt.
Verschwörungstheoretiker der Reformgegner sehen die USA und Europa bereits im
selben Boot sitzen. «Europa hat mit der Pariser Vereinbarung sein wahres Gesicht
gezeigt», titelte die konservative Zeitung «Keyhan» am 24. November. Der
ehemalige iranische Parlaments- und Staatspräsident Hashmi Rafsanjani äusserte
ebenfalls Bedauern über die IAEA-Resolution. Rafsanjani, Vorsitzender des
mächtigen Rates zur Feststellung der nationalen Interessen des Irans, sagte,
dass Teheran erwarte, in den Kreis der Staaten aufgenommen zu werden, dem
Atomtechnologie zur Verfügung stehe. Bei der Lektüre der konservativen
iranischen Medien, welche die mächtigen Schlüsselorgane des Landes vertreten,
fällt sehr schnell auf, dass diese eine europäisch-amerikanische Verschwörung
gegen den Gottesstaat wittern. Die Zeitung «Islamische Republik» schreibt in
ihrem Leitartikel am 30. November: «Die Europäer haben uns in eine Falle
gelockt. Wir dürfen uns dem US-europäischen Druck und ihren Drohungen nicht
beugen.» Das Blatt mahnt die Parlamentarier, dem NPT-Zusatzprotokoll nicht
zuzustimmen. Die Zeitung kritisiert die Resolution, die zwar Irans Suspendierung
seiner Urananreicherung als freiwillige, rechtlich nicht bindende Massnahme
deklariert, im selben ersten Artikel jedoch gleichzeitig «eine volle und
langfristige Durchsetzung dieser Suspendierung» verlangt. Ebenso könne von einer
Normalisierung der Nuklearakte des Irans bei der IAEA keineswegs die Rede sein,
da im letzten Artikel El Baradei aufgefordert werde, das Ergebnis seiner
Iran-Untersuchungen dem Gouverneursrat zu berichten. So kann der Generaldirektor
die Akte Irans jederzeit auf die IAEA-Tagesordnung setzen.
Mullahs sind
beunruhigt
Obschon im ersten
Artikel der Resolution von freiwilligen, rechtlich nicht bindenden Massnahmen
des Irans zur Aussetzung der Urananreicherung die Rede ist, wird die
Suspendierung im selben Artikel als vollständig und langfristig festgeschrieben.
Die Zeitungen «Keyhan» und «Islamische Republik» sowie führende konservative
Geistliche und Politiker fürchten, dass die EU und die USA auf Zeitgewinn
bedacht sind, um den Gottesstaat mittels technisch-juristischer Tricks vor
vollendete Tatsachen zu stellen. Auf der offiziellen IAEA-Website wird für Ende
Februar 2005 die Tagung eines 23-köpfigen Expertenteams aus mehreren
Mitgliedsstaaten unter Leitung des ehemaligen IAEA-Vizegeneraldirektors Bruno
Pellaud angekündigt. Diese Expertengruppe wird unter dem Titel «Multilateral
Nuclear Approaches» (MNA) den Atomwaffensperrvertrag einer Revision unterziehen.
Diese Revision betrifft auch die Modalitäten der Aneignung von nuklearem
Brennstoff sowie des atomaren Brennstoffkreislaufes. Artikel vier des NPT
schreibt das Recht der Mitgliedsstaaten auf Aneignung ziviler nuklearer
Technologie fest, welches das Betreiben eines atomaren Brennstoffkreislaufes
einschliesst. Nun fürchten die Mullahs, dass, während die Verhandlungen mit dem
EU-Trio ab Mitte Dezember weiterlaufen - gedacht ist an 3-monatige Verhandlungen
-, die EU und die USA Ende Februar über den MNA-Expertenentwurf und dessen
Bestätigung durch die IAEA den NPT revidieren und Teheran mit vollendeten
Tatsachen konfrontieren. Die IAEA könnte Iran jener Staatengruppe zuordnen, die
ihren nuklearen Brennstoffkreislauf noch nicht aktiviert haben, denn der Iran
suspendierte bereits seine Urananreicherung. Dem Gottesstaat würde sodann die
Aktivierung seines Brennstoffkreislaufes für immer verboten werden.
«Morgen kann es zu
spät sein»
Diese Furcht der
Mullahs ist nicht ganz unbegründet. Artikel neun des 1970 in Kraft getretenen
NPT schreibt fest, dass Staaten, die vor Januar 1967 Atomtechnologie und
Technologie zur atomaren Waffenproduktion besassen, aber bis zu diesem Zeitpunkt
keinen Atomtest durchgeführt haben, kein Recht auf Besitz von Atomwaffen haben.
So blieb es bei fünf Atommächten (USA, Sowjetunion, England, Frankreich und
China). Teheran fürchtet nun, dass die IAEA im Gefolge einer Veränderung des NPT
den Besitz eines nuklearen Brennstoffkreislaufes jenen Staaten verbietet, die
bis dato ihren nuklearen Brennstoffkreislauf noch nicht aktiviert haben. Ein
Leitartikel der «Islamischen Republik» warnt die iranischen Verantwortlichen
davor, in diese «Zeitfalle» zu tappen, und fordert sie auf, den nuklearen
Brennstoffkreislauf für die «zivile Nutzung» zu aktivieren, bevor es zu spät
sei. «Morgen kann es zu spät sein», titelte ebenfalls die grosse Zeitung «Keyhan»
in ihrer Ausgabe vom 22. November. Die beängstigende Reaktion auf diese ernst zu
nehmenden Warnungen liess nicht lange auf sich warten. Irans Chefunterhändler
Hassan Rowhani, der zugleich Generalsekretär des Obersten Nationalen
Sicherheitsrates des Irans ist, erklärte nur einen Tag nach dem
Resolutionsbeschluss, der Verzicht sei vorübergehend. «Wir sprechen von Monaten,
nicht von Jahren.» Sein Land werde die vereinbarte Suspendierung der
Urananreicherung nur für die Zeit der Verhandlungen mit den Europäern über eine
engere politisch-ökonomische und nukleartechnologische Zusammenarbeit
aufrechterhalten. «Falls die Verhandlungen keinen Erfolg zeigen, wird es keine
Art von Aussetzung geben.» Im Bemühen, die Gemüter der iranischen Konservativen
zu beruhigen, betonte er, der Iran werde seine Versuche nicht aufgeben, den
nuklearen Brennstoffkreislauf zu beherrschen, und dabei fürchte man niemanden.
Sicherheitspolitische Ängste Irans
Die Befürchtungen der
Ayatollahs entspringen nicht nur einem ideologisch-religiösen oder
aggressiv-militärischen Kalkül. In der benachbarten Atommacht Pakistan erstarkt
der Wahhabismus, der den Schiiten feindlich gesinnt ist; Iran ist von US-Truppen
nahezu lückenlos umzingelt, und schliesslich besteht eine Machtasymmetrie
zwischen der Atommacht Israel und anderen Staaten der Region - angesichts dieser
Situation kann es sich keine Regierung in Teheran - ob islamisch oder
laizistisch - leisten, dieses Ungleichgewicht einfach hinzunehmen. Die USA und
die EU könnten den Mullahs den Wind aus den Segeln nehmen. Der Westen sollte
signalisieren, dass er die tieferen Konfliktgründe, also Irans
sicherheitspolitische Ängste, ernst nimmt und sie anerkennt. Die Zusicherung des
Nichtangriffes seitens der USA, die Aufgabe des seit 1980 bestehenden
US-Embargos und eine Zusammenarbeit mit Teheran auf zivil-nuklearer Basis
könnten diesen Konflikt, der den Weltfrieden gefährdet, in die Verhandlungsbahn
lenken.
«In die nächste Phase
eintreten»
Der Streit zwischen
der EU und Iran über das Atomprogramm Teherans dauert seit Monaten an.
Vergangenen Montag haben sich Vertreter beider Seiten in Brüssel zu Gesprächen
getroffen, um die noch offenen Fragen eines langfristigen Abkommens zu klären.
Der britische Aussenminister Jack Straw sagte, es müsse objektive Garantien
dafür geben, dass das iranische Atomprogramm ausschliesslich friedlichen Zwecken
diene. Teheran hatte Anfang Dezember auf internationalen Druck die Anreicherung
von Uran ausgesetzt. Straw sagte weiter: «Wir können jetzt in die nächste Phase
eintreten.» (ap) |