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Ein Stück Aufklärung
Das Juden-Problem kein islamisches und iranisches
Problem
Juden im Iran - Der iranische Staatspräsident
Mahmoud Ahmadinedschad hat kurz nach seinem
Amtsantritt die Leugnung des Holocaust zur
Untermauerung der Ablehnung der Existenzberechtigung
Israels zu einer zentralen Säule seiner Außenpolitik
gemacht. Zwar beteuert Ahmadinedschad, dass nicht
das Judentum sondern der Staat Israel das heikle
Problem der Muslime ist, doch weil der Holocaust vor
der Staatsgründung Israels geschehen ist,
stigmatisiert er automatisch die Juden als Betrüger,
Heuchler und Fälscher. Ist „das Judenproblem“ ein
islamisches und „persisches Problem“, fragt sich der
Chefredaktor der moderaten iranischen Tageszeitung „Sharq“
Mahmoud Ghoochani. Ghoochani greift auf die
historischen Beziehungen zwischen Islam und Juden
bzw. Persern und Juden zurück, um Mahmoud
Ahmadinedschads Verleugnung des Holocaust
diplomatisch und geschickt zu widerlegen (Sharq
01.03.2006). Ein Blick auf diese Historie, weit
umfassender als Ghoochanis Ausführungen, soll hier
als ein Versuch zur Erhellung dieser Problematik
dienen.
Die Beziehung zwischen Muslime und Juden
Für die klassische Lehre des Islams gelten die
Völker des Buches (ahl al-kitab, also die Christen
und Juden) als „geschützte Minderheiten (dimmis).
Der Koran erkennt alle Propheten, von Adam bis
Khatam (Mohammad) als Propheten gleich an. In ihm
befinden sich sowohl christen- und judenfreundliche
als auch -feindliche Verse.
Die Rechtsvorschriften, die das Leben des jüdischen
Volkes unter Herrschaft der Muslime regelten, waren
im „Pakt des Omar“, des 2. Kalif nach dem Tod
Mohammads, festgehalten. Diese Vorschriften
beinhalteten Restriktionen. Der Historiker Mark R.
Cohen von der Princeton University vertritt die
Ansicht, dass diese Restriktionen eher dem Schutz
der Identität muslimischer Eroberer als die
Unterdrückung religiöser Minderheiten dienten. Gegen
Ende des 1. islamischen Jahrhunderts wurden diese
Restriktionen verschärft und die Juden mussten eine
strenge Kleiderordnung einhalten und sich den
Muslimen gegenüber absolut loyal verhalten. Dafür
erhielten sie gegen eine jährliche Kopfsteuer (jizya)
eine gewisse Religionsfreiheit und den Schutz von
Person und Eigentum gewährleistet. Diese
Einschränkungen wurden aber später nur sporadisch
praktiziert. Den Juden und Christen war erlaubt,
ungehindert Synagogen und Kirchen zu bauen und ihre
religiösen Rituale zu praktizieren. Die Juden im
Islam waren im Hoch- und Spätmittelalter, anderes
als in der christlichen Welt, gut in das
wirtschaftliche Leben der Gesellschaft integriert,
wie die beiden Religionshistoriker Cohen und Lewis
berichten. Während die dimmis unter dem Schutz der
Muslime (als Bürger 2. Klasse) standen, brach der
Prozess der „Endlösung“ der Juden im Katholizismus
des Mittelalters an, Zwangskonversation, Massaker
und Vertreibung inbegriffen.
Unter der Herrschaft der türkischen Osmanen wurde
den dimmis im Vergleich zu den im Christentum
lebenden Minderheiten weitgehend Toleranz
entgegengebracht. Renommierte Historiker heben die
gegenseitige Beeinflussung der beiden Religionen
(Judentum und Islam) hervor. Der Rabbiner und
Reformdenker der jüdischen Gemeinde Abraham Geiger
stellte in seinem berühmten Buch, „Was hat Mohammad
aus dem Judentum aufgenommen?“ bestimmte biblische
und rabbinische Elemente in islamischen Texten fest.
Manch andere Wissenschaftler gingen gar soweit, zu
behaupten, der Prophet habe jüdische Lehrer und
Erzieher gehabt.
Seit Ende des 19. Jahrhunderts und insbesondere seit
der Gründung des Staates Israel hat der Islam einige
Charakteristika des europäischen Antisemitismus
übernommen. Laut Brown waren es die christlichen
Araber, die im 19. Jahrhundert den Grundstein für
den Antisemitismus im Nahen Osten gelegt haben. Die
heutigen Fundamentalisten und auch muslimische
Traditionalisten weisen auf die judenfeindlichen
Verse im Koran hin, die jedoch Jahrhunderte lang
zuvor keinen besonderen Einfluss auf die Behandlung
der Juden unter islamischer Herrschaft hatten. Der
Antisemitismus unter den Muslimen, der heute seinen
Höhepunkt erreicht hat, ist in dieser Form eine
bedauerliche Entwicklung in der Geschichte der
jüdisch-islamischen Zivilisation. Im schiitischen
Islam haben Ayatollahs und insbesondere Ayatollah
Khomeini die Animosität gegenüber den Juden unter
den Iranern zu steigern versucht. Diese Entwicklung
läuft konträr zu der historisch weitgehend guten
Beziehung zwischen Persern und Juden.
Die Beziehung zwischen Persern und Juden
Schon der Geist des altpersischen Zorastrismus soll
das Judentum beeinflusst haben. Die Idee des bösen
Geistes im Zorastrismus entspricht der Gestalt des
Satans im Judentum, so der Theologe Holger Nielen.
Auch die Idee der Prophezeiung vom Weltende stimmt
mit der zoroastrischen Lehre vom Ende der Tage
überein.
Die Anfänge der Begegnung zwischen Juden und Persern
geht zurück auf 539/538 v. Chr., als der Begründer
der persischen Achämeniden, König Kyros, Babylon
eroberte und die Juden von ihrer Unterdrückung
befreite. Per Dekret erlaubte Kyros die Rückkehr der
Juden in ihre Heimat und gab ihnen die von Babylon
geraubten Wertgegenstände wieder zurück. Unter Kyros
durften die Juden ihren zerstörten Tempel wieder
aufbauen, finanziert vom Fiskus des persischen
Reichs. In Jesaja wird Kyros der Gesandte des Herrn
genannt. Unter Artaxerxes wurde Nehemia als
Wiederaufbaukommissar nach Judäa geschickt und es
gelang ihm, Judäa zu einem eigenständigen Gebiet zu
machen. Am Hofe der Perser waren Juden als
Schreiber, Händler und oder Verwalter tätig.
Schon im 7. Jahrhundert gab es in Persien zahlreiche
jüdische Gemeinden. Im 12. Jahrhundert n. Chr. gab
es große jüdische Gemeinden in persischen Städten
wie in Isfahan und Hamadan. In Hamadan allein soll
die Gemeinde aus 50.000 Juden bestanden haben. Die
Salamonlegende soll mit Isfahan verknüpft sein. Der
jüdische König soll mit seinem Minister die
persische Wüste durchstreift und in einer Oase, die
ihm sehr gefiel, die Stadt Isfahan erbaut haben, so
Mark Wischnizer in einem Bericht aus dem Jahre 1935.
Später wurde Isfahan zum geistigen Zentrum der Juden
im Persien, wenngleich die jüdischen Bewohner
einiger anderer Städte, wie Hamadan, weniger
glücklich waren. Unter den Safawiden und mit der
Entstehung des schiitischen Klerus ging allmählich
der Stern der Glückseeligkeit der Juden in Persien
unter. Die schiitische Geistlichkeit erklärte die
Juden für unrein im kultischen Sinne. Ihnen wurden
strenge Repressalien auferlegt. Sie durften nur in
bestimmten Stadtvierteln wohnen, die Häuser der
Muslime nicht betreten und die Schiiten aufgrund
ihrer Unreinheit nicht berühren. Ab Mitte des 19.
Jahrhunderts und mit dem steigenden Einfluss des
Westens verbesserte sich allmählich die Lage der
Juden in Persien. Jüdische Kaufleute, Ärzte und
Händler kamen nach Persien. Unter Reza Schah, dem
Begründer der Pahlawi-Dynastie und seinem Sohn,
Mohammad Reza Pahlawi, hatten die Juden ihre
Blütezeit. Ende der 70er Jahre lebten im Iran mehr
als 100.000 Juden. Seit dem Sturz der Monarchie im
Februar 1979 werden die Juden, insbesondere in der
ersten Dekade der Islamischen Republik, enorm
unterdrückt. Ayatollah Khomeini erklärte die Juden
zu den 11 Dingen, die unrein sind, neben Hunden,
Schweinen und Alkohol. Heute leben weniger als
25.000 Juden im Iran.
Seit dem Amtsantritt des Präsidenten Mahmoud
Ahmadinedschad und seinen martialischen
antiisraelischen Reden haben sich die Beziehungen
zwischen Iran und Juden im In- und Ausland noch
weiter verschlechtert.
Dem eingangs zitierten Chefredakteur der moderaten
iranischen Zeitung gelingt es meisterhaft, die
Repressalien des Regimes im Bereich der
Pressefreiheit zu umgehen und sein Blatt zum
Sprachrohr der Aufklärung im Gottesstaat zu machen.
Ghoochani unterstellt Ahmadinedschad eine
gefährliche Strategie hinsichtlich seiner
Holocaustkampagne. Er versuche, aus dem iranischen
Nuklearstreit einen Streit um Israel zu machen.
Ghoochani hebt hervor, das „Judenproblem“ sei nie
ein islamisches bzw. iranisches Problem gewesen. Es
sei, in seiner modernen Form, ein
europäisch-christliches Problem. Die klassische
Mehrheitsdemokratie wurde nach der historisch
schrecklichen Erfahrung mit Holocaust mit der
verfassungsrechtlichen Verankerung der
Minderheitenrechte im modernen Zeitalter
komplettiert. Die Unterstützung des Westens für den
Staat Israel und die Verdammung des Holocaust sei im
Kontext der brutalen Judenverfolgung seitens der
Christen und Europäer zu verstehen. Ester, die
persische Königen sei eine Jüdin gewesen. Und die
Juden wurden von den christlichen Römern als Agenten
der Perser verfolgt. Die Muslime hätten nach dem
Sieg über die Kreuzzügler Jerusalem zu einem
sicheren Ort für Muslime, Christen und Juden
gemacht. Antisemitismus sei dem Wesen des Islam und
des Persertums fremd und sei ebenfalls nicht im
Interesse der Muslime und Iraner. Ghoochani
kritisiert Ahmadinedschad, sich indirekt auf die
Seite der verhasten Parteien im Westen
(Neo-Faschisten und Neo-Nazis) gestellt und somit
das Ansehen des Altkulturlandes Iran geschadet zu
haben. Laut welchem Dokument wollen wir den
Holocaust leugnen, fragt Ghoochani. Ghoochani
erinnert Ahmadinedschad daran, dass kein
schiitischer Geistliche von der Leugnung des
Holocausts gesprochen habe.
In der Tat wollen die Machthaber in Teheran ein
„Problem“ lösen, das nicht ihr Problem ist, so kann
man die Ausführungen Ghoochanis zu Ende
kommentieren. Der palästinensische Chefunterhändler
kritisierte indirekt Ahmadinedschad mit den Worten:
Helfen Sie mit, einen palästinensischen Staat
aufzubauen, statt die Tilgung des Staates Israel zu
propagieren.
Ghoochani steht, und das ist ein erfreulicher Trost,
mit seinen Ansichten nicht alleine im Iran.
Zahlreiche Intellektuelle, sämtliche
reformorientierten Kräften und Persönlichkeiten wie
auch Teile der moderaten Geistlichkeit teilen seine
Positionen.
Von Dr. B. Khosrozadeh für INN
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