|
Hirntod des arabischen Nationalismus: Der Letzte macht die
Maschinen aus!
DT vom 31.01.2006
Wie erklärt sich der Wahlsieg der Hamas und welche
Szenarien sind nun denkbar? Der Westen, das wird immer deutlicher, hat ein
grundsätzliches Problem: Er kämpft für Demokratie im Nahen Osten. Doch was tun,
wenn dann bei demokratischen Wahlen die Islamisten gewinnen? Ein
Diskussionsbeitrag.
Viel ist bereits gesagt und
geschrieben worden über den Sieg der Hamas in den palästinensischen
Autonomiegebieten. Die Wahlen in Palästina müssen jedoch im lokalen und
regionalen Kontext interpretiert werden, damit ihre Reichweite tatsächlich
verstanden wird. Der Sieg der Hamas setzt eine Reihe von Wahlsiegen fort, die
islamistische Organisationen in arabischen Ländern errungen haben, von Marokko,
Ägypten über den Libanon, Irak bis Palästina. Ein qualitativer Unterschied ist
jedoch, dass Hamas eine absolute Mehrheit erreicht hat und Fatah, das Symbol des
nationalen Befreiungskampfes, in die Schranken verwiesen wurde. Alle Beteiligten
brauchen Zeit, bis sie tatsächlich die Bedeutung dieses Wahlausganges
einschätzen können. Denn obwohl Experten mit diesem Wahlausgang gerechnet haben,
versuchten die Beteiligten vor Ort, die Bedeutung der Hamas herunterzuspielen.
Man ging davon aus, dass Hamas höchstens mit einigen Abgeordneten im
palästinensischen Parlament vertreten sein werde, als Opposition. Nun regiert
Hamas mit absoluter Mehrheit. Ein Novum mit vielen Risiken für alle Betroffenen
im Nahen Osten. Aus arabischer Perspektive stellt sich die Frage, ob der Westen
seine Demokratisierungsstrategie für den Nahen Osten, die er seit dem 11.
September betont, aus Furcht vor den Islamisten überdenken wird. Es steht dabei
nicht nur die politische und moralische Glaubwürdigkeit des Westens auf dem
Spiel, vielmehr könnte die Demokratiebewegung im Nahen Osten nachhaltig
beschädigt werden. Eine Abkehr von eigenen Maximen würde den ohnehin
existierenden antiwestlichen Hass in der islamischen Welt in nicht abschätzbarer
Intensität steigern. Allerdings befindet sich der Westen in einer ambivalenten
Situation. Denn der Wahlsieg der Hamas bedeutet, dass die verbale
"Tilgungsdrohungen" gegen Israel nicht mehr vom über 2 000 Kilometer entfernten
Iran kommen, sondern aus unmittelbarer Nähe. Erneut mischen die Palästinenser
die Karten im Nahen Osten und verteilen sie anders, als es den meisten
politischen Akteuren dort lieb sein kann. Selbst für Hamas kann sich der
Wahlsieg aber in einen Fluch verwandeln. Das wird dann der Fall sein, wenn die
Terrortruppe ihren militanten, revolutionären Charakter in den Institutionen
nicht entscheidend zähmt. Die zentralen Fragen sind, ob Hamas diesen Wandel will
und ob dieser friedlich vollzogen werden kann. Genau daran scheiterte die PLO
unter Arafat. Dem einstigen PLO-Chef gelang es nie, seine Fatah zu einer
staatstragenden politischen Partei zu entwickeln. Arafat konnte seine
Revolutionskameraden nur durch Zuwendungen, Amtszuschreibungen und ähnliches,
also durch Korruption zusammenhalten. Die Bevölkerung litt darunter, war aber
Arafat, als Vater des palästinensischen Volkes, stets treu. Mit dem Tod von
Arafat hatte die Fatah ihren Trumpf verloren. An den Urnen straften die
Palästinenser die korrupte Elite des Landes ab. Die beste Wahlhilfe bekam Hamas
jedoch vom Westen. Dieser sprach von Demokratie und drohte gleichzeitig den
Palästinensern mit Sanktionen, sollten sie anders wählen, als dem Westen genehm.
Damit war für Kenner klar, dass Hamas die Wahlen gewinnen würde. Denn das
verarmte Palästina nahm die Wahlen als Gelegenheit wahr, den eigenen Stolz
wiederherzustellen. Eine weitere Demütigung hätte für die palästinensische
Identität verheerendere Folgen gehabt als der Wahlgewinn der Hamas. Die Wähler
stimmten für ein souveränes Palästina. Hamas dürfte paradoxerweise selbst
überrascht sein. Denn die widersprüchlichen Aussagen der Hamasführer nach der
Bekanntgabe des Wahlsieges lassen daran zweifeln, dass Hamas einen
ausgearbeiteten Plan für eine Regierungsbildung hat. Bis heute lehnt Hamas die
Anerkennung Israels ab. Doch Erfahrungen zeigen, dass revolutionäre Bewegungen,
die politische Macht erringen, häufig pragmatisch werden und ein hohes Maß an
Flexibilität bezüglich ihrer politischen Agenda an den Tagen legen. Es gibt
allerdings auch Gegenbeispiel, wie wir aus der deutschen Geschichte wissen. Von
Hamas kommen widersprüchliche Verlautbarungen: Während Hamas- Chef Chaled
Meschal aus Damaskus die Gründung einer eigenen Armee verkündet, sagte
Spitzenkandidat Ismail Hanija, "Es gibt eine Realität, mit der wir umgehen
müssen." Da die abgewählte Fatah-Bewegung eine Regierungsbeteiligung ablehnt,
bleibt Hamas nichts anderes übrig, als die Regierung alleine zu bilden. Die
Erfahrungen mit bewaffneten Widerstandsbewegungen zeigen, dass diese für ihren
Kampf über Untergrundstrukturen und nicht über ständige, leicht erkennbare
Aktionsbasen verfügen. Hamas schickte ihre politische Führung insbesondere nach
der Liquidierung ihrer geistlichen und politischen Führer 2004 in den
Untergrund. Der militärische Flügel operierte von Anfang an im Untergrund. Nun
muss Hamas ins Parlament ziehen und das Kabinett bilden. Sie muss ihre Beziehung
zu etablierten Institutionen neu definieren. Denn Parlament und Regierung sind
keine geheimen Orten, in denen man unerkannt Vergeltungsanschläge gegen Israel
plant. Die Kosten für eine Fortsetzung des bewaffneten Kampfes werden sich
automatisch immens erhöhen. Hamas ist gezwungen, sich als Regierung im Rahmen
der Gesetze zu bewegen. Der Unsicherheitsfaktor in den Palästinensergebieten
muss nun die Sicherheit der Bürger in den Autonomiegebieten gewährleisten. Das
bedeutet auch, den Umgang mit Israel, radikal zu revidieren. Denn: Sollte Hamas
ihren bisherigen Kurs fortfahren, würden die massiven israelischen
Vergeltungsschläge wesentlich mehr Palästinenser das Leben kosten als zuvor.
Hamas ist durch demokratische Wahlen an die Macht gekommen. Sie muss also im
Rahmen demokratischer Strukturen politischen und religiösen Pluralismus billigen
und fördern. Die politische Realität, von der Spitzenkandidat Hanija sprach,
muss in Konsequenz bedeutet: Hamas auf den Boden der Realität herunterzuholen.
Die Fatah hat sich bewusst für die Opposition entschieden, weil sie einer Hamas-
Regierung kaum Überlebenschancen einräumt. Sollte es Hamas jedoch gelingen,
ihren bewaffneten Kampf aufzugeben und zu einer institutionellen Kraft zu
werden, was nicht völlig ausgeschlossen sein muss, würde sie einen Einschnitt in
der islamistischen Geschichte markieren. Der Wahlsieg der Hamas bedeutet die
legale Machtübernahme einer terroristischen Bewegung im prekärsten Teil des
Nahen Ostens. Damit setzten die Palästinenser Wegzeichen und erteilen den
arabischen Regimen eine Lektion. Denn der Siegeszug der Islamisten seit 1967
wird nun gekrönt. Haben damals die Israelis alle arabischen Armeen demütigend
besiegt und damit den arabischen Nationalismus in einen Komazustand versetzt, so
schalten nun die Islamisten ausgerechnet im symbolträchtigen Palästina 2006 die
Maschinen ab. In den arabischen Ländern haben sich Systeme eingenistet, die eine
panarabische Ideologie propagieren und Gewalt als Mechanismus zur Regelung der
Beziehung von Herrschenden und Beherrschten etabliert haben. Dem arabischen
Nationalismus ist es nie gelungen, die Gesellschaft zu integrieren, so dass er
kaum praktikable Lösungen bieten konnte für die Herausforderungen, mit denen
sich die arabische Welt konfrontiert sah. Weder staatstragender Konsens noch
strategische Überlegungen zur Bewältigung kolossaler lokaler und globaler
Herausforderungen wurden produziert. Vielmehr setzt der arabische Staat auf
politische Gewalt als Allheilmittel. Die politischen Eliten in den arabischen
Staaten sind korrupt. Laut UN-Berichten herrscht dort ein Teufelskreis von
Repression und Korruption vor, so dass wirtschaftliche Korruption als natürliche
Folge politischer Korruption die Situation verheerend verschärft. Die fehlende
demokratische Kultur führt bei fehlendem Änderungsvermögen und vorhandenem
Änderungswillen in Teilen der Gesellschaft zur Bildung von islamistischen
Gegeneliten, die durchaus Gewalt als Konfliktlösungsmechanismus zulassen. Der
Aufstieg des Islamismus kann auch als unmittelbare Folge repressiver staatlicher
Gewalt im Rahmen von panarabischen Einheitsideologien verstanden werden. Das
Verbot politischer Parteien zwang die Menschen, regelrecht ihre Probleme in der
einzig erlaubten Sprache der Religion zu denken. Die staatlichen Zensurbehörden
und die Gewaltapparate vermochten nicht die Moscheen zu verbieten, wie sie es
mit den politischen Strömungen und Parteien getan haben. Es wurde nicht bedacht,
dass Religion in letzter Konsequenz ein "fait social" darstellt. Dort wurden
jedoch aufgrund fehlender Alternativen die gesellschaftlichen Probleme
ausschließlich im religiösen Kontext debattiert. Die dort angebotenen Lösungen
sind ebenfalls ausschließlich religiös. Durch Repression sollten politische
Opponenten marginalisiert werden, faktisch hat man jedoch damit den Islamismus
ungewollt gestärkt. Nur in diesem Kontext ist der Wahlsieg der Hamas zu
verstehen. Wir sind Zeugen eines "Laborversuches" und können davon ausgehen,
dass bei keiner tatsächlich demokratischen Wahl im Nahen Osten die Islamisten
mehr abwesend sein werden.
Autor: VON BEHROUZ KHOSROZADEH UND MARWAN ABOU-TAAM
Quelle:
http://www.die-tagespost.de/Archiv/titel_anzeige.asp?ID=20749
|